«Bin ich hier in der falschen Sendung?»
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Was für eine Finte! Als Ablenkungsmanöver von der Moderatorinnen-Rochade hatte 3nach9 Helene Hegemann eingeladen. Hätte schön werden können mit ihr, doch Hegemann kam nicht. Sandra Maischberger schon. Und so wurde doch noch kräftig aufgeklärt.
Sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen und sämtliche Termine absagen - das hat die Hegemann doch bestimmt von Margot Käßmann kopiert!
Was hatte man sich gefreut auf diese erste Ausgabe von 3nach9 ohne Charlotte Roche. Nein, nicht der verlustig gegangenen Moderatorin wegen, Gott bewahre. Ein Aderlass, anders lässt sich dieser Abgang nicht bezeichnen. Aber es ist nun einmal so: Jedem Ende wohnt ein Anfang wohnt ein Zauber inne. Basta.
Und schließlich hat die Redaktion von 3nach9 die Lücke ja auch äußerst geschickt zu schließen gewusst, die die unkonventionelle Moderatorin in die Sesselgruppe bei Radio Bremen geschlagen hat. Sechs Frauen begleiten den smarten Deutsch-Italiener di Lorenzo in den ersten Roche-freien Sendungen, als immer frischer Sidekick sozusagen. Deutschland sucht die Supermoderatorin, das öffentlich-rechtliche Casting mausert sich.
Gleich bei der ersten Folge durfte der Zuschauer auf zwei äußerst spannende Frauen hoffen: auf Sandra Maischberger, altgediente Talkshow-Ikone, auf der einen, und auf Helene Hegemann, noch gar nicht gediente Autorin, obgleich schon mit einem Hauch von Kopisten-Skandal versehen, auf der anderen Seite. Hegemann aber, so ist sie halt, die junge Bohème, sagte kurzfristig ab, sie habe, so ließ Radio Bremen mitteilen, die Entscheidung getroffen, «sich in der momentanen Situation komplett aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und deshalb alle Termine abgesagt». Immerhin: Maischberger blieb bei ihrer Zusage, trotz einer ganzen Menge Arbeit.
Das Positive, es sei vorweg gesagt: Es war ein 3nach9-Abend fast wie aus dem Lehrbuch. Mit Johann Lafer, den die Bauchbinde fairerweise als Unternehmer, nicht als Koch kennzeichnete, dem Schauspieler Wolfgang Stumph, Schauspielerin und Sängerin Yvonne Catterfeld, der äußerst unterhaltsamen Autorin Elfriede Vavrik und dem Filmproduzenten Nico Hofmann hatten sich di Lorenzo und Maischberger eine unproblematische und muntere Runde eingeladen. Lediglich der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel und die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin wollten da nicht ganz mitspielen. Doch dazu später mehr. Eigentlich nämlich begann der Abend vielversprechend.
«Ein wunderbares Paar!»
Gerade eingangs machte das Format seinem – so di Lorenzo – Ruf als «einer der Aufklärung verpflichteten Sendung» alle Ehre. Mit was wurde da nicht alles aufgeräumt! Erstens: Mit Wolfgang Stumphs miserablem Gesundheitszustand – eigentlich geht es dem Mann nämlich prächtig. Zweitens: Mit den rüden Sitten in Johann Lafers Restaurant – da dürfen sich Gäste durchaus gegenseitig einen Löffel zum Probieren rüberreichen. Drittens: Mit dem Nachwuchs-Image von Yvonne Catterfeld – was für eine ergreifende Romy hätte sie abgegeben, was für eine Schauspielerin! Und viertens: Mit der Humorfreiheit in der FDP – sogar Silvana Koch-Mehrin musste über den ein oder anderen politischen Scherz zu Anfang ehrlich schmunzeln. Nur zu Anfang, wohlgemerkt.
Das alles fand in einer so unaufgeregten und 3nach9-typischen Plauderatmosphäre statt, dass die immerhin 80-jährige Elfriede Vavrik nicht nur offen über ihr neues Buch sprechen durfte – das dürfen bei Talkshows alle Gäste, die neue Bücher haben –, sondern auch noch über den Inhalt: Sex im Alter. Und das tat sie denn auch, so leger, so ungehemmt, dass Johann Lafer schließlich sogar fragte: «Bin ich hier in der falschen Sendung, oder was?» Vielleicht aber fühlte sich der 53-jährige Österreicher auch nur deshalb so unwohl in seiner Haut, weil er exakt in das Beuteschema seiner Landsfrau passte: jünger und gebunden. Da wurde geschielt und gekichert, getuschelt und gescherzt, di Lorenzos Kuppelversuch («Ein wunderbares Paar!») aber blieb all dem zum Trotz erfolglos.
