So., 12.02.12

«Hart aber fair» Hartzer Käse

Von news.de-Mitarbeiter Andreas Schloder

Artikel vom 11.03.2010

Hartz IV gehört mittlerweile zu den Dauerthemen bei Hart aber fair. Doch die einzige Erkenntnis, die der Zuschauer wirklich mitnimmt, ist die Ideenlosigkeit der Politik. Und die weithin bekannte Tatsache, dass die Regelungen fragwürdig sind.

Guido Westerwelle, Thilo Sarrazin, Hannelore Kraft: Mit ihren polarisierenden Meinungen servieren sie Empfänger von Hartz IV derzeit auf dem Präsentierteller, liefern aber kaum realistische Lösungen. Genauso wenig schaffte es der Polittalk Hart aber fair mit «Jung, arm, chancenlos – Wie aus Kindern Hartzer werden!».

Es war nicht die erste und bestimmt auch nicht die letzte Hart aber fair-Sendung, die sich mit der Perspektivlosigkeit einer ganzen heranwachsenden Generation befasste. Demnach glaubt jeder vierte Jugendliche, nach seiner Ausbildung nur einen Job mit niedrigem Lohnniveau zu bekommen. Doch wirkliche Impulse zur Verbesserung fehlten, wie es Stern-Autor und Gast Walter Wüllenweber auf den Punkt brachte. Selbst im ARD-Format werde seit Jahren so oft über das Thema diskutiert, dass die Sendung mittlerweile auch Hartz aber fair heißen könnte.

Hartzen als Fremdwort für Politiker

Die neueste Erkenntnis für die sechs Talkgäste war wohl Hartzen selbst. Vor allem für die zwei Politikervertreter Martin Lindner (FDP) und Hannelore Kraft. Ein Indiz vielleicht, wie weit sie von der Realität weg sind. Gerade die SPD-Landeschefin aus Nordrhein-Westfalen hat mit ihrer aktuellen Forderung, Langzeitarbeitslose zu gemeinnütziger Arbeit zu verpflichten, fast Westerwelle-Dimensionen erreicht und mit ihrem Erklärungsbedarf zu viel Sendezeit beansprucht, die am Jugendthema deutlich vorbeiführte. Denn mittlerweile ist Hartzen nicht mehr aus der Teeniesprache wegzudenken. Das Synonym für sinnlos rumhängen wurde sinnbildlich zum Jugendwort des Jahres 2009 gewählt.

Hartz-IV-Empfänger als Berufswunsch. Das darf es nicht geben, waren sich die zwei Politiker mit den Talkkollegen, Bauunternehmerin Claudia Sturm, Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, Stern-Autor Walter Wüllenweber und Hartz-IV-Empfängerin Christiane Weimar noch einig. Tatsache ist: Viel zu oft bleiben benachteiligte Kinder auch als Erwachsene arm – an Bildung und Chancen. Auch hier herrschte Konsenz.

Aber dann: Welcher Ansatz ist der richtige? Mehr Geld für die Eltern und mehr staatlicher Einfluss auf die Erziehung? Was folgte, war ein Potpourri diverser Ideologien, die den Zuschauer überforderten: Gerechte Verteilung in der Gesellschaft von Rechten und Pflichten für Hartzer und Einführung einer Vorschule wie in Frankreich, um einheitlichen Bildungsstandard abseits aller sozialen Unterschiede zu garantieren (Lindner), Schaffung neuer Ausbildungsplätze für Jugendliche (Schneider und Sturm), Unterstützung ohne große Hürden für Kinder von Langzeitarbeitslosen schon vor der Geburt (Kraft) sowie ein generell fehlendes Vertrauen in die Politik, diese Herausforderungen lösen zu können (Weimar).

Bildungsfahrstuhl nach oben außer Betrieb

Als einzig griffige Forderung - wenn auch nicht neu - kristallisierte sich die Einschätzung von Wüllenweber heraus. «Wir müssen mehr Geld in Bildung stecken, um allen die Chance bieten zu können, etwas aus sich zu machen.» Aber seit Jahren werde darüber geredet, nichts habe sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Denn im Vergleich zu anderen europäischen Staaten gehört Deutschland in Sachen Aufstiegschancen für sozial Benachteiligte zu den Schlusslichtern. «Am Bildungsfahrstuhl nach oben hängt von Anfang an das Schild außer Betrieb», so Wüllenweber.

Sinnbild für das Dilemma der deutschen Politik, dass Worten kaum Taten folgen, ist der Fall von Christiane Weimar. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder war bereits im August vergangenen Jahres Gast bei Moderator Frank Plasberg und sorgte mit der Geschichte ihrer damals 15-jährigen Tochter Laura für Aufsehen.

Die Schülerin jobbte in den Ferien, um sich mit dem ersten selbstverdienten Geld eine Bassgitarre zu kaufen. Doch das Arbeitsamt forderte danach von Mutter Christiane über 330 Euro zurück, da Lauras Verdienst auf das Familieneinkommen angerechnet wird. «Wir werden das korrigieren, das kann ich Ihnen zusagen», versprach FDP-Politiker Lindner der Hartz-IV-Empfängerin. Ebenso wie die Politiker, die vor einem halben Jahr zu Gast in der Sendung waren. Geschehen ist seither nichts oder wurde nicht zugelassen. Zwei Anträge, einer der Linken und einer der SPD, scheiterten im Bundestag am Veto der schwarz-gelben Koalition.

So wenig Hoffnung die Sendung auf schnelle und nachhaltige Lösungen machte, umso positiver, dass Laura Weimar und ihre Mutter Christiane nicht resignieren. Die Schülerin wird in den kommenden Ferien trotz fragwürdiger Hartz-IV-Regelungen wieder jobben. Hoffentlich haben auch Guido Westerwelle und Thilo Sarrazin die Sendung gesehen, um endlich ein differenzierteres Bild von Langzeitarbeitslosen und ihren Familien zu bekommen.

cvd/mat/reu/news.de
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«Hart aber fair»: Hartzer Käse » Medien » Nachrichten

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Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 17.03.2010 01:55
von
viech666

Tja, wie war das noch gleich? Arbeit muß sich wieder lohnen? Was bitte soll ein Kind bei solchen Erlebnissen lernen? Hätte man mir damals mein erstes selbst verdientes Ferienjobgeld weggenommen oder meine Eltern dafür bestraft, daß ich etwas verdient habe, dann wäre das auch mein letzter (Ferien-) Job gewesen! Motivation und Chancen für junge Leute sehen anders aus. Auch daß sie glauben, nur Jobs mit niedrigem Lohn zu bekommen, entspricht ja leider nur der Realität. Ingenieure und Ärzte mit Facharbeiterlohn und Zeitvertrag sind heute normal. Motiviert sowas? Höchstens zum Auswandern!

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