So., 12.02.12

«Anvil» Ich will aber!

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann

Artikel vom 11.03.2010

Die rührende Geschichte einer Männerfreundschaft erzählt der Film Anvil. Ach ja, und nebenbei geht es auch noch um Heavy Metal. Auch wenn «Lips» und Robb so harte Jungs gar nicht sind. Ein Heavy-Metal-Film fürs Herz – das muss man erstmal schaffen.

11.03.2010
Trailer «Anvil»
Alles läuft schief
Video: Rapid Eye Movies

Wenn Steve Kudlow, genannt «Lips», von seiner Band Anvil erzählt, strahlt er, als hätte jemand ein Licht in seinem Gesicht angeknipst. Einst tobte er im Sado-Maso-Geschirr über die Bühne und traktierte seine Gitarre mit einem Dildo. Heute schlufft «Lips» in zerknautschter Jeansjacke und Wollmütze zur Arbeit in einer Großküche.

Sacha Gervasi hat mit Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft einen wunderbar rührenden Dokumentarfilm über eine kanadische Heavy-Metal-Band gemacht, die ein maßgeblicher Einfluss für die ganz Großen wie Metallica, Slayer oder Motörhead waren, selbst aber nie den entscheidenden Sprung in die Musikgeschichte schafften. Und genau daran zerreiben sich Steve «Lips» Kudlow und Robb Reiner, die Gründungsmitglieder der Band bis heute. In der Metalszene gelten Anvil als Väter des Power Metal und Thrash Metal.

Doch um Metal geht es in diesem Film eigentlich gar nicht, sondern um ganz große Gefühle. Gervasi hat nicht nur einen Film für Heavy-Metal-Fans gemacht, sondern eine zutiefst rührende Geschichte von einer großen Männerfreundschaft und einer Droge namens Erfolg. «Lips» und Robb kennen sich schon seit der Schulzeit, mit langen Matten sind sie gemeinsam durch die Pubertät getrottet und haben sich in ihrem Proberaum verschanzt.

Tour der Katastrophen

Der große Höhepunkt ihrer Karriere war ein Festival in Tokio, vor richtig großem Publikum. Anvil tritt mit Bon Jovi, den Scorpions und Whitesnake auf. «Alle diese Bands haben Millionen Platten weltweit verkauft. Alle, bis auf eine», bringt der Film die bittere Realität auf den Punkt. Auch heute noch zehren «Lips» und Robb von diesem Moment, sie haben das Proben nie aufgegeben und treten tapfer in kleinen Clubs auf. Der Dokumentarfilm zeigt den letzten verzweifelten Versuch, die Band doch noch groß raus zu bringen.

Aus Italien meldet sich eine Frau – ein glühender Anvil-Fan – und bucht für die Truppe eine Europa-Tour. Keine Frage, dass «Lips» gleich Feuer und Flamme ist und die anderen in seinen Begeisterungsbann zieht. Doch leider ist die Dame als Tourmanagerin völlig überfordert und so wird das vermeintliche Comeback ein einziges Desaster: Verpasste Züge, Auftritte ohne Publikum und als dann ein Wirt die Gage nicht zahlen will, weil sich die Band stundenlang im Gassengewirr Prags verirrt, statt pünktlich zum Auftritt zu erscheinen, brennen bei «Lips» die Sicherungen durch.

Es sind solche Momente, in denen die brennende Leidenschaft der Musiker und das Schicksal so hart aufeinander prallen, die diesen Film zu einem der schönsten Dokumentarfilme seit langem machen. Gervasi zeigt behutsam das zarte Wesen der beiden Metaller, die so leidenschaftlich streiten können, um sich dann doch wieder linkisch in die Arme zu fallen und ein Tränchen aus dem Augenwinkel zu streichen.

Das Ruder endlich herumreißen

Der Erfolg war für Anvil zum Greifen nah und genau das ist das Grausame: Wie die Karotte an der Angel baumelt die Heavy-Metal-Krone immer ein Stückchen zu weit vor ihrer Nase. Die Versuchung, immer wieder danach zu greifen, ist einfach zu groß. Eine große Belastungsprobe für die Freundschaft zwischen «Lips» und Robb, aber auch für deren Familien.

Ein großes Glück für diesen Film sind die charismatischen Hauptpersonen: «Lips», der sich immer wieder so rührend in Begeisterung entzündet und Robb, der Grübler, der seinem Kumpel sanft auf den Boden der Tatsachen zurück holt und dem man ansieht, wie die Zweifel an ihm nagen. Behutsam und mit Respekt folgt die Kamera ihnen bei ihrem verzweifelten Kampf um Ruhm und Anerkennung. Dann scheint sich das Blatt doch noch einmal zu wenden und Anvil bekommen die Chance ein Album aufzunehmen, das das Ruder endlich herumreißen soll. Frontmann «Lips» ist so enthusiastisch, dass man sich auch als Zuschauer gern in seinen grenzenlosen Optimismus mitreißen lässt.

Es ist auch ein Kampf gegen das Altern, den «Lips» und Robb anzetteln. Das Erschrecken vor der Erkenntnis, dass ihnen die Zeit wegläuft, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie haben sich so in ihrer Jugend verhakt, in die Zeit, als noch alles möglich war, dass sie auch heute wirken, wie zwei 17-Jährige auf dem Weg zum Proberaum. Nur, dass sie jetzt etwas gebeugter gehen und in ein Sado-Maso-Geschirr wird sich Charismatiker «Lips» heute wohl hoffentlich auch nicht mehr zwängen.

Titel: Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft
Regie: Sacha Gervasi
Verleih: Rapid Eye Movies
Spielzeit: 80 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

bla/news.de
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«Anvil»: Ich will aber! » Medien » Nachrichten

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