«Jetzt lassen Sie uns erst mal gewinnen»
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Von Nadine Emmerich
Artikel vom 06.03.2010
Bei manchen Filmen weiß man gar nicht so recht, wo sie eigentlich herkommen. Das Weiße Band ist so ein Fall. Deutschland? Österreich? Und wo wird eigentlich die kleine Goldstatuette landen, wenn der Streifen einen Oscar bekommt?
Wenn Michael Hanekes Vorkriegsdrama Das weiße Band bei der Oscar-Verleihung am morgigen Sonntag den Preis für den besten fremdsprachigen Film bekommen sollte, stellt sich die Ortsfrage: Wird der Oscar in Österreich oder Deutschland stehen? Der Regisseur und Drehbuchautor Haneke ist Österreicher und lebt in Wien, sein Film ist eine deutsch-österreichisch-französisch-italienische Koproduktion, die zum größten Teil von Deutschland finanziert wurde. Offiziell tritt Das weiße Band für die Bundesrepublik an.
Für den Geschäftsführer der Austrian Film Commission, Martin Schweighofer, ist indes klar: Der Preis werde vom Regisseur in Empfang genommen und damit wie der bereits gewonnene Golden Globe «auf einem Kaminsims in Wien» stehen – nämlich bei Haneke zuhause, sagt Schweighofer. Auch bei German Films, in Deutschland zuständig für die Auswahl der nationalen Beiträge für das Oscar-Rennen, heißt es: Der Preis geht an den Regisseur.
Deutsche und Österreicher feiern zusammen
Der Produzent Stefan Arndt von X Filme in Berlin sagt, bei den Golden Globes habe es eine Trophäe für Haneke und eine für ihn gegeben. Mit Blick auf ein mögliches Oscar-Duplikat gibt er sich aber zurückhaltend: «Jetzt lassen Sie uns erst mal gewinnen, und dann trau ich mich wahrscheinlich schon noch zu fragen.» Laut Schweighofer wird es in Los Angeles im Fall des Oscar-Gewinns aber schon mal eine gemeinsame deutsch-österreichische Feier geben.
Die Irritationen um Hanekes Schwarzweißdrama zeigen: Es wird schwieriger, zu definieren, was ein deutscher Film ist und was nicht. Dafür gibt es viele Beispiele: Der Vorleser wurde unter der Regie des Briten Stephen Daldry fast ausschließlich in Deutschland gedreht. Auch Inglourious Basterds von US-Filmemacher Quentin Tarantino wurde mit vielen deutschen Schauspielern überwiegend in Deutschland gefilmt und vom Deutschen Filmförderfonds (DFFF) bezuschusst. Ähnlich verhält es sich mit Roman Polanskis Der Ghostwriter und Michael Hoffmans Ein russischer Sommer.
Finanzkrise auch in der Filmwirtschaft
Der Vorstand der deutschen Filmförderungsanstalt (FFA), Peter Dinges, wertet dies positiv: «Die Filme sind nicht mehr lupenrein deutsch. Aber das war doch gewollt. Um international wettbewerbsfähig zu bleiben, brauchen wir Koproduktionen. Diese stärken den deutschen Markt im Moment sehr.« Der deutsche Film habe mittlerweile «ein Renommee», das ihn entsprechende Partner für Koproduktionen auch finden lasse. Im Kinojahr 2009 zählte die FFA insgesamt 79 Koproduktionen, 2005 waren es nur 56 gewesen.
Koproduktionen sind laut Dinges von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung. Dies gelte vor allem in Zeiten der Finanzkrise, wenn etwa Fernsehsender als Finanzierungspartner ihre Beteiligungen zurückschraubten. Wenn das Budget einer Produktion über rund sechs Millionen Euro hinausgehe, sei der deutsche Film «dringend darauf angewiesen, zusätzliche Finanzierungsquellen zu finden».
Nach dem 2001 geschlossenen deutsch-französischen Abkommen ist ein trilateraler Vertrag mit Österreich und der Schweiz laut FFA «nahezu ausverhandelt». Zudem wurde der Förderverein Deutsch-Russische Filmakademie gegründet, der sich während der Berlinale zur ersten Mitgliederversammlung traf. Dinges kann sich eine ähnliche Partnerschaft mit Israel vorstellen. Gespräche gebe es auch mit den skandinavischen Länder, vor allem Norwegen.
60 Millionen für den deutschen Film
Grund für die steigende Zahl deutsch-ausländischer Koproduktionen ist auch der 2007 in Kraft getretene Deutsche Filmförderfonds, der bis 2012 verlängert wurde. Jährlich werden 60 Millionen Euro für die Produktion von Kinofilmen in Deutschland zur Verfügung gestellt. Auf Antrag werden jedem Produzenten zwischen 16 und 20 Prozent der in Deutschland ausgegebenen Produktionskosten erstattet. 2009 bewilligte der Fonds 59,6 Millionen Euro für 104 Filmprojekte, darunter 38 internationale Koproduktionen.
Projektleiterin Christine Berg sagt: «Der DFFF hat für internationale Koproduktionen eine neue Tür geöffnet. Unsere Förderung macht es möglich, dass überhaupt erst auch internationale Großproduktionen mit einem Budget von mehr als 20 Millionen Euro in Deutschland realisiert werden können.» Zudem sichere der Fonds Projekte mit einem Volumen von mehr als sechs Millionen Euro, die sich allein aus dem deutschen Markt heraus nicht refinanzieren ließen.
Bei großen Filmpreisen könnten die zunehmenden Koproduktionen nach Einschätzung von Dinges künftig aber auch mal zu Verstimmungen zwischen den beteiligten Ländern führen – wie es bei Das weiße Band erst der Fall war. «Wir werden Wege finden müssen, um mit solchen Aufgabenstellungen umzugehen. Letztendlich ist es aber auch eine Frage klarer internationaler Regelungen und dessen, was die Filmschaffenden selber wollen», sagt der FFA-Chef.
bla/news.de/ddp
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