«Gefühle interessieren mich mehr als Action»
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Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald
Artikel vom 10.03.2010
Harrison Ford ist zurück auf der Leinwand, in Ausnahmezustand. Im Interview spricht er über seinen Preis für den Ruhm, die Zukunft von Indiana Jones und den Schutz seiner Privatsphäre.
Mister Ford, es heißt, Interviews seien nicht so Ihre große Leidenschaft?
Ford: Wenn man sich dafür entscheidet, immer bei der Wahrheit zu bleiben, nichts zu erfinden und seine echten Gefühle zu vermitteln, dann sind die Grenzen zwangsläufig ziemlich eng gesteckt. Dann man wiederholt sich, erzählt immer wieder dasselbe – und sich selbst zuzuhören ist nicht ganz so unterhaltsam, wie es manchen Leuten vielleicht erscheinen mag. (lacht)
Es kann Sie ja keiner zu Interviews zwingen ...
Ford: Ich möchte mich dem gar nicht verweigern, ich spreche durchaus gerne über meine Filme, schließlich weiß ich, wie wichtig solche Dinge sind, um beim Publikum Aufmerksamkeit zu erreichen. Es besteht eine Art von Symbiose zwischen Schauspielern und Journalisten, dem werde ich mich nicht entziehen: Fangen wir also an! (lacht)
Welchen privaten Preis muss einer dafür zahlen, wenn er die populärsten Helden der Filmgeschichte verkörpert?
Ford: Einen Preis, der es allemal wert gewesen ist. In diesem Geschäft öffnet Erfolg dir neue Türen und Möglichkeiten. Dank Krieg der Sterne bekam ich zum Beispiel die Rolle in Der einzige Zeuge und viele andere Angebote, wo ich ganz unterschiedliche Fähigkeiten zeigen konnte. Kino ist ein sehr teures Geschäft, das ständig beste Leistungen verlangt. Für mich persönlich sind Kassenerfolge jedoch gar nicht so wichtig, mir geht es darum, Geschichten zu erzählen.
Schauspieler leben von der Beobachtung – können Sie noch andere Menschen ungestört beobachten?
Ford: Auf alle Fälle, diese Fähigkeit muss man sich bewahren. Man darf die Welt nicht mit den Augen eines Hollywood-Schauspielers sehen, sondern muss sie mit den Augen ganz normaler Menschen betrachten. Den meisten Schauspielern gelingt dies, wobei es nicht immer einfach ist, Leute zu beobachten, von denen man selbst bereits beobachtet wird. Zum Glück gelte ich inzwischen als alter Hut, das Interesse der Leute ist längst nicht mehr so groß wie früher.
Fühlen Sie sich denn selbst als alter Hut?
Ford: Nein, aber ich bin nicht mehr unbedingt so in Mode. Wobei ich es immer schon möglichst vermieden habe, in Mode zu sein. Ich sehe meinen Ansatz vielmehr darin, nützlich zu sein.
Im Vorspann des neuen Films kommt Ihr Name erst an zweiter Stelle – wie kommt es zu dieser Bescheidenheit?
Ford: Ganz einfach deshalb, weil im Mittelpunkt des Films die wahre Geschichte von John Crowley steht. Seine Figur spielt Brendan Fraser, deswegen wird er zuerst genannt. Mir selbst war vor allem wichtig, dass ich mit der Rolle die Zuschauer überrasche, weil man das von mir so nicht erwartet. Erwartungen zu brechen, unterschiedliche Figuren zu erforschen macht für mich den großen Reiz des Schauspielens aus.
Warum haben Sie sich vor Psychopathen oder bösen Buben bislang weitgehend ferngehalten?
Ford: In Schatten der Wahrheit spiele ich ja den Psychopathen, allzu häufig sollte man das jedoch nicht tun, weil der Überraschungseffekt sonst nicht mehr funktioniert. Ich habe nichts dagegen, einen Bösewicht zu spielen – solange das Böse verantwortungsbewusst inszeniert ist. Allerdings interessieren mich Gefühle noch immer viel mehr als Action. Mir ist es lieber, die Zuschauer kommen geläutert aus dem Kino als dass sie dort noch größere Explosionen und noch mehr Tote erleben.
Wie ist Ihr Verhältnis zu den Regisseuren Ihrer legendären Filme? Wie verstehen Sie sich privat mit Steven Spielberg und George Lucas?
