Wirklich nur ein braver Spießer?
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteurin Julia Zahnweh
Artikel vom 21.02.2010
An Bushido kommt man derzeit nicht vorbei. Was nicht überrascht, ist er doch mit dem Film Zeiten ändern Dich im Kino. Doch das Bild das die Medien – von Bild bis Spiegel – von ihm zeichnen, verblüfft: Vom früheren Skandalrapper ist kaum etwas übrig. Ist Bushido wirklich so harmlos?
Für Alice Schwarzer ist Bushido ein Wichtigtuer – getreu dem Motto «große Klappe und nichts dahinter». In einem offenen Brief, den die Emma-Chefin vor kurzem auf ihrer Webseite veröffentlicht hat, nachdem Bushido sie in einem Interview beleidigt hatte, nennt sie den Rapper einen «kleinbürgerlichen Spießer». Sie kritisiert zwar seine frauenfeindlichen Texte («Wir sind für dich nur Fotzen, die man von hinten fickt»), aber ernstnehmen könne sie ihn nicht. Er sei kein Gangster-Rapper, er spiele diese Rolle nur. «Respekt kann ich davor nicht haben», schreibt Schwarzer.
Wenn noch nicht einmal Deutschlands Feministin Nummer eins, Bushido für gefährlich hält, dann scheint er ja wirklich nicht so schlimm zu sein, möchte man meinen. Und wenn sogar Horst Seehofer sich mit ihm fotografieren lässt und zu Protokoll gibt, dass ihn Bushidos «Zuversicht, sein Optimismus und seine Einstellung, dass man im Leben etwas bewegen kann», beeindruckt habe, dann scheint der Berliner Rapper wohl sogar salonfähig geworden zu sein. Und dann empfindet man es auch nicht mehr als Ironie, wenn das Hamburger Abendblatt Bushidos aktuelle Idee, Berliner Bürgermeister zu werden, mit der Frage kommentiert: «Warum nicht?».
Vor Bushidos PR-Karren spannen lassen
Die mediale Aufmerksamkeit, die der Rapper genießt, verwundert nicht – läuft doch gerade Bernd Eichingers Verfilmung von Bushidos Biografie Zeiten ändern dich erfolgreich im Kino. Dass der Film ihn als netten Kerl zeigt («Ob Hitler, Baader oder Bushido – Eichinger kriegt sie alle weich», schreibt die taz), verwundert ebenfalls nicht. Aber dass – von Bild bis Spiegel – fast die gesamte deutschen Medienlandschaft Bushido mittlerweile für gesellschaftsfähig hält, umso mehr. Es muss die Frage erlaubt sein, wie jemand, der sich noch vor wenigen Tagen in einem Interview mit der Welt dafür rechtfertigt, dass er Frauen schlägt («Sie darf mich nicht Hurensohn nennen!»), von Journalisten als nett und harmlos tituliert werden kann. Und die gleiche Zeitung sogar am gleichen Tag Bushido in einem anderen Beitrag als «Mario Barth des Raps» bezeichnet.
Natürlich könnte man argumentieren, dass Bushido sich, auch wenn er sich neuerdings gern im Anzug und als Spießer gibt, weiterhin ab und an als Rüppelrapper inszenieren muss. Dass ihm gar nichts anderes übrig bleibt, als das Spiel mit den Medien weiter zu treiben. Er muss ihnen diese gespaltene Persönlichkeit liefern, die zugibt, Frauen zu schlagen und gleichzeitig Bürgermeister werden zu wollen. Nur so spielen die Medien dieses Spiel eifrig weiter mit.
Weiterhin eine fragwürdige Person
Wie das NDR-Magazin Zapp treffend in seinem Beitrag Heldenverehrung von Bushido analysiert, muss sich die deutsche Medienlandschaft aber ernsthaft die Frage gefallen lassen, ob sie sich vor Bushidos PR-Karren hat spannen lassen. Und dabei ist die Frage, ob der den Rüpelrapper wirklich nur spielt, tatsächlich nebensächlich. Denn ob Inszenierung oder nicht, der aktuelle Bushido ist vielleicht braver geworden, aber ist weiterhin auf Provokation aus. Er will bewusst mit seinen Aktionen, etwa der Beleidigung von Alice Schwarzer, anecken, um im Gespräch und in den Medien zu bleiben. Doch diese Medien sollten Bushido nicht nur hofieren, sondern sich kritischer mit seiner Person und ihrer Inszenierung auseinandersetzen.
Eigentlich hätte man erwarten können, dass mit dem Kinostart von Zeiten ändern dich die fragwürdigen und kritikwürdigen Passagen in Bushidos Leben wieder thematisiert würden. Hierzu lassen sich in seiner Biografie genügend Punkte finden: Seien es seine Liedtexte, die sexistische, rassistische und schwulenfeindliche Inhalte haben («Fotze, ich ficke dein Arsch während du kochst. Wie siehst du eigentlich aus? Geh ins Bad und mach dich hübsch, dumme Nutte.», Drogen, Sex, Gangbang), sein Abschied von Aggro Berlin – ein dubioser libanesischer Clan hatte Bushido aus einem laufenden Vertrag rausgehauen – oder sein Ehrbegriff, der Schläge gegen Frauen erlaubt.
