Damon Albarn kehrt mit seiner virtuellen Band Gorillaz zurück. Mit dem Album Plastic Beach ist dem Musiker und Comic-Zeichner Jamie Hewlett eine eindrucksvolle Pop-Platte gelungen.
Von einer englischen Zeitung wurde Damon Albarn kürzlich zum «vielseitigsten Künstler des Jahrzehnts» gekürt. Der Hansdampf in allen Gassen einer modernen Auffassung englischer Popmusik schien in den letzten zehn Jahren tatsächlich unersättlich. Die kurzzeitig wiedervereinten Blur wären ohne sein Wohlwollen undenkbar gewesen, eine chinesische Oper wäre ohne seine Partitur ein stummes Schauspiel geblieben, The Good, The Bad And The Queen - die zeitgemäße Rockversion einer Band globaler Herkunft - entstammte seiner Ideenvielfalt.
Die blinden Bluesmusiker aus Mali, Amadou & Mariam rückten durch seinen Produktionsjob verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und mit der erfolgreichsten Zeichentrick-Popband aller Zeiten, den Gorillaz, schuf er sich obendrein ein vielschichtiges Alter Ego zum kreativen Austoben. Als Gemeinschaftsprojekt mit dem Comic-Zeichner Jamie Hewlett ins Leben gerufen, ist Albarn das einzige Musikermitglied der Gorillaz, zu dessen Unterstützung sich je nach Bedarf ein Team von unterschiedlichen Musikern im Studio einfindet.
Inzwischen 41 Jahre alt, sagt Albarn mit dem am kommenden Freitag (5. März) erscheinenden Gorillaz-Album, «Plastic Beach» denjenigen den Kampf an, die seine Auffassung von Popmusik entwürdigen, wie er vorab vollmundig erklärte: «Keine Kunstform eignet sich besser zum Transportieren von wirklich neuen Ideen als die Popmusik. Zu viele Leute haben sie derart verzuckert, dass sie schwer bekömmlich geworden ist. Deshalb ist die neue Gorillaz-Platte auch reiner, echter Pop ohne Zuckerguss geworden.»
Eine mit Tiefgang, weil Albarn für deren Produktion aus seinem vielseitigen, Genre übergreifenden Erfahrungsschatz als Musiker schöpfte. Der Arbeitstitel des insgesamt dritten Albums der Comic-Band, die für Konzerte in Form von 3D-Animationen auf die Bühne gejagt wird, lautete lange Zeit Carousel. Weil es, laut Albarn, einen philosophischen, sich im Kreis drehenden Blick auf England wirft. Aber England existiert in der Fantasiewelt der Gorillaz nicht und deswegen wählte er schließlich Plastic Beach als Titel aus. Der Seitenhieb Richtung Popkultur seines Heimatlandes ist im Albumtitel nicht zu übersehen. Mehr war vom realen Albarn nicht zu erfahren, bevor er sich zum Bewerben der neuen Gorillaz-Platte hinter seinem Alter Ego verschanzte.
Seither lässt er obskure Meldungen wie die folgende verlautbaren: «Die Band hat sich inzwischen im südlichen Pazifik niedergelassen und das Album dort auf einer schwimmenden Insel aufgenommen, dem Plastic Beach Headquarter, das ausschließlich aus Müll, Schutt und Überresten der Menschheit besteht. Plastic Beach liegt am entferntesten Punkt von jedweder Landmasse der Erde, es ist der wohl trostloseste Ort unseres Planeten.» Weil die Gorillaz ausschließlich in der Fantasie existieren, gibt es selbstverständlich keine direkten Interviews. Lediglich Murdoc Niccals, der virtuelle Bassist der Plastic Four konnte befragt werden, und das auch nur in Form von E-Mails.
«Lust auf Gaststars entstammt meiner Plattensammlung»
Seine Antworten sind bizarr. Auf die Frage, warum die erste Single-Auskopplung der neuen Platte, Stylo, bereits vor ihrer Veröffentlichung durch das Netz geisterte, sagt er, dass russische Piraten sein Studio auf «Plastic Beach» beschossen hätten und der Song deswegen seinen Weg in einschlägige Internet-Portale gefunden habe. Tatsächlich wurde Stylo über einen russischen Server ins Netz gestellt. Dass Albarn höchst selbst hinter dem vermeintlichen Piraten-Angriff steckt, ist nicht unwahrscheinlich. Der Anmerkung, dass fünf Jahre Pause zwischen Demon Days und dem neuen Album für findige virtuelle Figuren eine Ewigkeit sei, begegnet er lakonisch mit dem Zeitaufwand, den er gebraucht hätte, um seinen Bass zu stimmen.
In Wahrheit sind natürlich Albarns zeitintensive Projekte der Grund für die lange Wartezeit auf «Plastic Beach». Schwamm drüber, jetzt ist die Platte fertig und die Liste der Gäste ist mindestens so lang wie die letzte Schaffenspause der Gorillaz. Bobby Womack und Mos Def schwadronieren auf Stylo, einer Huldigung an den Elektro-Funk der frühen 1980er Jahre, um die Wette. Lou Reed macht aus Some Kind Of Nature eine beherzte Düsterprognose, das Nationalorchester für arabische Musik wurde in der syrischen Hauptstadt Damaskus für White Flag aufgenommen und die beiden The Clash-Haudegen Mick Jones und Paul Simonon belegen den Titeltrack mit ihrer Auffassung von Dub und Punkrock.
«Meine Lust auf die Gaststars des neuen Albums entstammt meiner Plattensammlung», erklärt Murdoc Niccals. «Ich empfinde meine Sammlung wie eine Speisekarte oder ein Telefonbuch. Wenn ich Snoop Doggy Dog höre oder Lou Reed und dabei etwas mit mir passiert, weiß ich, dass die beiden meine DNA begreifen. Also ist auch klar, dass die und die vielen anderen Gäste etwas zu meinen Songs beisteuern können, die meiner DNA entspringen. Ich habe mir vorgenommen, die komplette Musikhistorie in meine Band einfließen zu lassen. Alles, von Otis Redding über Marvin Gaye bis hin zur Lautenmusik des 16. Jahrhunderts.» Die Metabotschaft der Gorillaz ist fraglos ihr offenes Weltbild, in das alles eindringen und seinen Platz finden kann. Gleichzeitig weltmusikalisch und zutiefst englisch gelingt Popmusik praktisch im Moment niemandem so eingängig wie Damon Albarns Gorillaz.
Interpret: Gorillaz
Titel: Plastic Beach
Plattenfirma: EMI
Veröffentlichungsdatum: 5. März 2010