Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Spießer oder Spieler? Jan Bodenlos muss sich entscheiden. Er flirtet mit dem Tod und badet im Schmerz unerfüllter Liebe. Mit Bodenlos hat der Autor Thomas Lang einen wunderbar feinfühligen Coming-of-Age-Roman geschrieben.
Jan klemmt seine Gurgel ins Fenster und drückt zu, bis ihm schwarz vor Augen wird. Eigentlich ist Jan wie alle anderen. Gerade auch, weil er genau das nicht sein will. Er kämpft sich durch die Pubertät, verkriecht sich in seinem Zimmer, liest Kafka, Hesse und Camus, schreibt Gedichte, spinnt mit seinem Kumpel krause Theorien und gewagte philosophische Thesen. Und natürlich verliebt er sich. Doch irgendetwas hakt. Jan lebt wie in einer Blase. Nur seine große Schwester, die er grenzenlos bewundert, kann ihm die Hand durch die Membran reichen.
Mit Bodenlos hat Thomas Lang einen wunderbaren Coming-of-Age-Roman geschrieben. Die Geschichte spielt im spannungsreichen Milieu einer Kleinstadt der 1980er Jahre. Wer seine Jugend in dieser Zeit verbracht hat, wird sich in der dichten Atmosphäre des Buches gleich wieder finden. Es ist die Zeit der bunten Plastikspießchen, in der Reissalate mit Mandarinen aufgepeppt werden, David Bowie der Held der Stunde ist und Bildschirmtext als Geheimtipp gehandelt wird. Wer jung ist und etwas auf sich hält, engagiert sich in der Emanzipation, Friedens- und Anti-Atomkraftbewegung.
Auf diesem Nährboden versucht Jan seine Wurzeln zu schlagen. Er verkriecht sich in das klapprige Gartenhäuschen seiner Eltern und wagt erste literarische Gehversuche. Er spielt mit den Bausteinen der Sprache, sucht nach Wortverwandtschaften. Das sind erst einmal etwas wackelige Schritte, doch er wird immer geschickter. Als Muse wählt er Kiku, die Neue in der Schule. Aus sicherer Entfernung schwärmt Jan für die Halbjapanerin, die Räume nur rückwärts betritt und in das muffige Kleinstadtmilieu des fiktiven Orts Füchten einen exotischen Kick bringt. Er fühlt sich ihr nah, weil auch er sich wie ein Exot fühlt.
Balanceakt am Abgrund
Das Schöne an diesem wunderbaren Roman ist, dass Thomas Lang nicht altväterlich auf pubertierende Jugendliche herabblickt, sondern die Adoleszenz als eine Zeit begreift, in der sich Weichen stellen und junge Menschen Schneisen schlagen, um einen Weg zu ihrer Persönlichkeit zu finden. Sein Blick ist neugierig und respektvoll. Eine große Bereicherung für diesen Roman ist auch, dass Lang sich nicht in schlüpfrigen Phantasien über pubertäre Sexualität auslässt, sondern sich nur auf eine wunderbar zarte Szene konzentriert, in der Jan seine Unschuld verliert.
Das Hauptthema dieses Buches ist auch so viel düsterer: Wie so viele Teenager kokketiert Jan mit Selbstmordgedanken, ohne auch nur zu ahnen, an welchem Abgrund er da so unbekümmert balanciert. Doch dann zieht der Tod immer engere Kreise um den jungen Mann und plötzlich ist alles kein Spiel mehr. Was dann passiert, bricht in die sensible Phase des Erwachsenwerdens, in der alles in der Schwebe ist, tief ein und weist Jan einen Pfad, der ihn von der künftigen Reihenhausglückseligkeit seiner Mitschüler für immer trennen wird.
Thomas Lang schreibt so schöne Sätze wie «An der Schräge über seinem Bett klebte die Dunkelheit fest» und wer dazu seinen Helden auf den großartigen Namen «Jan Bodenlos» tauft, hat schon einmal sehr viel richtig gemacht. Und das Buch ist auch noch spannend, denn der Ingeborg-Bachmann-Preisträger wirft Widerhaken aus, an denen unsere Neugier sich festkrallt: Immer wieder deutet er an, dass etwas Fürchterliches passieren wird und so brauen sich unheilvolle Wolken über eigentlich unbekümmerten Szenen zusammen. «Bodenlos» ist zweifelsfrei ein Buch, das Jugendlichen gefallen dürfte, es ist aber kein Jugendbuch. Es führt Erwachsene zurück ins Teenageralter, damit sie sich die wichtigste Frage dieser Lebensphase neu stellen: Wie viel Spießer steckt eigentlich in mir?