So., 27.05.12

Studio Babelsberg 04.03.2010 «Wir rechnen mit einem Oscar»

2009 erfolgreichstes Filmjahr für Hauptstadtregion (Foto)
Eli Roth und Brad Pitt gehören zu den Inglourious Basterds. Bild: dpa

Von Leticia Witte

Inglourious Basterds ist für acht Oscars nominiert. Studio Babelsberg hat die Nazi-Satire produziert. Wie er für den Filmstandort Deutschland zum Sprungbrett geworden ist, erzählen Carl Woebecken und Christoph Fisser im Interview.

Der Film Inglourious Basterds von Star-Regisseur Quentin Tarantino ist in acht Kategorien für den Oscar nominiert – darunter für den besten Film, die beste Regie und den besten Nebendarsteller (Christoph Waltz). Studio Babelsberg in Potsdam hat die Nazi-Satire produziert, gedreht wurde nahezu vollständig in Deutschland. Damit verhilft Inglourious Basterds nicht nur dem Filmstandort Deutschland zu neuem Ruhm, für die deutschsprachigen Schauspieler – allen voran Christoph Waltz – ist der Film bereits zum Sprungbrett ins internationale Geschäft geworden.

Im Interview sprechen die beiden Studio-Vorständen und Koproduzenten Carl Woebcken und Christoph Fisser über den Reiz internationaler Koproduktionen, die hiesigen Chancen und Möglichkeiten und den Ausnahmeregisseur Tarantino.

Studio Babelsberg dürfte angesichts der Nominierungen in diesem Jahr besonders gespannt auf die Oscar-Verleihung blicken.

Fisser: Zunächst einmal freuen wir uns natürlich sehr, dass der Film so viele Nominierungen erhalten hat. Das ist eine tolle Bestätigung für alle beteiligten Mitarbeiter und für den Filmstandort Deutschland insgesamt. Studio Babelsberg ist in den vergangenen fünf Jahren bereits das vierte Mal bei den Oscars vertreten. Wir rechnen damit, dass es zumindest einen Oscar geben wird.

Aus welchen Gründen, denken Sie, wurde der Film mit einer so großen Zahl an Nominierungen bedacht?

Fisser: Quentin Tarantino hat ein herausragendes Drehbuch geschrieben, das zu Recht eine Nominierung in der Kategorie bestes Drehbuch erhalten hat. Zudem ist er ein meisterhafter Regisseur, der ebenfalls zu Recht von der Academy in der Kategorie beste Regie nominiert wurde. Auf den Punkt gebracht: Es ist ein großartiger Film.

Wenn wir über Inglourious Basterds reden, sprechen wir auch über einen Erfolg für den Filmstandort Berlin-Brandenburg. Welche Impulse können von dort auf den Standort Deutschland ausgehen?

Woebcken: Studio Babelsberg hat hinsichtlich großer internationaler Kinoproduktionen vor fünf Jahren eine Pionierrolle in Deutschland eingenommen. Durch den Film und die Oscar-Nominierungen lenken wir noch mehr Aufmerksamkeit auf Babelsberg und die Hauptstadtregion. Wir beobachten gegenwärtig, dass dieser Erfolg weitere Mitbewerber in Deutschland dazu motiviert, ihre Strategien ebenfalls auf internationale Koproduktionen auszurichten. Das ist interessant und wünschenswert, weil damit die deutsche Kinobranche in Relation zur Fernsehwirtschaft eine größere Chance erhält, international wettbewerbsfähig zu werden. Das ist sie noch nicht. Deutschland kann jedoch im globalen Wettbewerb nur konkurrieren, wenn die Fördersysteme, insbesondere der Deutsche Filmförderfonds (DFFF), mindestens in der jetzigen Form zur Verfügung stehen oder adäquat mit den Wachstumsplänen der Mitbewerber ausgebaut werden.

Kommen internationale Produktionen gerne nach Deutschland, weil die Fördermöglichkeiten existieren?

Woebcken: Insbesondere für mittelgroße Filme wie Autorenfilme und Literaturverfilmungen, die eine kulturelle Verankerung in Europa beziehungsweise Deutschland haben, sind die Rahmenbedingungen sehr gut. Bei größeren Filmen, die auch entsprechend positive wirtschaftliche Effekte in Deutschland bewirken, sind wir mit dem DFFF nicht so gut aufgestellt wie etwa die Engländer mit ihrem Filmfördermodell.

Fisser: Der DFFF ist zwingend notwendig, um überhaupt konkurrenzfähig zu sein. Wir sprechen hier von einem Wettbewerb, an dem mittlerweile über 70 Länder mit entsprechenden Fördermodellen weltweit teilnehmen.

Woebcken: Die regionalen Förderungen sind nach oben begrenzt. Im Verhältnis fördert das kleinere Filme sehr effektiv. Bei größeren Produktionen kann die Regionalförderung nur einen relativ kleinen Beitrag leisten. Derzeit denkt man in Deutschland über die Möglichkeit nach, Filme über die Förderung hinaus über die KfW Bankengruppe zu finanzieren. Das ist auch im Koalitionsvertrag festgehalten. Wir haben gegenwärtig eine Marktsituation, in der es weltweit eine ungebrochene Nachfrage nach Programmen und Inhalten gibt. In vielen Ländern feiert man an den Kinokassen Rekorde. Zugleich ist das Produktionsvolumen jedoch weltweit um die Hälfte zurückgegangen, da nicht mehr genug Kapital für die Filmfinanzierung zur Verfügung steht. Der Grund dafür ist ein Versagen in der Finanzmarktwirtschaft, ausgelöst durch die Finanzkrise.

Welche Erwartungen haben Sie für die Zukunft?

Woebcken: Wir schauen verhalten positiv in die Zukunft. Zurzeit arbeiten wir an vier Filmen gleichzeitig, zum Beispiel Anonymus, der neue Film von Roland Emmerich mit Drehstart am 22. März, und der Thriller Unknown White Male mit Liam Neeson und Diane Kruger, den wir derzeit in Berlin und Babelsberg produzieren. Wir hoffen, dass wir eine bessere Auslastung über das Gesamtjahr haben werden als 2009. Das Produktangebot ist vorhanden, aber es ist nach wie vor schwierig, Filme zu finanzieren. Ich glaube auch, dass die Finanzmarktkrise uns noch zwei, drei Jahre begleiten wird.

Fisser: Wir haben auf der Berlinale, die übrigens sehr wichtig ist für den Filmstandort Deutschland, viele sehr gute Gespräche geführt und hoffen, dass sich daraus weitere Filmprojekte entwickeln werden.

Wo werden Sie die Oscar-Verleihung erleben?

Fisser: Wir sind in Los Angeles. Unter anderem veranstalten wir einen Empfang zusammen mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg und allen vier deutschen Produzenten, die Oscar-nominierte Filme im Rennen haben: Studio Babelsberg (Inglourious Basterds), X-Filme (Das weiße Band), Egoli Tossell (Ein russischer Sommer), TwentyTwentyVision (Ajami). Wir präsentieren erstmalig gemeinschaftlich den Filmstandort Deutschland. Immerhin haben wir zusammen 13 Oscar-Nominierungen Made in Germany.

tfa/news.de/dpa
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