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«An Education» (Bild 1/15)
An Education (Foto)
Foto: Sony Pictures
18.02.2010

Die 16-jährige Jenny (Carey Mulligan) hat eigentlich alles, was sie braucht. Sie ist gut in der Schule, hat ein Stipendium in Aussicht, das Leben könnte schlimmer sein.

 

«An Education»

«Zauberhaft, oder?»

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Sie weckt Erinnerungen an Audrey Hepburn: Die 24-jährige Carey Mulligan erarbeitet sich gleich mit ihrer ersten großen Rolle in An Education eine Oscar-Nominierung - vollkommen zurecht. Der Film ist ein Lehrstück in Sachen Kino: unterhaltsam, ergreifend und charmant.

Lester Maul (Was ist das?)

Klingt ja toll! Leider noch so ein Film, den ich mir nicht angucken werde. Die Angst enttäuscht zu werden, ist zu groß.

18.02.2010
Trailer
«An Education»
Video: Sony Pictures

Eigentlich ist es alles andere als ein magischer Moment. Im strömenden Londoner Regen des Jahres 1961 hält ein Wagen im Stadtteil Twickenham, in dem die 16-jährige Jenny (Carey Mulligan), in grauer Schuluniform und auf ihr Cello gestützt, auf den Bus wartet. Ein Fenster wird heruntergekurbelt. «Wenn Du einen Funken Verstand hast», sagt David (Peter Sarsgaard), «würdest Du Dich niemals von einem Fremden mitnehmen lassen. Aber ich bin Musikliebhaber und ich habe Angst um Dein Cello.»

Die hat auch Jenny, und so zögert sie. Und da ist es schon zum ersten Mal, dieses Lächeln, das dem Moment seine Magie verleiht. Verschmitzt, voller Neugier, ein bisschen ungläubig. Den Kopf leicht zur Seite gedreht, zeigen sich kleine Grübchen in ihrem Gesicht - einem Gesicht, das selbst aus einem verregneten Vorort ein Paradies machen kann. «Vor Rehen wird gewarnt», schrieb Hans-Christoph Blumenberg 1991 in der Zeit. «Sie haben große Augen und schmale Taillen. Sie sehen schutzlos und zerbrechlich aus, aber wenn es ihnen gefällt, verwandeln sie grundsolide ältere Herren mit einem einzigen Blick in liebeskranke Jünglinge.» Jenny ist eines von ihnen.

Später, da bringt der so gar nicht grundsolide Mittdreißiger David sie gerade von einer Verabredung nach Hause, wird sie sagen: «Du hast keine Ahnung, wie langweilig alles war, bevor ich dich traf.» Da ist sie schon vom Schulmädchen zur jungen Dame geworden, hat das graue Kostüm gegen das Kleine Schwarze getauscht. Das Lächeln aber, dieses zuckersüße Mädchenlächeln, das ist geblieben. «Ihr Handeln definiert die Figur, heißt es in der Literatur», sagt sie vor der Tür ihrer Eltern. «Das bedeutet für mich: Würden wir nie etwas unternehmen, wären wir auch niemand. Und ich habe nie etwas unternommen, bevor ich dich traf.»

Erinnerungen an Audrey Hepburn

Nun aber ist sie jemand, nun hört sie Jazz und geht - statt zur Schule - in Nachtclubs und Konzerte. Sie hat sich entschieden für ein Leben mit David, dem charmanten Lebemann und Gauner, und gegen den Plan ihrer Eltern, gegen die Konvention. Und ein bisschen sogar gegen ihren eigenen Willen. Eigentlich nämlich sollte Jenny nach der Schule studieren - Literatur, ihre Leidenschaft. Sie sollte irgendwann, sicher nicht mit 16, heiraten, Kinder kriegen und glücklich werden. So zumindest sah der Lebensentwurf ihrer Eltern für die einzige Tochter aus. Doch auch die hat David um den Finger gewickelt. Um den kleinen Finger. «Ein beeindruckender junger Mann», urteilt Jennys Vater (Alfred Molina) und so bleibt den beiden nur noch, Tochter und Schwiegermuttercharme viel Vergnügen zu wünschen.

Und das hat Jenny, zweifellos. Staunend und mit offenem Mund sieht sie sich um in der glitzernden Welt, die David ihr zu Füßen legt, in der Welt der Liebe und der Musik, der Hunderennen, der Partys und der Stars. Stars wie Juliette Gréco, die Jenny verehrt. «Du solltest sie in Paris erleben, nicht hier», schwärmt Davids Freund Danny (Dominic Cooper) ihr vor. «David fliegt mir dir hin.» Und tatsächlich: Das tut er.

