Von news.de-Redakteur Christian Vock
Der Rugby World Cup 1995 in Südafrika war nicht einfach ein großes Sportereignis. Es war auch der Versuch, ein durch Apartheid zerrissenes Land zu einen. Clint Eastwoods Invictus zeigt Nelson Mandelas Vision von der versöhnenden Kraft des Sports.
So langsam löst sich die Spannung. Jetzt, da man weiß, dass alles klappen könnte. Als vor einigen Jahren Südafrika den Zuschlag für die Fußballweltmeisterschaft 2010 erhielt, hätte der weltweite Chor der Skeptiker nicht größer sein können. Doch für das Land am Kap war es die Gelegenheit zu zeigen, was alles in ihm steckt und noch viel wichtiger, was alles in Afrika steckt.
Wo anfangen?
1995 war die Situation ganz ähnlich und doch völlig anders. Südafrika hatte sich gerade erst aus dem rassistischen Schraubstock der Apartheid gewunden. Nelson Mandela war fünf Jahre zuvor aus jahrelanger Gefangenschaft entlassen worden und gerade zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt worden. Das ist die Ausgangslage und hier setzt Invictus, der neue Film von Regisseur Clint Eastwood ein. Mandela (Morgan Freeman) steht vor einer Mammutaufgabe: Wie soll er ein Land, das so viele Jahre durch eine Politik der Unmenschlichkeit zerrissen war, einen? Wie schafft man es, dass sich die Feinde die Hand reichen? Wie bekämpft man den Hass?
Für seine Politik der Versöhnung entdeckt er den Sport. Ihm traut er die einende Kraft zu. Also bittet er François Pienaar (Matt Damon), den Kapitän des südafrikanischen Rugby-Teams um Hilfe. Die Mannschaft soll nichts geringeres schaffen, als den Titel bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land zu holen. Die Ausgangsvoraussetzungen sind alles andere als gut, doch genau deshalb wäre ein Triumph so bedeutend. Zum einen ist die Mannschaft gerade alles andere als erfolgreich und zum anderen ist Rugby bei der schwarzen Bevölkerung alles andere als beliebt, gilt es doch als Sport der weißen Rassisten. Wer schwarz ist, spielt Fußball.
Also ist die Rugby-Nationalmannschaft nicht nur zum Siegen verdammt, sie soll auch noch den schwarzen Teil des Landes für ihren Sport begeistern. Würde sich das Land beim Feiern des gemeinsam errungenen Titels in den Armen liegen, wäre ein erster bedeutender Schritt der Versöhnung gemacht, so die Hoffnung des Präsidenten.
Nahaufnahmen ohne Nähe
Wie die Weltmeisterschaft seinerzeit ausgegangen ist, ist bekannt. Eastwood inszeniert den Weg dorthin anhand zweier Männer. Da ist Nelson Mandela, der in Habitus und Gestus glänzend von Morgan Freeman verkörpert wird. Nicht zu Unrecht ist der Oscar für Freeman zum Greifen nah. Er zeigt Mandela als den Mann, den wir auch aus den Medien kennen. Einen Mann, der trotz seiner Jahrzehnte währenden Gefangenschaft die Größe hat, seinen Feinden die Hand zu reichen. Wie es in ihm drinnen aussieht, über diese Frage huscht Invictus allzu oft drüber hinweg. Gezeigt wird fast ausschließlich der Politiker Mandela, seine Politik der Versöhnung unablässig vor sich hin betend. Nahaufnahmen ohne echte Nähe.
Auch Matt Damon kann hier nicht weiterhelfen. Er ringt mit der Rolle des Sportstars, der plötzlich mit der großen Politik konfrontiert wird und dem die Last, eine ganze Nation zu retten auf die Schultern gelegt wird. Was das für ihn bedeutet, bleibt an der Oberfläche. Nur selten kann man in seine Gedanken sehen, etwa wenn er mit seinem Team die ehemalige Zelle Mandelas auf Robben Island besucht. Wenn man aus dem Off das Gedicht Invictus von William Ernest Henley, das Mandela die Kraft zum Durchhalten während seiner Gefangenschaft gegeben haben soll, hört, dann ist das einer der wenigen Momente, die zu Herzen gehen.
Zu gut für einen Film
Und selbst der Sport funktioniert nur bedingt als Gefühlswecker. Zumindest für deutsche Augen sind Rugbyspieler tumbe Raufbolde, die sich bei einem unverständlichen Regelwerk auf dem Spielfeld verkeilen und sich nach Abpfiff die Zähne der Gegner aus dem Trikot schütteln. So entsteht der Reiz des Sports im Film nur durch die politische Aufladung des Spiels. Diese ist dafür aber durchweg überdeutlich, schließlich geht es um das Überleben eines ganzen Landes. Entweder gemeinsam siegen oder getrennt untergehen. Wie groß die Gräben sind, die es zuzuschütten gilt, zeigt Eastwood geschickt an den vielen kleinen Geschichten in der Geschichte. Wenn die schwarzen Sicherheitsbeamten Mandelas plötzlich gemeinsam mit ihren Kollegen den Präsidenten schützen müssen, kann man ahnen, vor welcher Zerreißprobe das Land stand und auch noch heute steht. Doch manche dieser Bilder wirken allzu klischeehaft, vieles läuft einfach zu reibungslos auf den bekannten Höhepunkt zu. Wenn im Hintergrund dann auch noch das unvermeidliche Shosholoza angestimmt wird, dann ist das alles irgendwie zu perfekt.
Clint Eastwood hat mit seiner Herangehensweise mit Sicherheit nichts falsch gemacht. Wenn Invictus zwar packt, aber nie wirklich zu Herzen geht, dann ist es schwer, einen Schuldigen zu finden. Vielleicht sind es zu viele Geschichten, die der Film erzählen muss. Vielleicht läuft auch alles viel zu glatt. Vielleicht ist diese Geschichte einfach schon zu ideal für einen Film.
Titel: Invictus
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Morgan Freeman, Matt Damon, Tony Kgoroge, Patrick Mofokeng
FSK: ab sechs Jahren
Filmlänge: 133 Minuten
Kinostart: 18. Februar 2010
meiner meinung nach, geht der film sehr wohl zu herzen und unter die haut...die obenstehende kritik wird dem film absolut nicht gerecht. ein fantastischer film, bzw. eine fantastische geschichte, die berührt!
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