«Ich war nie rebellisch»
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Von news.de-Redakteurin Nadine Kotré
Artikel vom 18.02.2010
Mit An Education feiert die Britin Carey Mulligan ihren Durchbruch und ist jetzt für den Oscar nominiert. Mit news.de spricht die 24-Jährige über Bildung, die Tücken Hollywoods und ihre Jugend in Deutschland.
Das zentrale Thema in An Education ist die Beziehung einer jungen Frau mit einem älteren Mann. Haben Sie damit auch Erfahrung gemacht?
Mulligan: Als ich 16 Jahre alt war, bin ich mit einem Typen ausgegangen, der 25 Jahre alt war. Und als ich 18 war, habe ich in einer Bar gearbeitet. Und dieser eine Typ ist jeden Tag in die Bar gekommen. Er war um die 30 und hatte einen Ferrari und ich bin dann mit ihm ausgegangen, weil er ein cooles Auto hatte. (lacht). So einfach geht das. Aber das waren keine Beziehungen, sondern nur Dates. Ansonsten habe ich keine Erfahrung mit älteren Freunden. Ich war auf einem Internat, da hat man kein soziales Leben. (lacht)
Mal angenommen, sie hätten mit 16 Jahren einen Mann wie David kennen gelernt. Wären Sie seinem Charme erlegen?
Mulligan: Hmm, ich weiß es nicht. Ja, vielleicht. Aber ich habe DavidHauptfigur in «An Education», der wesentlich älter ist als die von Carey Mulligan gespielte Jenny. nie als finsteren Charakter empfunden. Das ist nur das Äußere. Innerlich ist er so linkisch und liebenswert. Alles was er tut, macht in seinem Kopf Sinn, doch wenn es über seine Lippen kommt, ist es falsch. Lone Scherfig (Regisseurin von An Education, Anm. d. R.) hat sehr darauf geachtet, dass David nicht der Böse ist, sondern auch meine Figur der Jenny die Beziehung vorantreibt. Es passiert nichts spontan und sie wird auch nicht von diesem Mann verführt. Sie ist es, die ihn küsst und sie entschließt sich auch, zu ihm in das Auto zu steigen. Er ist also nicht der finstere, böse Typ, der versucht Jenny von ihrer Familie fernzuhalten.
Die Geschichte von Jenny und David spielt zwar in den 1960er Jahren, wirkt aber zeitlos. Woran liegt das?
Mulligan: Geschichten über das Erwachsenwerden sind unabhängig von der Zeit, in der sie spielen. Es ist die Momentaufnahme von Jennys Leben, davon, wie sie einen Fehler macht, der sie ihr Leben und die Art und Weise, wie sie es leben will, überdenken lässt. Dieser Fehler schadet ihr, hilft ihr aber auch zu erkennen, wer sie ist und was sie im Leben erreichen will. Genau das durchlebt jeder einmal in seinem Leben.
Sie konnten im Film in die 1960er Jahre eintauchen. Wie hat sich das angefühlt?
Mulligan: Faszinierend. Gerade der Beginn der 1960er Jahre, die Zeit vor den Beatles. Alles fühlt sich so statisch an. Es ist, als sei man in einem Käfig gefangen und das macht uns Schauspielern großen Spaß. Andererseits ist es auch sehr erstaunlich, wie sich die Menschen in Bezug auf Antisemitismus oder Rassismus verhalten haben. Es ist nicht lange her, da haben die Leute noch sehr unverhohlen gesprochen.
Neben der Beziehung ist Bildung das zweite Hauptthema des Films. Wie wichtig ist Ihnen Bildung?
Mulligan: Meine Mutter wollte immer, dass ich studiere, was ich aber nie gemacht habe. Man ist gezwungen ein Hauptfach zu belegen. Dabei ist man noch so jung, meist 18 Jahre alt, und muss sich darauf festlegen, was man die nächsten Jahre machen will. Das finde ich schwierig. Ich hatte immer das Gefühl Dinge nur zu lernen, um Prüfungen zu bestehen und nicht, um mich weiterzubilden. Nach meiner Schulzeit hatte ich kein Interesse zu studieren. Und jetzt, da ich älter bin, sehe ich vieles klarer. Aber damals gab es nichts, in dem ich so gut war, dass ich es hätte studieren wollen. Und ich hasse es, Dinge nur halbherzig zu machen. Wenn ich also zur Uni gegangen wäre, hätte ich wohl nur eine Menge Zeit und Geld verschwendet. Daher war meine Entscheidung wohl richtig. Jetzt würde ich zwar gern studieren, habe aber keine Zeit.
Wie haben Ihre Eltern auf Ihren Schauspielwunsch reagiert?
