Von news.de-Mitarbeiter Michael Bauer
Es gibt tatsächlich Castingstars, die das Zeug für eine internationale Karriere mitbringen. Nach Leona Lewis hat die britische TV-Show X-Factor mit Alexandra Burke eine weitere hitverdächtige Pop-Diva hervorgebracht. Auf ihrem Debüt Overcome beweist die Newcomerin Stimmgewalt.
Hierzulande funktionieren Castingformate nur als skandalträchtige Trash-Shows: Die Teilnehmer müssen durch große Schicksale, große Peinlichkeiten oder große Oberweite auffallen – eine große Stimme ist, wenn überhaupt, nur ein nebensächliches Extra. Es geht um die Quote, um Schlagzeilen und ein perfekt inszeniertes Herzschlag-Finale. Danach folgt noch eine obligatorische Nummer-1-Single aus der Feder von Dieter Bohlen. Das war’s dann auch schon für das frisch gekrönte RTL-Supersternchen. Die fünf Minuten im Rampenlicht sind im Nu vorbei!
Die Konsequenz: Das deutsche Publikum nimmt heimische Castingstars nicht mehr ernst, selbst wenn am Ende vielleicht doch ein echtes Gesangstalent gewinnen sollte. Ganz anders läuft das Prozedere im Ausland ab: So kann ein Sieger der britischen Castingshow X-Factor fest von einer internationalen Karriere ausgehen. Nach dem Ende der Show wird dieser nicht einfach mit ein paar billig produzierten Songs abgespeist und schnellstmöglich aufs Abstellgleis befördert. Stattdessen wird der Newcomer mehrere Monate konsequent auf das Leben als Star vorbereitet, erhält ein glamouröses Styling, Tanz- und Interviewtraining – und ganz wichtig: viel Zeit fürs Debütalbum.
Schnellschuss ausgeschlossen
Die 21-jährige Londonerin Alexandra Burke triumphierte bereits Ende 2008 als Gewinnerin bei X-Factor und veröffentlichte daraufhin lediglich eine Coverversion des Leonard-Cohen-Klassikers Hallelujah. Danach war erst einmal Sendepause. Zehn Monate durfte sich Alexandra Zeit lassen, um gemeinsam mit angesagten Top-Produzenten wie RedOne (Lady Gaga, Sugababes, Backstreet Boys) und Stargate (Whitney Houston, Ne-Yo) an Songs für ihren ersten Longplayer zu arbeiten. Die größte Herausforderung dabei war es wohl, sich von Kollegin Leona Lewis
abzugrenzen. Zu groß schienen zunächst die Gemeinsamkeiten mit der Vorgängerin: Beide Sängerinnen sind in ärmlichen Verhältnissen im Norden Londons aufgewachsen. Beide überzeugten das britische TV-Publikum mit einer außergewöhnlich kräftigen, schwarzen Stimme. Auch gewisse optische Ähnlichkeiten sind nicht von der Hand zu weisen.
Nicht verzagen, Marketing-Experten fragen! Das Vermarktungsproblem konnte gelöst werden: Während sich Leona Lewis weiterhin auf die großen Balladen konzentriert und als neue Whitney Houston verkauft wird, wurde Alexandra Burke mit dem Stempel «sexy Powerfrau» versehen. Zu diesem Image passen tanzbare Clubkracher wie die erste Single Bad Boys mit US-Rapper Flo Rida und das stampfende Broken Heels natürlich bestens. Trotz elektronischer Beats kommt Burkes Röhre noch gut zur Geltung, auf unnötige Effekte wurde weitgehend verzichtet. Die Melodien gehen schnell ins Ohr, sind klar auf Hit getrimmt, erhalten dank Alexandras markanter Stimmgewalt aber alle eine besondere Note. Das ist ohne Frage kommerzielle, aber ordentlich produzierte Popmusik.
Dance, Motown und Balladenroutine
Weniger gelungen sind die trashigen Euro-Dance-Tracks Dumb und Nothing But The Girl, die mit arg abgedroschenen Sounds Marke Ace of Base und DJ Bobo nerven. Dagegen wissen das synthetische Good Night Good Morning, ein Duett mit R'n'B-Sänger Ne-Yo, und die mitreißende Partynummer All Night Long wieder zu gefallen. Ein bisschen wie Füllmaterial wirken die Titel Burry Me (6 Feet Under) und You Broke My Heart, da sie so völlig aus der Reihe fallen: Hier eifert Burke Amy Winehouse und Duffy nach – mit schmissigen Popsongs, die sich an alten Motown-Hits orientieren. Das hat man in den letzten Jahren so oder so ähnlich einfach schon zu oft gehört. Ebenso klingt das stark begrenzte Balladenrepertoire eher routiniert als innovativ: Bei The Silence, Overcome und They Don’t Know darf Burke jedoch zeigen, dass sie selbst ihre Vorreiterin Leona Lewis stimmlich noch übertreffen kann.
Um es mit den Worten von Supertalent-Juror Bruce Darnell zu sagen: «Baby, du kannst singen!» Das ist in der schnelllebigen Popwelt von heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr.
Interpret: Alexandra Burke
Titel: Overcome
Plattenfirma: Sony
Erscheinungsdatum: 19. Februar 2010