Doch dann kam, was kommen musste, und es war nicht die Schuld von Sandra Maischberger, wirklich nicht. Vielleicht lag es daran, dass Silvana Koch-Mehrin nicht darauf eingestellt war, Wünsche äußern zu dürfen, Wünsche über die politischen Entscheidungen der kommenden Monate, wo kommen wir denn da hin? Vielleicht lag es aber auch daran, dass ihr gegenüber eben jener Rudolf Hickel saß, ein ganz ganz Linker, und nicht etwa ein liberaler Gesinnungsgenosse wie Hans-Werner Sinn. Auf jeden Fall war schon der Einstieg misslungen, der Einspieler, der sie porträtieren sollte, kam ohne Ton daher, die erste Frage zu nett – kein Wunder, dass sie da kein Wort mehr herausbrachte. Kein offenes jedenfalls.
Schon vorbei mit der Gemütlichkeit
Und so verkam der Plaudertalk in der letzten halben Stunde zum Polit-Hickhack. Rudolf Hickel setzte zu mehreren Attacken auf die schwarz-gelbe Koalition an, Silvana Koch-Mehrin wollte sich verständlicherweise wehren, und schon war es vorbei mit der Gemütlichkeit. Nein, wen Westerwelle mit der jetzt schon sprichwörtlichen spätrömischen Dekadenz adressiert hatte, konnte oder wollte auch die Brüsseler FDP-Spitze nicht sagen, zumindest drückte sie sich erfolgreich um eine Antwort. Und auch darauf, ob ihr der Begriff wenigstens gefalle, wusste sie so recht nichts zu sagen. Da war es, das Dilemma der heutigen Politik. In diesem Moment wohl hatten die meisten Zuschauer emotional schon weitergezappt. Ganz so, wie es zu Beginn der Runde von Hickel schon angerissen worden war. Die Politik kommt nicht mehr an bei den Menschen. So zumindest nicht.
Ach so, Sandra Maischberger – die hätten wir jetzt fast vergessen. Die fühlte sich sichtlich wohl zwischen Hickel und Koch-Mehrin und merkte so vielleicht etwas zu spät, dass 3nach9 ja das falsche Pflaster sein könnte für eine echte Hartz-IV-Debatte. Und auch Giovanni di Lorenzo hatte so seine liebe Müh und Not, das Gespräch wieder zurückzuholen in ein Wohlfühlambiente à la Radio Bremen. Und so recht gelingen wollte es ihm bis zum Schluss nicht mehr. Beiden fiel es in diesem Moment sichtlich schwer, zu akzeptieren, dass gerade dieser Talk keines dieser typischen Quoten-Formate ist, das auf Teufel komm raus Themen setzen, Debatten anstoßen oder sie in Gang halten muss. Ein gutes Gespräch unter interessanten Menschen – manchmal genügt das. Und manchmal, wie gestern, scheitert genau das, trotz mancher Schlaglichter wie Elfriede Vavrik, weil das Gespräch zwar in Gang kommt, aber – da kann man machen, was man will – es einfach nicht interessant werden will.
Ansonsten aber machte Maischberger eine gute Figur. Eine der dienstältesten deutschen Moderatorinnen bei der dienstältesten deutschen Talkshow, das passt aber auch – zum Hinlegen. Und so sprach die 44-Jährige sogar über Sex, obwohl sie das sonst gar nicht gerne tue, so in aller Öffentlichkeit. Doch 3nach9 – an diesem Punkt waren wir ja bereits einmal – ist eben eine der Aufklärung verpflichtete Sendung – und eine gute Schule noch dazu.
Freuen wir uns also auf die kommenden «Freundinnen von 3nach9», auf Annette Dasch (19. März) und Maria Furtwängler (16. April), auf Katrin Bauerfeind (14. Mai), Judith Rakers (9. Juli) und Sarah Wiener (6. August). Sie alle, ganz gleich, wie Kamera-erfahren oder Talk-gestählt, können hier noch etwas lernen. Und wenn es nur die Tatsache ist, dass Charlotte Roche bei allem Verlust dann doch ersetzbar ist. Und Sandra Maischberger. Und Annette Dasch. Und ...
Und dann?
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