Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Großartiger Irrsinn: In Tim Burtons Alice im Wunderland bestimmen die Frauen, wo es lang geht. Bei ihrem Befreiungskampf gegen die böse Herzkönigin kann Alice auf einen hysterisch kichernden Hutmacher zählen.
Was für ein Albtraum. Der schnöselige Hamish macht Alice vor versammelter Festgesellschaft einen Heiratsantrag. Alle Augen sind auf das junge Mädchen gerichtet und die Gäste erwarten ein beglücktes «Ja!». Doch Alice ist eine Rebellin. Kein Wunder, dass sie erstmal vor dem rothaarigen Pferdegebiss Reißaus nimmt und lieber in ein Land flieht, in dem sie Großes vollbringen soll: Wunderland.
Das kleine Mädchen aus Lewis Carrolls beliebtem Kinderbuch ist in Tim Burtons Film Alice im Wunderland erwachsen geworden - eine junge Frau, die sich Fragen der Identität, Selbstbestimmung und geistigen Gesundheit stellt. Akademisch wird Burton dabei aber nicht. Im Gegenteil. Er schwelgt in einer kruden, wild wuchernden Landschaft, in der obszöne Blüten und riesige Pilze aus dem modrigen Boden wachsen und lässt die absurden Figuren aus Carrolls Geschichte genüsslich in den Irrsinn hinein wuchern: Absolem, die kiffende blaue Raupe, orakelt in Rauschschwaden hinein, die grausame Herzkönigin hat einen absurd riesigen Kopf und ein zerrupftes Kaninchen rührt fahrig in seiner Teetasse, im Hintergrund eine jämmerlich zerknitterte Mühle.
Hier haben die Frauen die Hosen an
In Burtons Wunderland bestimmen die Frauen, wo es lang geht: Tyrannische Herrscherin ist die Herzkönigin, die Macht hat sie ihrer Schwester, der «weißen Königin», weggeschnappt. Weil die «weiße Königin» zu etepetete ist, um sich die Krone selbst zurück zu erobern, greift Alice zu Schild und Schwert. Und schon hat Burton drei Frauentypen eingeführt: Die Zicke, die Ätherisch-Schöne und den Kumpeltyp.
Alice wehrt sich nicht nur gegen Korsett und Strümpfe, sie will auch ihren Gedanken freien Lauf lassen. Doch selbst im Wunderland knüpfen alle große Erwartungen an die junge Frau: Sie wird das Land von der Tyrannei der Herzkönigin befreien - so steht es in der Weissagung. Alice protestiert, sucht ihren eigenen Weg und erfüllt gerade dadurch dann doch ihren Auftrag. «Das ist mein Traum. Ich bestimme, wie es weiter geht», ruft sie und man hört sie fast dabei mit dem Fuß aufstampfen.
Bis sie sich in ihrer Haut wieder wohl fühlen soll, wird sie gestaucht, gestreckt und in unzählige Kleider gesteckt. Am Ende ist aus dem blassen Mädchen eine Jeanne d'Arc mit Schwert und Schild geworden, die wallenden Locken kringeln sich über der schimmernden Rüstung. Auf einem Schachbrett findet die große Schlacht statt und hier gilt auch die wichtigste Regel des Spiels: Die Dame ist die stärkste Figur. Einen Erlöserprinzen, der Alice auf einen weißen Schimmel hieft, gibt es hier nicht, sie bietet dem fiesen Ungeheuer der Herzkönigin selbst die Stirn. Das ist zwar psychologisch nicht sehr subtil, aber es macht großen Spaß, diese herrlich schräge Welt zu entdecken.
Flirrende Augen, hysterisches Kichern
Gut geht es den Figuren in diesem Wunderland nicht: Kalkweiß sind sie, Augen und Lider empfindlich gerötet, als hätten sie nächtelang nicht geschlafen. Die Frage «Was ist normal?», lässt sich hier nicht so leicht beantworten. Hier sind alle ein wenig neben der Kappe: Die Köpfe wirr, die Augen glasig und umschattet, aus den Kehlen schlüpft hysterisches Kichern. Den verrückten Hutmacher inszeniert Burton als tragische, grell überschminkte Figur. Johnny Depp füllt diesen facettenreichen Charakter mit flirrenden Augen und kontrastreichen Stimmungsschwankungen. Was er in der Figur des Käpt'n Sparrow andeutet, darf Depp hier hemmungslos ausleben. Am Ende macht Depp auf Robespierre und man darf sich auf ein Versprechen freuen: «Wenn die weiße Königin ihre Krone wieder hat, werde ich futterwacken wie wild!»
Auch die schauspielerische Leistung von Helena Bonham Carter ist beeindruckend: Herrlich, mit welcher Inbrunst sie die böse Herzkönigin spielt. Auf dem riesigen Kopf spiegelt sich Boshaftigkeit in den schillerndsten Farben. Ganz wunderbar ist auch die Grinsekatze gelungen. Geschmeidig windet sie sich, bleckt hämisch das riesige Gebiss und verpufft, wann es ihr gefällt. Die entrückten Augen ins Nichts gerichtet. Ein wahrer Freigeist.
Leider konzentriert sich Burton aber mitunter sehr stark auf 3D-Effekte, so dass die Dichte der Geschichte hinter technischen Muskelspielen zurückstecken muss: Immer wieder fliegen dem Zuschauer Wurfgeschosse um die Ohren, damit der sich erschrocken im Sitz duckt. Doch beim Versuch, die größtmögliche Illusion herzustellen, geht genau diese verloren: Genau in diesem Moment wird einem nämlich wieder bewusst, dass keine Platzwunde verarztet werden muss - es ist ja nur ein Film.
Das Glück hat Alice nicht. Auch wenn sie zu Beginn fest daran glaubt, dass alles nur ein Traum ist. «Kein Leid kann mir geschehen», redet sie sich ein und bietet dem heranbrausenden Monster die Stirn. Blutende Furchen auf ihrem Oberarm sollen sie künftig daran erinnern, dass sie sich geirrt hat. Schmückende TaftbänderTaft ist ein Stoff, der aus Seide oder Kunstseide hergestellt wird. markieren die Stelle, darunter schwelt die Wunde.
Mit Alice im Wunderland hat Burton das Hohelied auf die Phantasie verfilmt, in dem alles um eine Frage kreist: «Habe ich den Verstand verloren?» Der Vater der kleinen Alice gibt darauf eine wunderbare Antwort: «Ich fürchte, ja. Aber das macht eben die Besten aus.»
Titel: Alice im Wunderland
Regie: Tim Burton
Darsteller: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Mia Wasikowska
Verleih: Walt Disney
FSK: 12 Jahre