So., 12.02.12

Hörfilme Wie Blinde Fern«sehen»

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 21.02.2010

Für blinde Menschen ist es selbstverständlich, Filme zu gucken. Dennoch werden noch lange nicht alle Produktionen auch als Hörfilme angeboten. Martina Wiemers erklärt im Interview, wie die Audiodeskription funktioniert und wo die Probleme liegen.

Frau Wiemers, Sie produzieren Hörfilme. Dass Blinde Menschen Filme sehen, klingt auf den ersten Blick sehr ungewöhnlich ...

Wiemers: Für blinde Menschen ist es sehr selbstverständlich, den Fernseher zu nutzen. Überraschung gibt es regelmäßig auf Seiten der Sehenden, die sich nicht vorstellen können, dass Blinde Interesse und Spaß daran haben. De facto ist es aber so, dass zum Beispiel der Tatort am Sonntag Abend auch für Blinde ein attraktives Unterhaltungsangebot ist. Darüber wird gesprochen, am Arbeitsplatz, in der Familie. Filme sind einfach zentral für unsere Alltagskultur, das empfinden auch blinde Menschen so.

Wie bereiten Sie denn Filme für Blinde auf?

Wiemers: In einem ersten Schritt wird der Film einer Analyse unterzogen, dass heißt, der Filmbeschreiber sieht sich den Film einmal komplett an und untersucht, wo Probleme liegen, etwa, ob es Rückblenden gibt oder eine sehr verschachtelte Erzählstruktur, ob vielleicht das Tempo sehr hoch ist oder ob mit langen, dialogfreien Bildsequenzen gearbeitet wird. Dann wird der Film Szene für Szene durchgetextet, wobei Beschreibungen nur in den Dialogpausen platziert werden. Wenn das Manuskript fertig ist, gibt es eine Arbeitsphase mit einem blinden Kollegen, der überprüft, ob er alle Informationen hat, die er braucht oder ob er Informationen bekommt, die er nicht braucht, weil er sie direkt der Original-Tonspur entnehmen kann. So wird der Text dann noch einmal auf die Bedürfnisse des blinden Hörers hin optimiert.

Wie lange dauert dieser Prozess in etwa?

Wiemers: Wir rechnen ungefähr eine Woche für einen durchschnittlichen 90-Minuten-Film.

Und aus welchen Bereichen kommen die Mitarbeiter, die diese Überarbeitung machen?

Wiemers: In der Regel aus einschlägigen Berufsfeldern, das sind erfahrene Autoren, die für Radio oder Fernsehen arbeiten. Wir hatten auch schon Schauspieler, der großartige Texte geschrieben haben. Es muss auf jeden Fall ein intensiver Umgang mit Sprache gegeben sein, und man braucht ein gutes Gefühl für Erzählweisen, Spannungsbögen und Charaktere.

Sie haben ja bereits einige Probleme angesprochen. Gibt es auch Filme, die sich nicht für Blinde aufbereiten lassen?

Wiemers: Nein, denn: Auch eine nicht perfekte Beschreibung ist besser als gar keine. Es gibt natürlich Filme, die sich nicht hundertprozentig umsetzen lassen, vielleicht, weil das Tempo zu hoch ist, oder die Tonspur sehr dicht ist und keinen Raum zum Beschreiben lässt. Aber trotzdem schaffen diese wenigen Informationen ja immerhin eine graduelle Barrierefreiheit.

Wie viele Filme pro Jahr übersetzen Sie in etwa?

Wiemers: Im vergangenen Jahr haben wir 124 Audiodeskriptionen produziert. Zerrissene Umarmungen war dabei, Slumdog Millionär, Wolke 9, Krabat, dazu viele Produktionen für das Fernsehen, Tatorte, Serien, Fernsehspiele – die ganze Palette.

Können Sie sagen, wie viel Prozent des Fernsehprogramms mit Audiodeskription empfangbar sind?

Wiemers: Der Anteil ist verschwindend gering – man stelle sich vor, statt des gesamten Programms aller Sender gebe es nur ganze zwei Filme am Tag. Hinzu kommt, dass nicht jeder Hörfilm an jedem Ort und in jedem Haushalt empfangen werden kann. Das heißt: Je nachdem, wo ich lebe und wie ich technisch ausgestattet bin, kann ich nur einen mehr oder weniger großen Teil der ausgestrahlten Hörfilme auch wirklich empfangen.

Und wie sieht das im Kino aus?

Wiemers: Erst die Digitalisierung wird die technische Basis bieten, auf der Audiodeskription sich im Kino durchsetzen kann. Erst digital wird es problemlos und mit einem vernünftigen Kostenaufwand möglich sein, Audiodeskription im Kino anzubieten. Dabei wird dann die Audiodeskription als zusätzliches Datenpaket in das DCP, also die digitale Filmkopie, eingebunden und kann im Kino über Kopfhörer abgerufen werden.

Woran scheitert es bislang?

Wiemers: Noch sind im Rahmen der Digitalisierung des Kinos viele Fragen offen – finanzielle wie technische. Wenn diese Fragen geklärt sind, wenn die Kinos sich breitflächig umgestellt haben, wird es auch ein entsprechendes Angebot für blinde Kinobesucher geben.

Auch die Überarbeitung als Hörfilm kostet ja Geld. Von welchen Summen sprechen wir da pro Film?

Wiemers: Das sind ungefähr 5000 Euro für einen durchschnittlichen 90-Minuten Film. Diese Audiodeskription kann dann im Kino, auf der DVD und im Fernsehen eingesetzt werden.

