Eine Legende kehrt zurück
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 08.03.2010
Kaum jemand kennt heute noch Jerry Cotton. Dabei gehört er zu den ganz Großen im Krimigeschäft. Wurde Zeit, dass ihm jemand ein Denkmal setzt. Christian Tramitz tut das nun und verkörpert den FBI-Agenten auf der Kinoleinwand.
Da soll noch einer sagen, Deutschland hätte keine Superspürnase. Wo Großbritannien mit James Bond punktet und die USA mit Theodoros Kojak, wo Frankreich mit Inspektor Clouseau aufwarten kann und Italien mit Comissario Brunetti, da hat Deutschland – seinen Derrick. International renommiert, über Jahrzehnte erfolgreich, kein Wunder, dass es da keiner geschafft hat, vorbeizukommen. Selbst Jerry Cotton nicht. Wie unfair!
Zugeben: So richtig ist dieser Cotton aber auch kein deutscher Ermittler. Zwar sind die Groschenromane eine Erfindung made in Germany, seit 1954 erscheinen die von mehr als 100 Autoren verfassten Agentengeschichten bei Bastei Lübbe, Cotton selbst aber, dieser «artige James Bond», wie ihn Klaus Kunkel seinerzeit nannte, ermittelt als FBI-Agent natürlich in New York und nicht etwa in Berlin, Stuttgart oder Wanne-Eickel.
Der deutscheste aller FBI-Agenten
2749 Cotton-Hefte hat der Verlag bis heute herausgebracht, eine Gesamtauflage von mehr als einer Milliarde Exemplaren steht zu Buche, acht Verfilmungen gab es bereits, in den 60er Jahren. Doch irgendwie war er in der Versenkung verschwunden, dieser deutscheste aller FBI-Agenten, so recht kennt ihn heute niemand mehr. Zeit also, ihn wieder einmal in Szene zu setzen, mit einem filmischen Denkmal. Am Donnerstag kommt es in die Kinos, mit Christian Tramitz in der Hauptrolle.
Bei diesem Namen nun ahnt jeder einigermaßen versierte Fernsehzuschauer oder Kinogänger: Es wird eine Parodie werden. Was soll man aber auch machen aus einer Reihe von Groschenheften, deren Sprache, deren Charaktere und deren Geschichten derart hölzern daherkommen? Es hilft schließlich nichts, einem wie Cotton (zu Deutsch: Baumwolle) kurzerhand einen dunklen Anzug, einen Jaguar E-Type und diese «tödliche» Smith&Wesson zu verpassen und zu hoffen, da werde schon ein zweiter Bond draus. Und so haben die Regisseure Cyrill Boss und Philipp Stennert getan, was eben getan werden muss: Sie haben ihn durch den Kakao gezogen, diesen Helden.
Cottons einziger ungelöster Fall
Der Fall, den er und Kollege Decker dabei zu lösen haben, ist eigentlich nebensächlich und kurz erzählt: Cotton hat gerade in einer waghalsigen Rettungsaktion ein junges Mädchen aus den Klauen brutaler Entführer befreit, dabei aber seinen Partner Ted Conroy (Janek Rieke) verloren, der schwer verletzt wurde. Schon wird der «G-Man», der Regierungsmann, zum nächsten Tatort gerufen. Der Schurke Sammy Serrano (Moritz Bleibtreu) ist tot. Wenig später stirbt auch Conroy vor Cottons Augen. Dem bleibt nur noch die Flucht: Denn in beiden Fällen führen die Spuren zu dem Ermittler selbst. Cotton hatte mit Serrano noch eine Rechnung offen. Er verdächtigte ihn, Gold im Wert von mehreren Hundert Millionen Dollar gestohlen zu haben. Das Verbrechen bleibt Cottons einziger ungelöster Fall.
Fortan klebt ihm die undurchsichtige Leiterin der Dienstaufsichtsbehörde, Daryl D. Zanuck (Christiane Paul), an den Fersen. Geblieben ist Cotton nur noch sein neuer Partner, der trottelige Phil Decker (Christian Ulmen). Zusammen verfolgen sie ihre einzige heiße Spur: eine Bande Krimineller um den deutschen Ganoven Klaus Schmidt (Heino Ferch). Verwirrung stiftet die ebenso schöne wie zwielichtige Tänzerin Malena, die Mónica Cruz, die Schwester von Hollywood-Star Penélope Cruz, verkörpert.
Man ahnt, wo der Hase langläuft
Dass diese Parodie, die ähnlich funktioniert wie seinerzeit der Pseudo-Wallace-Klamauk Der Wixxer, zu einem charmanten Streifen geworden ist, verdankt er vor allem den Darstellern, gerade, weil alle Figuren so herrliche klischeehaft besetzt wurden. Tramitz darf den smarten Helden geben, Ulmen den netten Trottel, Ferch spielt den bösen Deutschen und Bleibtreu den durchgeknallten Spinner. So geht es weiter bis zum letzten Charakter, und sie alle machen ihre Arbeit gut, Ulmen sogar mehr als nur das. Lediglich Christiane Paul ist vielleicht ein wenig aus der Spur, ein wenig hölzern stakst sie trotz manch äußerst unterhaltsamer Momente durch die Szenerie, zumal man ausgerechnet bei ihr etwas zu früh ahnt, wo der Hase langläuft.
Denoch: Jerry Cotton ist eine gelungene Mischung aus Agenten-Parodie und Action-Film, aus Krimi und Komödie. Ein unterhaltsamer Film, der durch gelungene Kostüme und ein herrlich altmodisches Bühnenbild überzeugt, dass da nicht jede Pointe sitzt und nicht jede Szene cineastisch glänzt, mag man verzeihen. Das Denkmal jedenfalls, das Boss und Stennert Jerry Cotton aufstellen wollten, es steht. Ein wenig wacklig vielleicht, und nicht gerade aus Gold. Aber es steht.
Titel: Jerry Cotton
Regisseure: Cyrill Boss und Philipp Stennert
Hauptdarsteller: Christian Tramitz, Christian Ulmen, Mónica Cruz, Christiane Paul, Heino Ferch, Joram Voelklein, Jürgen Tarrach, Moritz Bleibtreu, Christoph Maria Herbst, Herbert Knaup
Spielzeit: 100 Minuten
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2010
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 11. März 2010
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Christian Tramitz, als Jerry Cotton in den Kinos, über Christian Ulmen, die Zusammenarbeit mit Bully und Monica mehr ...
Jerry Cotton, FBI-Agent und Held der 1950er Jahre, kehrt zurück auf die Kinoleinwand. Ausgerechnet Comedian mehr ...
Die Lobeshymnen auf 2009 sind noch nicht verklungen, da geht der Höhenflug des deutschen Kinos schon mehr ...