Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Das deutsche Gesundheitssystem ist unrettbar verloren, müsste man nach einer Stunde Anne Will meinen. Doch ein Kunstkniff der Redaktion lässt Hoffnung blühen. Es gebe da nämlich einige, die hinter den Milliardenlöchern die Hand aufhalten.
Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich. Das Gesundheitssystem in Deutschland ist unbestritten gut, allein die Frage bleibt, wer das alles bezahlen soll, zumal es immer teurer wird. Ein Kostenairbag, wie ihn ein Telefonunternehmen anbietet, ist jedenfalls nicht in Sicht. Und dann sollen Pauschalen und Prämien aus dem kranken Gesundheitssystem ein gesundes Gesundheitssystem machen. Wie unmöglich das eigentlich ist, zeigte am Abend eine sehr vitale Runde beim Kopfpauschalen-Talk bei Anne Will.
Und der Bannstrahl der Runde zielte dorthin, wo ein Großteil des Geldes landet, dass den gesetzlichen Kassen im Moment fehlt, Stichwort Zusatzbeiträge. Die drei Politiker in der Runde, Gesundheits-Staatssekretär Daniel Bahr (FDP), Bärbel Höhn (Grüne) und Karl Lauterbach (SPD) nahmen sich unter Federführung der gut aufgelegten Anne Will-Redaktion die Pharmaunternehmen vor, vertreten allein durch die Geschäftsführerin des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller, Claudia Yzer.
Fast erleichtert senkten die Parteisoldaten ihre Daumen, als die für viele verblüffenden Mechanismen der Pharmagiganten offenbar wurden. Angesichts der Vorwürfe kein Wunder. So seien viele Medikamente in Deutschland überteuert und Firmen wie Bayer würden zwar 12.300 Menschen in der Forschung beschäftigen, aber eben auch mehr als drei Mal so viele in Marketing und Vertrieb, nämlich 38.000.
Vergessen die zerfahrene Diskussion um die zerfahrene Kopfpauschalen-Diskussion. Vergessen die Nervosität von Rößler-Vertreter Bahr, wenn er festgenagelt wurde. Vergessen die immer ideologische, bisweilen hysterische Auseinandersetzung zwischen Bahr und dem Duo Lauterbach/Höhn um die Finanzierung des maladen Patienten Gesundheit.
Unvergessen: Die Pharmariesen. Sie waren also die Bösen an diesem Abend. Leider waren sie nicht wirklich da, die Bayers, Stadas und Ratiopharms. Denn ihre Chef-Lobbyistin Claudia Yzer hatte nicht einen hellen Moment, den man ohne Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten hätte wahrnehmen können. Sie konnte sich einfach nicht der zweieinhalb bis drei Politiker und mit Anne Will und dem Fachjournalisten Hans Weiss auch noch zweier hartnäckiger Fragesteller erwehren. Praktisch wehrlos waren sie eine Stunde lang, die Riesen.
In der Kritik stehen die Arzneimittelhersteller wegen ihrer «obszönen Preise» (Weiss) und immer wieder wegen eminent hoher Renditen, die auch an deren Anteilseigner gehen. Die hohen Gewinne verteidigen die zumeist als Aktiengesellschaften gelisteten Unternehmen gebetsmühlenartig mit hohen Aufwendungen für die Forschung und die langwierige Entwicklung der Produkte. Die gestrige Gebetsmühle hakte etwas, doch die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung wurden tatsächlich vorgerechnet und selbstverständlich seien es im Schnitt 12 Jahre, bis ein Medikament auf dem Markt sei. Peinlich nur, dass Yzer die Kosten für ein Medikament in US-Dollar angab. 800 Millionen Dollar klingen eben gerade nach mehr als lediglich 590 Millionen Euro.
Erleichterung nach so viel Ideologie und bemühter Zahlendreher war dem Publikum dann doch noch vergönnt. Medizinjournalist Hans Weiss beschied, dass immer noch ein kompetenter Arzt am besten heilt. Applaus. Und schon gab Anne Will ab zu den Tagesthemen, zu Tom Buhrow. Dem Tom Buhrow, der derzeit nach einem Jogging-Unfall auch mit Gipsbein arbeitet. Krank? I wo.
reu/news.de