An Education, ein Film der dänischen Regisseurin Lone Scherfig nach dem gleichnamigen Buch von Lynn Barber, wirkt wie die ernsthafte, wie die britische Variante von La Boum. Beide Filme arbeiten sich, getragen von bezaubernden Hauptdarstellerinnen, am Erwachsenwerden ab, ohne einen einzigen echten Kraftakt bemühen zu müssen. Beide leben von ihrer Leichtigkeit, vom Charme ihrer Zeit, und beide funktionieren ohne ein über und über mit Drehungen und Wendungen versehenes Drehbuch. Nur, dass An Education auf die Parodie verzichtet. Der Film ist keine Komödie im eigentlichen Sinne. Trotz mancher Szene, die den Zuschauer schmunzeln lässt, trotz des charmanten Humors, der hinter den ausgefeilten Figuren steckt. «Zauberhaft, oder?», fragt Dannys Freundin Helen (Rosamund Pike) in einer Szene, und man möchte antworten: «Ja, zauberhaft.» Doch Helen meint ihren Pelz.

Doch An Education weckt auch noch andere Erinnerungen, Carey Mulligan weckt noch andere Erinnerungen. An Audrey Hepburn etwa, da mag die 24-Jährige noch so beschämt sein ob dieses vielleicht etwas verwegenen Vergleichs. Und sie erinnert an die junge Katie Holmes, auch die hatte, als sie mit Dawsons Creek erwachsen wurde, dieses Unbedarfte, etwas Flatterhafte. Dabei ist das mit dem Erwachsenwerden so eine Sache für Jenny. Vielleicht geht es dann doch alles etwas zu schnell, zu unüberlegt. Sie klinge sehr alt und weise, sagt Helen einmal zu ihr. Jennys Antwort: «Ich fühle mich alt, aber nicht sehr weise.»

Ein Lehrstück in Sachen Kino

Das ist die Kehrseite, das ist das Drama in An Education. Das Drama des zu schnellen Erwachsenwerdens, das Drama, mit jeder Entscheidung für etwas auch eine Entscheidung gegen etwas anderes treffen zu müssen - die Lektion des Lebens. Ein Drama, das dieser Film manches Mal auf die leichte Schulter nimmt. Dass hier eine Jugend in die Brüche geht, dass hier ein erwachsener Mann eine Minderjährige verführt, dass hier ein Generationenkonflikt stattfindet - all das verschwindet hinter den stimmigen Kulissen des britischen Mittelschicht-Milieus und geistreichen Dialogen, der unglaublich leichtfüßigen Schauspielkunst von Carey Mulligan und Peter Sarsgaard, großartig besetzten Nebenrollen - allen voran Alfred Molina - und der hinreißenden Musik der frühen 1960er Jahre.

Autor Nick Hornby (High Fidelity, About a Boy) hat das Lebensgefühl dieser Vor-Swing-Ära eingefangen wie einen Schmetterling. An Education ist bestes, altmodisches Gefühlskino mit Hintersinn, da mögen noch so viele Kritiker das auf den ersten Blick moralinsaure Ende monieren oder den vermeintlichen Antisemitismus, der dem Film vorgehalten wird, weil David, der Gauner und Verführer, ein Jude ist. All das bleiben blasse Vorwürfe, zu facettenreich sind die Charaktere mit ihren Marotten, zu ergreifend ist dieses alte Märchen in neuem Gewand.

Und so ist An Education ein Lehrstück in Sachen Leben und ein Lehrstück in Sachen Kino: beste Unterhaltung, ergreifendes Drama und rührende Liebesgeschichte, eine mit drei Chancen auf einen Oscar, nominiert als «Bester Film», für das «Beste Drehbuch» und die «Beste Hauptdarstellerin» - Carey Mulligan. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht mindestens für eine der drei Auszeichnungen reichen würde.

Titel: An Education
Regisseur: Lone Scherfig
Hauptdarsteller: Carey Mulligan, Peter Sarsgaard, Alfred Molina, Rosamund Pike, Emma Thompson, Dominic Cooper, Cara Seymour
Spielzeit: 100 Minuten
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2009
FSK: ohne Altersbeschränkung
Kinostart: 18. Februar 2010

voc/ivb/news.de
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