Alle Kritik bekommt Eichinger ab
Doch genau das Gegenteil ist passiert, Bushido muss sich keinen kritischen Fragen stellen. Der einzige, mit dem hart ins Gericht gegangen wird, ist Bernd Eichinger. Mit dem Erfolgsregisseur hat Bushido seine Biografie auf die Leinwand gebracht und das – da sind sich die Kritiker einig – auf nicht gerade gelungene Weise. Der Focus wirft Eichinger «Rosamunde-Pilcher-Pathos» vor, die Welt nennt seine Dramaturgie «zum Haareraufen». Der Film sei so «missraten, dass einem davon schwindelig wird». Und die Frankfurter Allgemeine Zeitung bringt das Dilemma des Filmes auf den Punkt: «Am Ende ist in diesem Film wirklich jeder mit Bushido versöhnt».
Natürlich kann man Eichinger vorwerfen, dass er einen schlechten Film abgeliefert hat. Doch die Tatsache, dass die Medien dennoch die Hauptaussage des Films, «Bushido war zwar früher ein Gangster, aber jetzt ist er ein besserer Mensch», einfach so für bare Münze nehmen, ist erstaunlich. Es gibt noch genügend fragwürdige Dinge im Umfeld des Rappers.
Wie weit nach oben geht's noch?
Eines steht fest: Bushido hat es bis nach ganz oben geschafft – mit Unterstützung der Medien. Erst konnten sie sich an dem Skandalrapper reiben, für einen gesellschaftlichen Aufschrei sorgen. Als seine Provokationen dann langweilig wurden, lieferte er ihnen einen neuen, einen geläuterten Bushido, den sie hofieren und respektieren konnten. Interessant wird nun sein, wie Bushidos mediale Schlacht weitergeht und wer am Ende als Sieger hervorgeht.
Und was sagen seine Fans zu alldem? Für sie ist Bushido verständlicherweise der Größte, ihr Idol, zu dem sie hinaufschauen. «Der Typ ist geil, die Musik auch. Er hat's geschafft. Er ist ganz oben», sagte der 16-jährige Martin nach einer Vorstellung des Kinofilms. Seine Freundin fügt hinzu: «Jeder, der Erfolg hat, bekommt Kritik ab. Das ist halt so. Die sind einfach nur neidisch». Auf die Frage, wie sie zu den frauenfeindlichen Texten von Bushido steht, sagt sie: «Das meint der nicht ernst. Das ist doch alles nur Spaß. Wenn die Leute das nicht kapieren, dann sind sie selbst Schuld.»
Ob für Bushido alles nur Spaß ist, werden wir spätestens im Herbst 2011 wissen: Denn dann findet die nächste reguläre Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus statt, an der Bushido nach eigener Aussage teilnehmen will. Eine Chance für die Medien, zu ihrer kritischen Haltung dem Rapper gegenüber zurück zu finden.
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Im neuen Eichinger-Film spielt sich Bushido selbst und überzeugt. Das ist auch das einzig mehr ...
Lange Zeit war er der böse Bube der deutschen Rap-Szene, mittlerweile hat er die Lage gewechselt und gibt sich mehr ...
Teenager eifern ihm wegen seiner coolen Art und seiner kriminellen Vergangenheit nach. Erwachsene greifen sich wegen seines mehr ...
Bushido soll wohl als Vorbild sogenannter bildungsarmer Schichten gesellschaftsfähig gemacht werden. Der ganze Vorgang um die Person Bushido ähnelt sehr den Vorgängen um Hitler in der Münchener Zeit. Er ist für Alles und Nichts brauchbar aber sehr willig und zur Zeit noch pflegeleicht. Viele junge Menschen mit krativen Zukunftsvorstellungen werden durch Bushido beflügelt aber auch nicht vertreten.
jetzt antwortenKommentar meldenDer Typ war schon immer einer der größten Abzocker Deutschlands. Er wusste genau, was die Unterschichten-Jugend hören will und produzierte Hass-Rap, wie es schlimmer nicht mehr geht. Aber er ist halt clever und weiß, was Geld bringt. Und aktuell macht er es genauso, denn nichts lieben Medien und das Volk mehr, als einen geläuterten Bösewicht, der endlich den rechten Weg gefunden hat. Dass er damit alle Leute verar... und es gar nicht ernst meint, begreifen viele nicht. Bushido ist ein cleverer Geschäftsmann. Ich will nicht wissen, wieviele Jugendliche nach seinen Hassparolen leben.
jetzt antwortenKommentar meldenWegen Verstoß gegen die Netiquette gesperrt
jetzt antwortenKommentar meldenMenschenverachtend, intolerant anders Denkenden, mit Werte lebenden Menschen gegenüber, doch seine Mutter in allen Ehren hochhalten...Widersprüchlichkeit in feinster Natur... Hauptsache medienwirksam...und worum geht`s? Nur um das eine: Geld! Ob es die Medien sind, Herr Eichinger oder der Rapper B., der manchmal in seinem Verhalten wie ein pupertärer Junge, der um Aufmerksamkeit ringt, auf mich wirkt.
jetzt antwortenKommentar meldensolche Geschichten enden immer so!!
jetzt antwortenKommentar meldenWas ist den mit den Medien los? Da kommt einer daher, der übelst die Grenzen verletzt - nur damit Er Geld machen kann - und jetzt plötzlich der liebe, geläuterte Junge von neben an ist - damit Er wieder Geld machen kann. So was nennt man einen WENDEHALS. So einen kann keiner ernst nehmen - ausser die Medien. Und WARUM - damit auch die Medien Geld verdienen können. Also doch alles richtig gemacht - oder war da noch was!?
jetzt antwortenKommentar melden