Ikonen des Britpop
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Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Artikel vom 09.03.2010
Blur haben die Popmusik revolutioniert. Der Dokumentarfilm No Distance Left to Run zeigt wie sich die Band um Damon Albarn und Graham Coxon findet, fetzt und wieder versöhnt. Das spannende Zeugnis der Bandgeschichte ist jetzt als DVD erschienen.
Blickdicht nach außen abgeschirmt und voll klimatisiert linsen die Britpop-Ikonen Damon Albarn, Graham Coxon, Alex James und Dave Rowntree aus dem Fenster ihres Tourbuses auf die Menschen da draußen. Es ist die typische Festival-Szenerie, auf die die Band Blur da blickt: Bierbesudelte schlafen im Gras ihren Rausch aus, leicht bekleidete Mädchen lassen sich auf Schultern tragen, Menschen mit merkwürdigen Hüten brüllen ausgelassen in den blauen Himmel. Alex James schmunzelt versonnen.
Glastonbury-Festival 2009 – die Band Blur reist zu ihrem ersten gemeinsamen Auftritt nach fünf Jahren Pause an. Was sie durch das Fenster sehen, ist für sie so unerreichbar, wie das Innere des Tourbus für die Fans. Noch immer sind die Menschen völlig außer Rand und Band, wenn Blur auftaucht. Mit einem Bier in der Hand über das Festivalgelände schlendern? Undenkbar.
Diese schöne Szene zeigt der Dokumentarfilm No Distance Left to Run, der jetzt als Doppel-DVD im Handel erhältlich ist. Der Film, der unter der Regie von Dylan Southern und Will Lovelace entstanden ist, erzählt die Geschichte der Band Blur, von der ersten Begegnung zwischen Damon Albarn und Graham Coxon in einem Nest in Essex, über Krisen, die Trennung bis hin zur großen Wiedervereinigung im Jahr 2009. Der Film zeigt bisher unveröffentlichtes Archivmaterial und aktuelle Interviews. Auf einer zweiten CD kann man dann 126 Minuten lang im legendären Hyde Park Konzert schwelgen, das Blur im Juli 2009 gab. Mit großen Hits wie She's So High, There's No Other Way oder Parklife treiben sie ihre Fans in Extase.
«I needed my friends back», sagt Bassist Alex James und streicht sich die Matte aus dem Gesicht. Und dieses Geständnis ist tatsächlich die rührende Kernbotschaft dieses Films. Hier rafft sich nicht etwa eine alternde Band noch einmal auf, um aus dem Erfolg ihrer Jugendjahre noch etwas Kohle heraus zu pressen. Mit den gemeinsamen Auftritten feiern sie die Wiederentdeckung ihrer Freundschaft.
Der Film zeigt vor allem auch das interessante psychologische Geflecht zwischen Damon Albarn und Graham Coxon. Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können, wie Bassist Alex James beobachtet: Albarn ist der vibrierende Charismatiker, Coxon der introvertierte Grübler. Beide tragen schwer an privaten Tiefschlägen und beschädigen ihre Freundschaft, bis im Jahr 2002 der Eklat kommt. Coxon fliegt aus der Band. Zu dritt stemmen sie das Album Think Tank, dann löst sich Blur auf.
Die Puzzleteile klemmen
Wie raufen sich also diese vier Menschen so zusammen, dass sie wieder gemeinsam Musik machen können? Nicht nur die zwei Streithähne gilt es zu versöhnen, auch die anderen beiden Bandmitglieder müssen sich erst langsam mit der Idee anfreunden. Drummer Dave Rowntree hadert. Zeitgleich hört er von der Reunion der Band The Police und wie deren Drummer von den Schwierigkeiten erzählt, sich neu aufeinander einzustellen: Alle haben sich verändert und die Puzzlestücke passen nicht mehr so recht zusammen - «Wir haben ein Problem», denkt Rowntree und macht trotzdem wieder mit. Blur hat seinen Fans drei wunderbare Konzerte beschert, ob die Band weiterhin zusammen arbeiten kann, steht aber dennoch in den Sternen.
Der Film kontrastiert mehrere Zeitebenen miteinander: Die Band erinnert sich heute, dazu laufen Videoaufnahmen von Konzerten, Mitschnitte aus Fernsehshows, Bilder von Backstage-Blödeleien oder Amateuraufnahmen aus der Schulzeit. Die zwei DVDs stecken in einem Hochglanz-Schuber, ein kleines Poster des Covers gibt es dazu.
Der Film feiert nicht nur die großen Momente der Band, sondern blickt auch auf die dunklen Momente: Die desaströse USA-Tour, bei der die Bandmitglieder in eine tiefe Krise stürzten - Nirvana und die Grunge-Bewegung flammte auf und so wollte keiner etwas von der Musik der britischen Jungs wissen. Damon zog eine Erkenntnis aus dieser Zeit: Wir sind britisch. Und der Britpop war geboren. Das Konkurrenzgerangel mit der Band Oasis um die Britpop-Krone streift der Film nur am Rande.
Der Einstieg in das Video ist ziemlich pathetisch geraten: Der Union-Jack flattert und Radiostationen melden Gerüchte von der Wiedervereinigung der Band Blur. Dazu gefühlige Geigenklänge während Damon Albarn das Mikro in den Himmel reckt. Dennoch kann man hier spannende Interviews entdecken, in denen die Bandmitglieder viel von sich preisgeben.
Berührend ist, wie offen Coxon von seinen psychischen Problemen erzählt und auch Albarn zeigt große Emotionen: Beim Glastonbury-Festival bricht er beim Song To The End unter einem Weinkrampf zusammen. Die älteste Aufnahme ist die spannendste: Sie zeigt Damon Albarn beim Schultheater. Als Zeus verkleidet hieft er die Sonne in den Himmel. Dazu berichtet Graham Coxon im Rückblick, wie er Damon zum ersten Mal traf: «Ich dachte: Was für ein Showtalent»! Aber auch: Was für ein Poser.» Und damit hat er die schillernde Figur Damon Albarn sehr treffen auf den Punkt gebracht.
Titel: Blur - No Distance Left to Run
Regie: Dylan Southern
Spielzeit: 2 CDs, 98 Minuten Dokumentarfilm und 126 Minuten Hyde Park Concert
Preis: 21,99 Euro
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