Ford: Wir sind nicht die Typen, die gemeinsam rumhängen. Jeder von uns hat Familie, wir leben an unterschiedlichen Orten und verbringen schon deshalb nicht viel Zeit zusammen. Aber wir sind Freunde und Kollegen. Wir haben schließlich grandiose Erfahrungen gemeinsam erlebt.
Was ist das Schwierigste an Ihrem Beruf?
Ford: Schauspielen ist wie Eislaufen. Erst muss man das Gleichgewicht halten. Dann versucht man eine Drehung. Und immer wieder landet man auf dem Hintern. Bis man lernt, ein bisschen zu tanzen. Das Schwierigste ist die Kommunikation mit Kollegen und Regisseur. Wie vermittelt man seine Leidenschaft? Wie bittet man um Hilfe, um die Story richtig zu erzählen? Als Anfänger ist das nicht einfach, da hörst du oft nur: «Lern deine Dialoge und stolpere nicht über die Möbel.» Mit der Erfahrung wird das besser, erst dann macht der Job richtig Spaß.
Wie bewahren Sie sich Ihr Privatleben? Abgesehen von Nordkorea wird man Sie wohl an jedem Ort der Welt erkennen – können Sie überhaupt am öffentlichen Leben teilnehmen?
Ford: Es kommt darauf an, wohin man geht und auf welche Weise man das tut. Es gibt ja wissenschaftliche Untersuchungen, wie Menschen andere Gesichter wahrnehmen. Allerdings überrascht es mich immer wieder, wie schnell und häufig ich von Leuten erkannt werde – als wäre ich ein sechs Meter großer Riese. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Für mich ist das kein besonders großes Problem mehr. Es gibt genügend Orte, an denen ich allein sein kann – unter anderem in meinem Flugzeug über den Wolken.
Sie sind leidenschaftlicher Pilot, was macht die Faszination des Fliegens für Sie aus?
Ford: Zunächst fasziniert es mich, diese Fähigkeiten zu beherrschen. Es gibt dir ein besonderes Gefühl von Freiheit, wenn du über den Wolken für dein Flugzeug verantwortlich bist. Solche Erlebnisse macht man sonst nur sehr selten. Wobei ich übrigens kein tollkühner Pilot bin, ich möchte meine Familie und Freunde möglichst sicher wieder auf den Boden bringen.
Wenn Sie dem Tower sagen «Harrison Ford, ready for take off» ist es mit der Anonymität allerdings auch schnell vorbei ...
Ford: Das sage ich ja nicht. Im Flugzeug bin ich nicht Harrison Ford, sondern melde mich mit dem Flugzeugkennzeichen am Heck.
Darf man Ihnen zum Schluss noch die Indiana Jones-Frage stellen?
Ford: Klar, dann bekommen Sie die Indiana Jones-Antwort (lacht): Ja!
Was ist die Herausforderung für einen fünften Teil?
Ford: Die Herausforderung ist ein gutes Drehbuch, mehr nicht. Wie immer braucht es eine Idee, die Steven und mich fasziniert. Wenn das passiert, dann drehen wir. Steven will eine Fortsetzung und ich will sie auch.
Wird Ihr Filmsohn Shia LaBeouf wieder mit im Spiel sein?
Ford: Ich finde, die neuen Figuren eröffnen neue Möglichkeiten. Shia als Sohn, von dem Indiana nichts wusste. Dazu Karen Allen als seine Mutter – damit kann man ein ganz neues Verständnis für Indiana Jones schaffen. Genau darin liegt für mich die Verantwortung: In jeder Fortsetzung sollen die Zuschauer neue Seiten von Indiana Jones kennenlernen und ihn besser verstehen. Ich wäre mehr als glücklich, ein neues Abenteuer zu drehen. Wenn nötig, auch in 3D.
Geben Sie den Hut von Indiana Jones dann weiter an Shia?
Ford: Shia war nie vorgesehen, den Hut zu tragen. Sein Name lautet nicht Indiana Jones junior, sondern Mutt. Ich bin froh, wenn er dabei ist, denn Shia ist ein wunderbarer Schauspieler und als Person sehr amüsant. Ich würde mir keine Gedanken machen, den Hut weiterzugeben.
tfa/news.de
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