Echo 2010 Ranzig und dröge

Noch nicht einmal Oli Kahns Begleitung kann beim Echo für eine echte Überraschung sorgen. Es verläuft alles nach Plan bei Deutschlands wichigstem Musikpreis - kein wirkliches Kompliment für eine solche Show.

Jan Delay (Foto)
Jan Delay und seine Echos. Bild: ddp

Keine zehn Minuten waren vergangen beim Echo 2010 - Nora Tschirner hielt gerade eine wirklich hübsche Lobhudelei auf den ersten Gewinner des Abends, Peter Fox -, da stockte Deutschland der Atem. Die Kamera, sie hatte Oliver Kahn eingefangen, und neben ihm, da saß eine blonde, junge Dame, die man da noch nicht gesehen hatte. Oder doch? «Wer ist das bloß?», fragten sich wohl nicht wenige. War aber bloß Kahns neue Freundin Svenja. Alles halb so wild also.

«Wer ist das bloß?» - diese Frage hatte man sich einige Minuten zuvor jedoch schon einmal gestellt, da hatte Moderator Matthias Opdenhövel mit seiner Kollegin Sabine Heinrich die Bühne betreten. Sabine Heinrich? Mal ein wenig buddeln. Ach ja, 1Live, Radio, Unser Star für Oslo, noch eine Überraschung, dieses Mal eine echte. Mit ihrer Moderation allerdings gelang ihr leider keine zweite.

Frech in die Tasche gelogen

Die hätte dagegen Robbie Williams liefern können, der in äußerst smartem Smalltalk Matthias Opdenhövel damit überraschte, der Berliner Hertha - derzeit auf dem letzten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga - eine positive Zukunft vorauszusagen. Doch Pustekuchen, er hatte Moderator und Publikum frech in die Tasche gelogen. Die Hertha? Nie gesehen. Wäre ja auch zu schön gewesen.

Überhaupt, die Auftritte von Robbie Williams, sie waren eine Klasse für sich. Sein Schmunzeln, als Oliver Kahn seine Laudatio auf ihn hielt, als er mit halb geschlossenen Augen dastand und mit sichtlicher Ironie und Genuss die lobenden Worte entgegennahm, da wurde einem schon warm ums Herz. Wirklich mithalten konnte da nur noch Uschi Blum alias Hape Kerkeling, frisch eingetroffen aus dem Schlagerparadies Dormagen.

«Pop funktioniert so nicht»

Nun ist das mit dem Echo ja so eine Sache. Schon lange vor der Veranstaltung waren sich die Feuilletons, die Medienseiten und natürlich auch Tim Renner (Motor Music) einig, dass ein Preis, der nach dem Kriterium Chart-Erfolg vergeben wird, irgendwie an der Sache vorbei geht. «Echo-Verleihung: Was soll das noch?», fragte Gerrit Bartels deshalb auch im Tagesspiegel und antwortete sich selbst: «Pop funktioniert so nicht, und inzwischen dienen die Musikpreise mehr der Selbstvergewisserung der durch das Internet schwer gebeutelten Musikindustrie: Seht her, zeigt so eine Echo-Gala, uns gibt es noch! Wir sind noch wer! Wer da was gewinnt, ist Nebensache.»

Nun, vielleicht nicht ganz, auch wenn in diesen Sätzen eine Menge Wahrheit steckt. Wer gewinnt, ist nicht Nebensache, wer gewinnt, ist berechenbar. Die Charts des vergangenen Jahres werden einmal aufaddiert und fertig sind die Gewinner. Das sind dann eben wieder Peter Fox und Robbie Williams, das sind dann eben Cassandra Steen und Alexandra Berg, Jan Delay, die Kastelruther Spatzen (mit dem 13. Echo), oder Xavier Naidoo.

Kindergeburtstag mit Sido und Oliver Pocher

Daneben bot der Echo eine erstaunlich fulminante Show zwischen drögem Moderatorengeschäft, ranzigen Altherrenzoten und reichlich Geschwurbel. Der gemeinsame Auftritt von Adel Tawil, Till Brönner, Cassandra Steen und Gentleman etwa war schon ein Schmankerl. Ganz anders als der Kindergeburtstag, der zwischen Oliver Pocher und Preisträger Sido einer kleinen Lappalie wegen gefeiert wurde. Doch der war wohl ebenso unvermeidlich wie die Michael-Jackson-Gedenkviertelstunde.

«Wir können nicht feiern. Uns fehlt die lässige Eleganz», sagte Ulrich Tukur im vergangenen Jahr anlässlich des Deutschen Filmpreises. Nach diesem Echo allerdings muss man ihm widersprechen. Feiern können wir durchaus, und es gibt auch Anlässe zur Genüge, eine gar nicht so unansehnliche deutsche Musikszene etwa, den Besuch von Robbie Williams, Rihanna oder Depeche Mode (obwohl ohne Dave Gahan), eine ordentlich und mit hübschem Bombast produzierte Bühnenshow. Doch das Dazwischen, das misslingt einfach immer wieder. Die Moderation, der fehlende Glamour in den Off-Tönen, die Fähigkeit, zu überraschen, das macht aus Veranstaltungen wie dem Echo Jahr für Jahr Mogelpackungen.

Die Preise im Überblick:

-- Künstler National Rock/Pop: Xavier Naidoo

-- Künstler International Rock/Pop: Robbie Williams

-- Künstlerin National Rock/Pop: Cassandra Steen

-- Künstlerin International Rock/Pop: Lady GaGa

-- Gruppe National Rock/Pop: Silbermond

-- Gruppe International Rock/Pop: Depeche Mode

-- Künstler/Gruppe Deutschsprachiger Schlager: Andrea Berg

-- Künstler/Gruppe Volkstümliche Musik: Kastelruther Spatzen

-- Künstler/Gruppe National/International HipHop/Urban: Jan Delay

-- Künstler/Gruppe National Rock/Alternativ/Heavy Metal: Rammstein

-- Künstler/Gruppe International Rock/Alternative/Heavy Metal: Green Day

-- Album des Jahres National/International: Peter Fox - «Stadtaffe»

-- Bester Newcomer National: The Baseballs

-- Bester Newcomer International: Lady GaGa

-- Hit des Jahres National/International: Lady GaGa - «Poker Face»

-- Beste Musik-DVD-Produktion National: Helene Fischer - «Zaubermond Live»

-- Bester Live-Act National: Silbermond (Publikumsvoting über die Internetseiten der ARD-Pop- und jungen Wellen)

-- Bestes Video National: Sido - «Hey Du» (Publikumsvoting über die Internetseite myvideo.de)

-- Erfolgreichster Produzent/Erfolgreichstes Produzententeam National: Andreas Herbig, Peter «Jem» Seifert, Florian Fischer, Adel Tawil, Annette Humpe und Sebastian Kirchner für Ich + Ich

-- Kritikerpreis National: Jan Delay - «Wir Kinder vom Bahnhof Soul»

-- Medienpartner des Jahres: SWR

-- Handelspartner des Jahres: Amazon

-- Würdigung des Lebenswerkes: Peter Maffay

-- Ehren-Echo für soziales Engagement: Reamonn-Sänger Rea Garvey und die Stiftung «Saving an Angel»

cvd/ivb/news.de

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