So., 27.05.12

Kinokritik 25.02.2010 Ein Schreckgespenst aus Plastik

Film «Plastic Planet» (Foto)
Regisseur Werner Boote nimmt Plastik kritisch unter die Lupe. Bild: Farbfilm Verleih

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann

Der Schluck aus der Plastikflasche fällt danach schwer: In Michael-Moore-Manier fühlt Regisseur Werner Boote mit seinem Film Plastic Planet der Plastikindustrie auf den Zahn.

Das Bild ist nicht neu: Ein Regisseur mit Mission und Megaphon rennt gegen die große Industrie an. Diesmal ist es aber nicht Michael Moore, der gegen unhaltbare Zustände rebelliert, sondern ein Österreicher mit dem Namen Werner Boote. Und Boote hat sich die Plastikindustrie vorgeknöpft. Warum? Die Antwort ist privater Natur: Bootes Großvater war Geschäftsführer der Interplastikwerke und damit Wegbereiter des Plastikzeitalters. Jetzt will der Enkel herausfinden, was der Opa angerichtet hat.

Der Film mit dem zynischen Namen «Plastic Planet» ist ein Mammutprojekt geworden: Mit den Recherchen hat Boote vor zehn Jahren begonnen und er reiste um die halbe Welt, um den Machenschaften der Plastikindustrie auf die Schliche zu kommen. Er fördert tatsächlich Schockierendes zutage: Hormonartige Wirkstoffe in Plastikflaschen, Plastikplankton im Meer und eine äußerst zugeknöpfte Plastikindustrie. Spätestens als die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission verrät, dass nur ein Bruchteil der Plastikinhaltsstoffe tatsächlich überprüft wurden, kommt man ins Grübeln. Und dann zeigt Boote auch noch, dass Plastik im menschlichen Blut nachweisbar ist.

Dennoch wirkt sein Feldzug etwas zwanghaft und zunehmend hilflos. Der Film ist zweifelsfrei beeindruckend und danach fällt der nächste Schluck aus der Plastikflasche schwer. Doch Bootes Herangehensweise ist mitunter reißerisch, der Schnitt suggestiv: Er zeigt, wie es eine Angestellte einer Plastikfirma ablehnt, aus einer Plastikflasche zu trinken und unterstellt ihr, dass sie Angst vor giftigen Inhaltsstoffen hat.

Verfallszeit einer Windel

Der Film zeigt auch, wie die Welt im Plastik versinkt: Wohin mit all den schönen bunten Dingen, wenn sie keiner mehr haben will? Diese Frage führt Boote zu den gigantischen Müllbergen der Welt. Ein Humangenetiker erklärt ihm, dass schädliche gebundene Moleküle frei werden, wenn Plastik verrottet. Greenpeace macht darauf aufmerksam, dass es 200 Jahre dauert, bis eine PVC-Windel zerfällt.

Umweltverschmutzung
Plastik im Kopf
Video: Unitec

Auch vor dem menschlichen Körper macht der Siegeszug des Plastik keinen Halt. Ein Schönheitschirurg mit Bandana spricht gestenreich über Plastikbrüste und Boote versucht etwas esoterisch herauszufinden, ob eine Dame mit Silikonbusen, das Plastik in ihrem Körper spüren kann. Mit seinem Film stützt sich Boote unter anderem auf eine Studie, die herausfand, dass der im Plastik enthaltene Stoff Bisphenol A wie ein Östrogen wirkt und das Geschlecht von Schnecken verändern kann. Es gibt auch Studien, die den Stoff für Fettleibigkeit verantwortlich machen.

Ob sich die Plastikindustrie tatsächlich verschworen hat, die menschliche Gesundheit zu ruinieren, kann dieser Film nicht zweifelsfrei klären. Boote gräbt zwar allerhand Wissenschaftler aus, die uns mit schockierenden Details füttern, aber zum einem bißfesten Fakt verdichtet sich das Ganze nicht. Deshalb kann man sich im Kinosessel beunruhigen lassen oder Zeuge einer Plastik-Paranioa werden.

Etwas schmalbrüstig wirkt Boote, als er mit kiloweise Recherchematerial um den Stand einer Plastikmesse herumschleicht, um den Chef eines Kunststoffherstellers mit brisantem Material zu konfrontieren. Mehr als ein schnödes «Wir melden uns bei ihnen» erreicht er freilich nicht. Eines ist klar: Boote hat die Industrie dennoch nervös gemacht. Und mit Hartnäckigkeit hat er sie zum Handeln bewegt: Laut Welt Online hat die Firma Nuk in Europa Babyartikel aus ihrem Programm genommen und das Staatsoberhaupt der Vereinten Arabischen Emirate, Scheich Chalifa bin Zayid al Nahyan, sei von dem Film so beeindruckt gewesen, dass er Plastiktüten verbieten möchte.

Titel: Plastic Planet
Regie: Werner Boote
Spielzeit: 95 Minuten
Verleih: Farbfilm Verleih
FSK: ohne Altersberschränkung
 

juz/ivb/news.de
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