Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Ach, wäre doch die Zeit stehengeblieben: Nach mehr als zehn Jahren veröffentlicht Jennifer Rush wieder ein Studioalbum. Was auf den ersten Blick klingt wie ein Griff in die Mottenkiste, entpuppt sich leider auch auf den zweiten Blick als Enttäuschung.
Es ist eine Gnade des Zeitgeists, dass sich Mode wiederholt. Alles kommt irgendwann zurück, man braucht nur zu horten, was das Zeug hält und auf den richtigen Moment zu warten. Das weiß auch Jennifer Rush, Pop-Ikone der 1980er (The Power of Love). Das Revival von mit Nieten und Pailletten besetzten Lederklamotten zum Beispiel kommt ihr natürlich entgegen. «Da brauche ich überhaupt nichts zu kaufen, da gehe ich einfach in meinen Keller und hole das Zeug wieder raus», sagte sie kürzlich der Deutschen Presse-Agentur.
So ähnlich scheint es Rush, die seit zwölf Jahren nichts mehr veröffentlicht hat, auf den ersten Blick auch mit ihrer neuen Platte Now Is The Hour gehalten zu haben. Einfach mal ein paar Leute in den Keller schicken und schauen, was da noch so rumliegt. Und, oh Wunder, sie haben einiges gefunden, die Komponisten, darunter Jörgen Elofsson (Leona Lewis, Celine Dion), Natasha Bedingfield oder Alex James (Backstreet Boys). Und so haben sie gemeinsam mit den Berliner Produzenten von Valicon (Silbermond, Thomas Godoj) eine Platte gemacht, die zunächst so klingt, als sei überhaupt nichts passiert in den vergangenen 20 Jahren. Na gut – fast nichts.
Die Hausaufgaben gemacht
Nun muss das Aufwärmen von Konserven grundsätzlich nichts Schlechtes sein. Die Qualität ist immer gleich, egal, welche Dose man erwischt, das hilft, die Erwartungshaltung zu zähmen, Enttäschungen sind eher unwahrscheinlich. Und auch Now Is The Hour beginnt mit Dream Awake, wie man es von Rush gewöhnt ist: Ein sphärisches E-Piano klimpert, ein wenig Synthesizer säuselt durch den Hintergrund, und wenn schließlich der Beat und Rushs Stimme dazukommen – eine Stimme, die sich nun wirklich kein Stück verändert hat – dann ist man mittendrin in den späten 1980ern.
Wobei, so ganz stimmt das nicht. Irgendwie ist Rush schon moderner geworden, nach einiger Zeit merkt man, dass sich da ein wenig Eurodance hineingemogelt hat, sogar etwas R&B schwingt im Rhythmus mit, und spätestens beim zweiten Titel ist man dann überzeugt: Verschlafen hat die Pop-Diva die vergangenen 20 Jahre keineswegs. Betcha Neva ist ein Folklore-Pop-Stück der feinsten Sorte, irgendwo zwischen den Gipsy Kings und Sertab Erener. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht.
Ausflug in die Abteilung Kirmestrance
Es geht so weiter mit diesem Album, dem man uneingeschränkt das Kompliment machen muss, hochgradig professionell produziert zu sein. Mit Now Is The Hour pfülgt sie einmal quer durch das Stilbeet, anders als noch mit Wings of Desire oder Heart Over Mind, Alben, auf denen Rush ihren ganz eigenen Stil pflegte. Sogar in die Abteilung Kirmestrance verirrt sie sich mit Down On My Knees einmal. Doch das kann man als Ausrutscher gelten lassen.
Nun hat diese Vielfalt jedoch auch ihre Tücken, so viel Mühe sich Songwriter und Produzenten auch gegeben haben mögen, es jedem recht zu machen. Was diesem Album fehlt, ist schlicht ein Hit, ein Stück wie I Come Undone oder Tears in the Rain. Doch das gibt es nicht. Und spätestens ab der Mitte des Albums geht der Zauber dann endgültig verloren. Head Above Water markiert den Wendepunkt, ab dem merkt man: Da ist zwar noch diese Stimme, die Erinnerungen an früher weckt, doch ihre Kraft, die hat man ihr geraubt, durch austauschbare Kompositionen, durch Ideenlosigkeit.
Kein Mut zum Bombast
Es ist eben eine unersetzbare Qualität, wenn Komponisten in der Lage sind, Stücke nur für eine Stimme zu schreiben, ohne Rücksicht, so wie es Rick Nowels oder Harald Faltermeyer noch getan haben. Diese Platte aber wirkt wie auf Erfolg getrimmt, es fehlt der Wille zur Effekthascherei, der Mut zum Bombast. Es ist ein Comeback, das sich nicht traut.
Das alles nun macht Now Is The Hour noch lange nicht zu einem schlechten Album. Und es ist auch keine reine Enttäuschung. Am Ende aber hätte man sich dann doch gewünscht, Jennifer Rush wäre einfach in ihren Keller gegangen, hätte das alte Zeug wieder herausgekramt, ihre Lederjacke mit den Schulterpolstern angezogen und losgelegt. Eine richtig ehrliche Retro-Platte, das wärs gewesen. Schwamm drüber.
Interpret: Jennifer Rush
Titel: Now Is The Hour
Plattenfirma: Sony
Veröffentlichungsdatum: 5. März 2010
Ich finde oben gennantes nicht zutreffend. Jennifer geht mit der Zeit und das Album ist wirklich großartig.
jetzt antwortenKommentar melden