Mo., 13.02.12

Matthias Stolz «Mit größtem Ernst den größten Quatsch»

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 17.02.2010

Autor Matthias Stolz hat gemeinsam mit dem Grafiker Ole Häntzschel das Buch Die große Jahresschau veröffentlicht. Im Interview spricht er über seine Leidenschaft für Statistik, einen Tag im Archiv des Playboy und Babys im Kanzleramt.

Herr Stolz, Sie sind Erfinder der Deutschlandkarte des Zeit-Magazins, jetzt haben Sie das Buch Die große Jahresschau – Was 2010 wichtig ist veröffentlicht. Woher diese Leidenschaft für Statistiken?

Stolz: Bei der Deutschlandkarte war es erst einmal eine Leidenschaft für Karten. Vor einem Urlaub finde ich es immer sehr schön, mit dem Finger auf der Landkarte zu verreisen. Und die Leidenschaft für Statistik gibt es wahrscheinlich, ohne dass mir das so richtig bewusst ist. Auf jeden Fall habe ich keine Angst vor Zahlen, sondern eher Spaß daran. Wobei ich Zahlen nicht an sich interessant finde, sondern nur dann, wenn eine kleine Pointe in ihnen steckt.

Sie nennen die Infografik im Vorwort auch «das Schmuddelkind journalistischer Texte» ...

Stolz: Ohne irgendeiner Publikation zu nahe treten zu wollen: Texten widmet man sehr viel Liebe, Fotos widmet man sehr viel Liebe, Infografiken dagegen nicht. Oft sollen sie nur das noch einmal sagen, was der Autor im Text schon erzählt und so sind sie meistens langweilig und haben fast nie Humor. Das wollten Ole Häntzschel, der Grafiker des Buchs, und ich ändern.

Sind Sie denn jemand, der abends auf der Party mit Statistiken um sich schmeißt?

Stolz: Ich weiß nicht, ob ich das aus dem journalistischen Alltag mitnehme und dann davon erzähle. Es ist eher umgekehrt. Die Deutschlandkarte, die zeigt, wo die meisten Fahrräder gestohlen werden, ist beispielsweise auf einer Party entstanden. «Wusstest Du eigentlich, dass in Bremen die meisten Fahrräder gestohlen werden?», sagte da jemand. Und da wollte ich wissen, ob das stimmt. Wenn man in einer kleineren Stadt wohnt, in der nicht so wahnsinnig viel passiert, ist man ja besonders froh, wenn man einen Superlativ vorzuweisen hat. Man will sich immer vergleichen und wissen, wo man steht.

Das heißt, das Aufräumen mit Mythen spielt auch eine Rolle?

Stolz: Klar. Wir haben zum Beispiel rausgefunden, dass Männer aus Bayern besonders fortschrittlich sind, wenn es um die Babypause geht. Oder auch, dass die meisten Ökobauern im Osten ansässig sind, hätte ich nicht vermutet. Oft gibt es Ergebnisse, die einen zwingen, sein Deutschlandbild zu überdenken.

Infografiken glänzen ja oft dadurch, dass man sie innerhalb von Sekunden erfasst. Bei dem Buch ist die Lesedauer dagegen erstaunlich hoch ...

Stolz: Natürlich wollten wir eine Art Sammelsurium erstellen, in dem man eine Weile schmökern kann. Zum Beispiel bei dem Thema, wer wen auf Buchrücken lobt: Da war unsere Rechercheurin einen Tag lang in der Buchhandlung und hat fast alle Bücher umgedreht. Und da dachten wir: Wenn wir schon so viel Arbeit damit hatten, soll der Leser zwar nicht viel Arbeit, aber ein langes Vergnügen haben.

Zudem bekommt Statistik oft den Anstrich des Neutralen, ihre Grafiken aber haben nicht selten etwas Wertendes oder Interpretierendes, etwa die Gesten von Johannes B. Kerner ...

Stolz: Das stimmt. Da haben wir seine Silhouetten und behaupten zu wissen, was sie uns sagen wollen. Das ist natürlich Interpretation. Das ist auch keine Statistik, das ist eher ein Schaubild. Und natürlich interpretieren wir auch dadurch, dass Ole Häntzschel das so zeichnet, wie er es tut. Und selbst Zahlen sind ja nicht immer objektiv, das zu glauben, wäre gefährlich.

... Es gibt ja auch diesen sehr abgenutzten Spruch «Traue keiner Statistik, die Du nicht gefälscht hast» ...

Stolz: Genau, das ist das andere Extrem. Wir versuchen, Statistiken so darzustellen, dass man über sie nachdenkt.

Viele Leser glauben wahrscheinlich, es sei sehr leicht, an all die Daten heranzukommen. Doch teilweise ist das gar nicht so einfach. Gab es ein paar harte Nüsse, die Sie zu knacken hatten?

