Die Angst vor Büchern
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Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Mühlbeck
Artikel vom 16.03.2010
Auf der Leipziger Buchmesse werden in dieser Woche Tausende neue Bücher vorgestellt. Doch keine 50 Kilometer entfernt warten gleich eine Million Exemplare auf neue Besitzer. Alte Bücher, zwischen denen eine Antiquarin eine ganz besondere Angst entwickelt hat.
Heute stehen Bücher dort, wo einst die Schlachttheke war. Sie liegen dort, wo die Gläser mit Rotkohl auf ihren Käufer gewartet haben. Sie sind gestapelt, wo Milch und Kartoffeln lagerten. Das Antiquariat in Mühlbeck war einmal ein Dorfkonsum. Einer jener typischen Läden in kleinen Orten der DDR, in denen es im Grunde alles gab, aber nichts vorrätig war. Sie schafften es im Regelfall nicht über 1989 hinaus. Manche wurden abgerissen, andere ein Feuerwehrhaus – der in Mühlbeck ist nun ein Buchladen.
Auf dem Tisch in der Essecke liegen Rechnungen und Bestellscheine. In der Küchenecke brodelt ein Wasserkocher. Im Wohnbereich stehen zwei Sofas, die äußerlich nicht zusammen passen. Heidi Dehne (67) kocht, isst und wohnt in einem großen Raum mit vielen Ecken und Nischen. Das verbindende Element sind Bücher. 3000 Stück. Sie stehen in Regalen, überall da, wo andere Möbel Platz gelassen haben. Bücher bis unter die Decke, nach Themen sortiert. Wer Heidi Dehne fragt, wie viele sie zu einem bestimmten Thema hat, bekommt die Antwort nicht in der Anzahl, sondern in laufenden Metern.
Bücher machen auch Angst
Der Bücherkonsum und die Wohnung voller Bücher befinden sich in Mühlbeck, einem Dorf mit 800 Einwohnen, 50 Kilometer von Leipzig entfernt. Tourismusexperten würden sich über die besondere Lage freuen: zwischen zwei Seen. Das Klima ist entsprechend mild. Doch nebenan liegt Bitterfeld, eine alte Industriestadt. Touristen strömen trotzdem nach Mühlbeck. Das ganze Jahr, besonders im März, in den Wochen vor und nach der Buchmesse in Leipzig. Bücherfans wissen: In Leipzig gibt es zwar Tausende Neuvorstellungen, in Mühlbeck jedoch finden sie fast alles Antiquarische, was ihr Herz begehrt.
Schuld daran, wenn man so möchte, ist Heidi Dehne. Sie ist dafür verantwortlich zu machen, dass eine Million Bücher in Mühlbeck auf neue Besitzer warten. Sie hat schon Sammler weinen sehen, ob der Vielfalt, ob eines bestimmten Buches. Das Antiquariat im ehemaligen Dorfkonsum ist nicht das einzige im Ort. Es ist eines von 13 Stück. Mühlbeck ist ein sogenanntes Buchdorf, seit 1997. Es ist das erste in Deutschland und darf sich so nennen, weil sich hier alles um das Buch dreht: Antiquariate, Veranstaltungen, Buchbinder, Kaffees, Ferienwohnungen. Das Buch ist Wirtschaftsfaktor und Symbol für einen ganzen Ort. Und es macht etwas Angst.
Die Idee, die Heidi Dehne da hatte, ist nur zur Hälfte ihre eigene. Das erste Buchdorf der Welt ist in Großbritannien entstanden, genauer in Wales. Es heißt Hay-on-Wye. Ein gewisser Richard Booth eröffnete dort 1961 das erste Antiquariat. Dann nahm die Geschichte seinen Lauf. Heidi Dehne schaute sich die Idee ab und suchte nach einem passenden Dörfchen in Deutschland. Gefunden hat sie es nicht im Rheinland, aus dem sie stammt, sondern zwischen den beiden kleinen Seen bei Bitterfeld. In Mühlbeck stand 1997 die alte Schule leer, an Mitstreitern mangelte es nicht. Sie gründeten zusammen einen Verein und holten die ersten Bücher ins Dorf.
Vom Schundroman bis Cicero
Der alte Konsum hat noch heute seine großen Schaufenster. Ansonsten ist alles anders. Heidi Dehne hat das Gebäude gekauft. Sie hat die Fleischtheke herausgeruppt, sie hat das Lager entkernt und die Fliesen von der Wand geklopft. Sie hat saniert und angebaut. Nun bietet der Bücherkonsum Platz für 80.000 Exemplare. Von A wie Astronomie bis Z wie Zaubern ist alles dabei. Jedes antiquarische Buch findet einen neuen Besitzer, ist sich Heidi Dehne sicher. Es habe ja auch einen Erstkäufer gegeben. Darum hat sie alles im Angebot. Vom sogenannten Schundromanheftchen bis zur Klassischen Philosophie von Cicero in Latein. Das Papier ist pergamentdünn. Sechs Bände zu 450 Euro.
Hinten in der Ecke stapeln sich die Bananenkisten. Auch sie sind voller Bücher und noch nicht in die Regale sortiert. Tausende Exemplare. Jeden Tag werden es mehr. Heidi Dehne kauft sie auf. «Ich liebe Bücher wirklich», sagt sie. «Die einzige Angst, die ich habe, ist, von ihnen zugemüllt zu werden.»
bla/ivb/news.de
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