Grönemeyer als Krautrock-Archäologe
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Von Werner Herpell
Artikel vom 10.03.2010
In einer winzigen Bar am Prenzlauer Berg hat Herbert Grönemeyers Plattenlabel Grönland den vielleicht spektakulärsten Coup des bekennenden Krautrock-Fans vorgestellt: eine luxuriöse Vinyl-Box mit dem Gesamtwerk der legendären 70er-Jahre-Band Neu!.
Tiefer konnte die Verbeugung von Herbert Grönemeyer nicht ausfallen: «Das hier ist für mich eine unheimliche Ehre, ich bin gerührt und stolz», sagte der wohl populärste deutsche Musiker am Dienstagabend in Berlin. Allerdings nicht bei einer Preisverleihung oder Hauptstadt-Gala, sondern vor einem knappen Dutzend Pop-Kritiker in der winzigen «Neu! Bar» am Prenzlauer Berg.
Die Mai-Veröffentlichung der drei Alben Neu! (1972), Neu! 2 (1973) und Neu! '75 (1975) sowie bisher gänzlich verschollener Aufnahmen (1986) war dem Überraschungsgast Grönemeyer warme Worte in der rustikalen Berliner Kneipe wert. Praktischerweise wird sie von Fans der schon lange aufgelösten Band betrieben. Als «undeutsch, chaotisch, wild» beschrieb der 53-jährige Grönemeyer den bis heute einflussreichen Elektronik-Sound der beiden Neu!-Musiker Michael Rother und Klaus Dinger, die in einem Atemzug mit Krautrock-Helden wie Kraftwerk oder Can genannt werden. Der motorisch treibende Groove dieser Musik wird heute auch von Superstars wie David Bowie, U2 oder Radiohead als prägender Einfluss genannt.
Im Gedenken an Klaus Dinger
Rother, der zeitweise mit Solo-Platten wie Flammende Herzen kommerzielle Erfolge feierte, hörte den Lobeshymnen seines berühmten Labelbosses Grönemeyer am Dienstagabend amüsiert zu. Sein langjähriger musikalischer Partner und, man muss es so deutlich sagen, auch Widersacher - starb vor zwei Jahren. «Wir haben dies auch im Gedenken an Klaus Dinger getan», sagte Grönemeyer über sein Projekt. Er selbst hatte vor zehn Jahren ermöglicht, dass die beiden nach bitterem persönlichen und künstlerischen Streit wieder miteinander redeten und grünes Licht für CD-Veröffentlichungen gaben.
In Erinnerung an diese komplizierte Schlichtung bezeichnete Grönemeyer die Neu!-Männer als «perfektionistische Kratzbürsten» und «radikale Romantiker». Er erwähnte besonders das nunmehr erstmals offiziell erscheinende Album Neu! '86. Es sei «ein Dokument, das zu Reibereien geführt hat», sagte Grönemeyer. Eine vorsichtige Umschreibung des Hickhacks um diese Platte, die Mitte der 80er Jahre das missglückte Comeback des Krautrock-Duos markierte.
Die eher poporientierte Seite (Rother) und die experimentelle (Dinger), wohl auch die unterschiedlichen Charaktere, passten seinerzeit nicht zusammen. Wenngleich man das Album heute wieder als interessantes Spätwerk zweier Musiker hören kann, die auch bei Kraftwerk, Harmonia und La Düsseldorf ihre Spuren als Elektronik- Pioniere hinterlassen haben. Mit der prächtigen Vinyl-Box, die am 6. Mai veröffentlicht wird, wird eine prägende Ära deutscher Pop- und Rockmusik nun angemessen gewürdigt. Krautrock-Archäologe Grönemeyer zeigte in Berlin denn auch ganz unverblümt seine Freude: «Hier ist etwas Tolles entstanden.»
tfa/bla/reu/news.de/dpa
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