Mulligan: Sie waren nicht sehr glücklich. Sie wollten, dass ich abgesichert bin. Und die Filmindustrie ist nun mal ein sehr unbeständiges Geschäft. Zu Beginn war ich wütend, dass sie mich nicht unterstützt haben. Rückblickend war das vielleicht ganz gut so, da ich es ihnen beweisen wollte und zusätzlich motiviert war. Jetzt haben Sie sich an den Gedanken gewöhnt, dass ich Schauspielerin bin. Und es ist so lustig: Wenn ich meine Mutter anrufe und ihr erzähle, dass ich ein kleines Streitgespräch mit dem Regisseur hatte oder eine Entscheidung hinterfrage, ist das für sie so, als würde ich mit einem Lehrer streiten. Sie sagt dann immer. «Sei nicht so unhöflich.» Und ich muss ihr dann erklären, dass es nicht wie in der Schule ist und man seine eigene Meinung haben und darüber diskutieren kann.
Haben Sie denn als Schüler ihren Lehrern widersprochen?
Mulligan: Nein, ich war nie rebellisch, sondern eher das liebe, langweilige Mädchen. Wenn meine Klassenkameraden in der Schultoilette geraucht haben, war ich davon eher angenervt. Meine größte Rebellion war, Schauspielerin zu werden.
Ihre Darstellung der Jenny hat Ihnen zum Durchbruch verholfen und nun sogar eine Oscar-Nominierung eingebracht. Haben Sie geahnt, dass sich ihr Leben durch diesen Film ändern wird?
Mulligan: Nein, gar nicht. Als ich den Film das erste Mal gesehen habe, habe ich geweint. In dem Moment wird dein Traum wahr und das ist überwältigend. Vor der Premiere bin ich total ausgeflippt, war nervös und hab mich an meinen Agenten geklammert. Es hat sich also nicht lebensverändernd angefühlt, es war nur eine unglaubliche Erleichterung, dass es sich nicht zum Desaster entwickelt hat. (lacht)
Haben Sie sich mittlerweile an Hollywood, die Paparazzi und den ganzen Trubel gewöhnt?
Mulligan: Ich habe echte Probleme, wenn ich fotografiert werde. Ich werde richtig ängstlich, bekomme einen Kloß im Hals und starre nur noch. Ich stehe da und weiß nie, was ich mit meinen Beinen anfangen soll. Und dann schreien die Fotografen: «Hand in die Hüfte.» Worauf ich wiederum nur sage: «Das kann ich doch nicht tun.» Dann sagen die Fotografen, ich solle einfach eine Teekanne nachmachen. Und dann mach ich das auch noch! Jetzt gibt es ein Foto von mir im Internet, auf dem ich aussehe wie eine Teekanne. Die Fotografen nutzen jeden Fehler – und man macht so schnell Fehler.
Ich habe gelesen, dass sie einige Jahre in Deutschland gelebt haben.
Mulligan: Oh ja, ich habe in Hannover und in Düsseldorf gelebt. Mein Vater war Hotelmanager, wurde dann aber als ich 14 Jahre alt war, nach Wien versetzt. Das war auch der Grund, warum ich auf ein Internat gegangen bin. Trotzdem habe ich auch viel Zeit in Österreich verbracht.
Dann sind Sie ja an Hotelzimmer gewöhnt.
Mulligan: Ich fühle mich in Hotels sehr wohl. (lacht). Wir hatten jahrelang kein richtiges Haus. Ich erinnere mich noch an unser erstes: Ich bin zur Eingangstür gegangen und war von dem Schloss ganz fasziniert, da ich bis dahin nur Karten statt Schlüssel benutzt hatte. Mein Vater wohnt noch immer in Österreich und wenn ich nicht arbeite, bin ich eigentlich die meiste Zeit in Österreich.
Sprechen Sie denn noch ein wenig Deutsch?
Mulligan: Ich kann Gesprächen folgen und verstehe den größten Teil. Aber wenn ich versuche auf deutsch zu sprechen, scheitere ich. Außer wenn ich ein paar Drinks hatte. (lacht) Dann verliert man seine Hemmungen und es klappt viel besser mit dem Sprechen. Aber ich will mein Deutsch unbedingt verbessern, das habe ich mir vorgenommen.
Carey Mulligan wurde am 28. Mai 1985 in London geboren. Nach ihrem Schulabschluss konzentrierte sie sich auf die Schauspielerei. Ihre erste Rolle spielte sie 2005 in Stolz und Vorurteil. Es folgten Auftritte in britischen Serien und TV-Filmen, bevor sie 2009 mit An Education den internationalen Durchbruch schaffte. Ab dem 22. April ist sie neben Shia LaBeouf in Wall Street: Geld schläft nicht in den deutschen Kinos zu sehen. Seit den Dreharbeiten sind LaBeouf und Mulligan liiert.
voc/news.de
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