Von news.de-Redakteur Christian Vock
Wer hat an der Uhr gedreht? Die neue Mystery-Serie FlashForward über eine kollektive Zukunftsvision tritt schon mal die Nachfolge von Lost an. Doch anders als der komplexe Insel-Wirrwarr setzt die Serie auf eine straffe Erzählweise - ist damit aber nicht weniger packend.
Beginnen wir mir der Vergangenheit. Die Welt war beeindruckt. Was da vor fast sechs Jahren zum ersten Mal vor unseren Augen flimmerte, war faszinierend. Gelinde gesagt. Da saßen, lagen Menschen am Strand, im Hintergrund brannten noch die Teile des abgestürzten Flugzeugs, erste Rätsel tauchten auf der Insel auf, von irgendwoher kam ein Eisbär. Die Verwirrung war groß, vor wie auf dem Bildschirm. Seitdem ist die Fernsehgemeinde im Lost- und im Mystery-Fieber. Man kann den Machern von Lost ohne falsche Bescheidenheit attestieren, die Serie der Nullerjahre geschaffen zu haben. Einen würdigen Mystery-Nachfolger für die Jahre zuvor bejubelten X-Akten.
Doch die Gegenwart hat die Vergangenheit naturgemäß eingeholt. Derzeit läuft in Deutschland die fünfte und vorletzte Staffel, das Ende ist nahe. Höchste Zeit also, der Zielgruppe Neues zu bieten, alleine schon der dahinsiechenden Quote und der Verbannung auf den Reste-Sender Kabel Eins wegen. FlashForward heißt der Nachfolger und, um es vorweg zu nehmen, selbst für eingefleischte Lost-Gucker könnte er als Ersatzdroge funktionieren, bietet die Serie doch schon in der ersten Folge das, was den Zuschauer dran bleiben lässt: Identifikationsfiguren und offene Fragen, das Wichtigste an einer guten Serie. Und die beginnt mit einem lauten Knall oder genauer gesagt mit dessen Schall.
Kollektives Lichter-Aus
Ein Mann wacht auf. Er hängt kopfüber in seinem zerstörten Auto. Langsam berappelt er sich, kriecht aus dem Wrack. Um ihn herum regiert das Chaos. Verletzte Menschen irren durch die Straße, auf denen Autos ineinander verkeilt sind. Überall Zerstörung und Blut. Ein Mann windet sich schreiend auf der Straße, er brennt. Wie sich später herausstellen wird, hatten die Menschen allesamt einen plötzlichen Blackout, nicht nur hier in Los Angeles, sondern im ganzen Land, auf der ganzen Welt.
Genau 137 Sekunden. So lange waren die Menschen ohne Bewusstsein. Doch der Spontan-Blackout entpuppt sich als «Flash Forward», als Vision. Jeder, der plötzlich von Sinnen war, konnte in diesen 137 Sekunden einen Blick in die eigene Zukunft werfen. Und, auch das wird sich später herausstellen, jeder hatte diese Visionen von ein und demselben Tag, ein halbes Jahr in der Zukunft. Damit sind die Eckpfeiler für die weitere Geschichte gesetzt. Und die ziert sich nicht lange. Die Hauptdarsteller sind ruckzuck eingeführt, die wichtigsten Fragen gestellt. Vielleicht wollten die Macher die Fehler, die man seinerzeit bei Lost gemacht hatte, umgehen, als man auch aufgrund der enormen Komplexität nach und nach Zuschauer verlor.
Diesen Schwund will FlashForward auch mit dem klassischen Mystery-Konzept entgegen wirken. Doch anders als beispielsweise Akte-X spielt die Serie auch mit den eigenen realen Ängsten der Menschen. Was würde ich tun, wenn ich einen Blick in meine Zukunft werfen könnte? Würde ich anders handeln? Nicht für jeden bedeutet der «Flash Forward» nämlich etwas Schreckliches. Für manchen verheißt die Zukunft auch Hoffnung. Und was ist mit denen, die während des kollektiven Knockouts gar nichts gesehen haben? Sind die in einem halben Jahr dann vielleicht tot? Oder schlafen sie in diesem Moment einfach nur?
Wie Lost, nur anders
Neben diesem persönlichen Strang sind es die vielen Rätsel, die den Zuschauer bei der Stange halten. Woher kommt dieser Blackout, warum dieser eine Tag? Ein Ermittlerteam um den FBI-Agenten Mark Benford (Joseph Fiennes) und seinen Partner Demetri Noh (John Cho) soll die Sache aufklären. Die Serie spielt mit dem Unwissen, indem sie Wissen häppchenweise serviert, denn Benford sah in seiner Vision sich selbst, wie er an der Klärung der «Flash Forwards» arbeitet. Diese Sicht gibt dem Ganzen einen besonderen Dreh. Man sieht die Zukunft, kann sich aber nicht sicher sein, ob sie wirklich so aussehen wird, schließlich ist man gerade durch diese Visionen dabei, sie zu verändern.
FlashForward, das ist Lost, nur straffer und schneller erzählt, aber nicht weniger spannend und mysteriös. Eine Serie, die beweist, dass man mit einer guten Story, Zeit und vor allem dem nötigen Geld Ausgezeichnetes hinbekommen kann. Eine Serie, bei der man mit Blick auf die heimische Branche seufzen könnte: «Himmel nochmal, warum kriegt ihr das denn nicht hin?» Aber dies ist nicht die Zeit auszuteilen, sondern einzuschalten.
FlashForward, 1. März um 20.15 Uhr, dann immer montags um 21.15 Uhr auf ProSieben.
amg/ivb/news.de