Stolz: Auf jeden Fall. Die Daten der Playmates waren so ein Fall, wir wollten zeigen, wie sich ihr Body-Mass-Index über die Jahre verändert hat. Da dachte ich, die müsste der Playboy ja irgendwo gesammelt haben. Aber die hatten gar nichts, auch online nicht. Doch die Redaktion hat uns netterweise nach München eingeladen, da gab es einen Schrank, ein Archiv, und in dem durfte ich suchen. Ich war also einen Tag lang dort, habe die Centerfolds aufgeklappt und geguckt, wie groß und wie schwer die Playmates waren ...

... Der Traum vieler Männer ...

Stolz: Ja, das behauptete meine Freundin auch. Aber das war wirklich nicht so. Ich habe nur noch Zahlen gesehen, und die Menge macht es ja auch nicht unbedingt attraktiver. Es stellte sich auch heraus, dass einige Ausgaben schlicht nicht mehr da waren. Offenbar fand da jemand einige Hefte ganz besonders toll. Um an die fehlenden zehn Hefte ranzukommen, dauerte es noch mal ein paar Wochen, weil wir die bei eBay ersteigert haben. Das war wahrscheinlich eine der aufwändigsten Recherchen des Buchs. Ein anderes Beispiel ist die Grafik, welche Promis wofür werben. Dafür gibt es keine Datenbank, auch das Internet ist wenig verlässlich. Das war ohnehin oft kein so guter Ratgeber, weil die Informationstiefe nicht so gut ist. Für die meisten Themen recherchieren wir ohne das Internet, da macht sich jemand die Mühe, für uns in die Archive zu steigen. Oder wir recherchieren selbst.

Indem Sie Zahnpastatuben ausdrückenEine Doppelseite des Buches zeigt 28 Zahnpastamarken und welche Farben ihre Streifen haben. zum Beispiel. Da scheint auch eine Menge kindlicher Freude mitzuspielen, oder?

Stolz: Doch, tatsächlich. Bei ein paar Themen dachte ich: «Das wollte ich schon immer mal wissen». Und mit kindlicher Freude kann man das auch beschreiben, weil wir teils mit allergrößtem Ernst den größten Quatsch machen durften.

Nicht wenige Grafiken betreffen prominente Menschen, sei es die Information, wie viele Babys in den Amtszeiten von Schröder und Merkel im Kanzleramt geboren wurden, die Autoren, die Autoren loben oder die Gesten von Johannes B. Kerner. Haben Sie schon irgendwelche Reaktionen bekommen?

Stolz: Nein, die haben sich noch nicht gemeldet. So wichtig nehmen wir uns auch nicht, dass wir darauf warten.

Wüssten Sie denn gerne mal, was etwa Angela Merkel dazu sagt, dass in ihrer Amtszeit etwa dreimal so viele Kinder von Kanzleramts-Mitarbeitern geboren wurden, wie zu Schröders Zeiten?

Stolz: Ich nehme an, dass sie sich wahrscheinlich über diese Zahl freut – wenn sie das überhaupt wahrnimmt. Das ist ja eher für Schröder eine schlechte Nachricht, dass man denkt: «Was hat der seinen Angestellten bloß gesagt oder warum haben die keine Kinder gekriegt?»

Haben Sie denn eine Lieblingsgrafik?

Stolz: Schon, ich mag die Zahnpasten sehr gerne, ich mag SarkozyEine Grafik, die anhand von zehn Gruppenfotos zeigt, wo der französische Präsident Nicolas Sarkozy bei öffentlichen Anlässen steht. sehr gerne und ich mag das iPhone und seine GeschwisterEine Grafik, die Konkurrenzmodelle des iPhones zeigt. sehr gerne, weil man sieht, wie ähnlich alles aussieht. Diese Grafiken von Ole Häntzschel würde ich mir auch ins Zimmer hängen und mich nicht dafür schämen. Vor allem weil Ole die sehr, sehr schön gezeichnet hat. In meinem Kopf waren das ja immer nur Zahlen oder Listen, und dann kamen ein paar Tage oder Wochen später diese Grafiken ...

... die ja auch sehr vielfältig sind. Da sieht keine aus wie die andere ...

Stolz: Das spricht für ihn.

Sitzen Sie bei den Deutschlandkarten eigentlich manchmal vor dem Schreibtisch und haben Angst, dass Ihnen nichts einfällt?

Stolz: Nein. Da sind immer genug in der Mache. Auch bei dem neuen Buch gab es eher die Gefahr, dass wir uns verfransen. Ich glaube, wir haben 120 Themen, nach dem ersten Treffen hatten wir schon 100, die Liste war aber auch schonmal bei mehr als 500. Viele davon wären zwar nicht aufgegangen und es waren sicher auch ein paar schlechte Themen dabei ...

... Das Buch trägt ja auch den Untertitel Alles, was 2010 wichtig ist ...

Stolz: Das ist natürlich ein bisschen übertrieben. Dieses «Alles, was ...» ist ja schon fast ein eigenes Bücher-Genre. Aber wir haben natürlich die wichtigen Themen aufgegriffen, Afghanistan beispielsweise, das einzige Thema, das dreimal vorkommt. Und wir haben, und da sind wir ein bisschen stolz drauf, im Buch das Netzwerk der Parteispenden veröffentlicht, als von der FDP-Spendenaffäre noch gar nicht die Rede war.

che/news.de
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