Und wer trägt diese Kosten?

Wiemers: Das hängt von der Produktion ab. Die Fernsehsender haben Budgets bereit gestellt, den größten Teil liefert hier das ZDF, die meisten ARD-Anstalten sind auch dabei. Die Privaten haben sich leider noch nicht zu diesem Schritt entschlossen. Und bei den DVDs sieht es meist noch so aus, dass Pakete von Film zu Film geschnürt werden, da sprechen wir Sponsoren und Unterstützer an, die uns helfen, Hörfilme zu realisieren.

Wie ist denn Ihrer Erfahrung nach das Bewusstsein für das Phänomen Hörfilm in der Bevölkerung?

Wiemers: Wir stellen immer wieder fest, dass der bloße Umstand, dass blinde Menschen Filme genießen, zu Erstaunen führt. Es lässt sich aber auch schnell sehr viel Sympathie dafür gewinnen. Vielen Menschen ist der Gedanke, dass sie vielleicht auch im Laufe des Alters an Sehkraft verlieren könnten, nicht mehr so fremd. Die Vorstellung, dass man dann noch an Filme rankommt, dass man den Kontakt zum Bild nicht verliert, die ist natürlich sympathisch.

Oft denkt man bei blinden Menschen ja an solche, die von Geburt an blind sind, das ist ja etwas anderes, als sein Leben lang sehen zu können und dann mit 80 zu erblinden. Macht es für Sie einen Unterschied, für wen Sie den Film aufbereiten?

Wiemers: Es ist in der Tat so, dass in der Zielgruppe der Blinden und Sehbehinderten die Wünsche und Erwartungen, die an einen Hörfilm gestellt werden, unterschiedlich sind. Ein geburtsblinder Mensch interessiert sich in der Regel nicht so sehr für Kleidung, für Frisuren, für Äußerlichkeiten, weil er sie nicht direkt mit einer Seherinnerung in Verbindung setzen kann. Anders ist das für einen Menschen, der vielleicht mit Mitte 20 sein Augenlicht verloren hat. Das heißt für uns im Texten, dass wir beide Interessenlagen im Blick haben, immer aber visuelle Details zu den Figuren, auch zu Modefragen, liefern.

Wie groß ist denn Ihre Zielgruppe?

Wiemers: Das sind etwa 700.000 Menschen, die nichts oder kaum noch etwas sehen können, knapp ein Prozent der Gesamtbevölkerung.

Das Bewusstsein für Menschen mit Behinderung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Seit wann gibt es überhaupt Hörfilme?

Wiemers: Die Idee der Audiodeskription ist aus den USA importiert worden. Entwickelt wurde sie an der San Francisco State University of Arts von August Coppola in Zusammenarbeit mit einem blinden Freund. 1989 wurde die Technik in Cannes vorgestellt und wurde dann in anderen europäischen Ländern aufgegriffen. Vor allem in Großbritannien ist sehr schnell viel in Bewegung gekommen, aber auch in Deutschland. Wir hatten 1993 im ZDF den ersten Film mit einer Audiodeskription, Eine unheilige Liebe, der wurde im Zweikanalton-Verfahren ausgestrahlt. Das ist eine technische Besonderheit des deutschen Fernsehens, auf deren Basis das Medium Hörfilm sich in Deutschland relativ schnell etablieren konnte. Deutschland war lange Jahre europaweit das Land zwar nicht mit dem größten Hörfilm-Angebot, aber mit den meisten Hörfilm-Nutzern.

Hat sich denn unabhängig von der Technik im inhaltlichen Umgang mit Filmen etwas verändert?

Wiemers: Wir haben in den zwölf Jahren, in denen wir Audiodeskription produzieren, natürlich sehr viele Erfahrungen gemacht. Wir haben uns viele Genres genauer angesehen, wir haben verschiedene Deskriptionsstrategien erprobt, mit großem Detailreichtum etwa, oder mit sehr verknappten Beschreibungen. Und es gab immer wieder ganz neue Herausforderungen – Tanztheater etwa, oder Stummfilme, die wir bearbeitet haben. Derzeit arbeiten wir an einem großen Projekt für ein erlebnisorientiertes Ausstellungskonzept.

Wie sieht es denn mit der politischen Unterstützung aus?

Wiemers: Es gibt in Deutschland keine gesetzliche fixierte Quote, wie etwa in Großbritannien. Dort strahlen die großen TV-Stationen mittlerweile zehn Prozent ihres Programms mit Audiodeskription aus. Davon sind wir noch weit entfernt. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV, unser Alleingesellschafter, hat hier allerdings schon viel in Bewegung gesetzt. In den letzten Rundfunkänderungsstaatsvertrag ist die Audiodeskription aufgenommen worden, und auch im neuen Filmförderungsgesetz ist die Audiodeskription verankert.

Das klingt erst einmal recht zufrieden. Dennoch: Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit?

Wiemers: Ich wünsche mir, dass der Anteil der Filme mit Audiodeskription sich schnell und deutlich erhöht. Am einfachsten geht das, wenn die Kosten für die Audiodeskription in die Herstellungskosten eines Films einbezogen werden. Barrierefreiheit – Audiodeskription und Untertitelung – muss perspektivisch zum festen Bestandteil jeder Filmproduktion werden. Das ist noch ein weiter Weg, da ist noch sehr viel zu tun.


Martina Wiemers leitet seit 2001 die Deutsche Hörfilm gemeinnützige GmbH. Von 1998 bis 2001 war sie Leiterin des «Projekts Hörfilm» des DBSV.

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