Plüschi, Gaga, Nervensäge
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 14.02.2010
Die zehn Finalisten bei Deutschland sucht den Superstar stehen fest, und das - obwohl nur drei von ihnen wirklich vielversprechende Talente sind. Doch Dieter Bohlen hat beruhigende Worte parat.
So mancher Fernsehzuschauer wird sich schon einmal gefragt haben, was eigentlich RTL unter einem Superstar versteht. Vielleicht kann man sich diesem Geheimnis zumindest ein wenig nähern, wenn man sich anschaut, wie denn der Sender Deutschland definiert. Acht Millionen Zuschauer habe jede Folge von Deutschland sucht den Superstar bisher gehabt, rechnete Moderator Marco Schreyl vor, bis heute also habe jeder Deutsche mindestens einmal die Casting-Show gesehen.
Eine hübsche Milchmädchenrechung, Juror Dieter Bohlen kam sogar auf 100 Millionen Deutsche, doch sei es drum. Es ging um etwas ganz anders an diesem Abend, es ging um das Finale, um die Top 10. Und zum ersten Mal durften die Fernsehzuschauer mitbestimmen, wer den Weg zum Superstar noch ein wenig weitergehen darf, sieben der zehn Finalisten bestimmte das Publikum, für drei hielt sich die Jury einen Joker offen.
Diese Vorsicht hätte man damit erklären können, dass die aktuelle Staffel von DSDS ausdrücklich eine Persönlichkeit suchen sollte, einen Star mit Charakter. Doch was, wenn die Zuschauer nicht das Selbe unter Persönlichkeit verstehen wie Dieter Bohlen? Gut, wenn man da noch ein As im Ärmel hat. Doch es sollte anders kommen.
Zweiklassengesellschaft bei DSDS
Gut auf jeden Fall, wenn man, wie RTL, genügend abschreckende Beispiele aus den Vorrunden in petto hat, die man einblenden kann, um ein wenig von den erschreckend schwachen gesanglichen Leistungen abzulenken, die da über den Äther flimmern - einige wenige Kandidaten einmal ausgenommen. Das erste Mal live, das erste Mal echtes Adrenalin, ein bisschen Bewegung auf der Bühne und schon schwimmt die Stimme - so sieht die DSDS-Realität aus. Und so klang der Samstagabend über weite Strecken eher wie der ordentliche Singstar-Wettbewerb einer Studenten-Party.
Doch Dieter Bohlen hat auch hier beruhigende Worte parat. Auch Lady Gaga oder Jennifer Lopez seien schließlich nicht die größten Sängerinnen, so der Pop-Titan. Bei beiden aber reicht es immerhin für ordentliche Live-Auftritte. Da haben die verbliebenen DSDS-Kandidaten noch einen weiten Weg vor sich.
Es ist eine Zweiklassengesellschaft, die sich Bohlen, Eichinger und Neumüller da gecastet haben. Auf der einen Seite: Singstar, eine Kim Debkowski etwa, die zwar so aussieht, als sei sie bereit für das große Leben, bei der hinter der Fassade - hinter Schminke und Verkleidung - aber immer noch ein kleines Mädchen zu hocken scheint. Oder ein Dirk Petry, dem wenigstens das Publikum per Votum unmissverständlich klarmachte, das eben doch ein Mindestmaß an Talent dazu gehört, um die Massen für sich zu begeistern. Ein Hut macht noch keine Persönlichkeit. Und auf der anderen Seite: wirklich große Stimmen wie die von Nelson Sangaré oder Mehrzad Marashi, von einem Menowin Fröhlich, bei dem man beinahe vergessen möchte, vor dem Fernseher zu sitzen, vor einem Format, dem man eigentlich gar nichts mehr glauben darf, ganz abgesehen - fast schon zu gut der Auftritt, zu flexibel die Stimme, fast schon zu ergreifend sein Wandel vom Saulus zum Paulus.
Doch es herrschen eben auch nicht für alle Kandidaten die gleichen Bedingungen. Manchen tut die Band, die meist solide Kost abliefert, einen Gefallen, so wie Naomi Marte, die mit ihrer Version von 99 Luftballons schon unterzugehen drohte, manche aber lässt sie auch hängen, wie Helmut Orosz mit Bryan Adams' Summer of 69. Und manche rettet nicht einmal sie, sondern höchstens noch der Playback-Chor, Marcel «Plüschi» Pluschkes Auftritt mit Country Roads wäre ohne diesen wohl ein vollendetes Desaster geworden. Für das Finale reichte es denoch.
Der Abgang - still und heimlich
Schon diese kurze Auflistung zeigt aber das eigentlich Erschreckende an DSDS 2010: die Fantasielosigkeit der Kandidaten, wenn es um die Auswahl ihrer Songs geht. Can't Fight The Moonlight, Yesterday, Und Wenn Ein Lied ... Würden RTL und Dieter Bohlen es wirklich ernst meinen, dass sie einen Superstar mit Persönlichkeit suchen, dann müsste es spätestens nach dem gestrigen Abend eine gepfefferte Halbzeitansprache in der Kabine geben.
Der Pop-Titan aber scheint derzeit recht zufrieden zu sein mit seiner Show. Und so beschloss er denn auch, die letzten drei Kandidaten doch nicht wie angekündigt per Jury-Votum zu bestimmen, sondern schlicht die Publikumsentscheidung zu akzeptieren und die Drei ins Finale zu lassen, die von den Zuschauern auf Platz acht bis zehn gewählt worden waren. Nur: Man mochte ihm den Auftritt nicht so recht glauben. War er vieleicht einfach müde und wollte schnell ins Bett? Sei es drum, um Glauben geht es bei DSDS nicht. War wohl einfach im Sinne des Chef-Jurors, die Entscheidung der Zuschauer. Kein Eingriff nötig, Patient atmet noch.
Vor einer Woche sah das noch ganz anders aus, da musste der Sender eingreifen, hinter den Kulissen allerdings. Der Abgang der vielversprechenden Joel Havea und Meike Büttner, die offensichtlich nicht ins Konzept passten, ging beinahe unbeachtet von der Öffentlichkeit vonstatten, still und heimlich. Alles andere als still und heimlich hingegen präsentieren sich die Kandidaten. Von Jahr zu Jahr professioneller, präsenter, selbstbewusster, so geben sich die angehenden Superstars, in diesem Jahr allen voran: Thomas «Nervensäge» (Nina Eichinger) Karaoglan. Telegenes Auftreten und Selbstvermarktung, das lässt sich lernen, so scheint es - und zweifellos hat Deutschland ein Casting-Jahrzehnt hinter sich, das viel Anschauungsmaterial geboten hat. Nur das Singen, das bringt einem das Fernsehen bis heute noch nicht bei.
Die Finalisten von DSDS 2010:
Kim Debkowski
Thomas Karaoglan
Helmut Orosz
Manuel Hoffmann
Nelson Sangaré
Menowin Fröhlich
Mehrzad Marashi
Marcel Pluschke
Steffi Landerer
Ines Redjeb
Ausgeschieden in der Top-15-Show:
Celine Denefleh
Dirk Petry
Maria Elena Valencia
Naomi Marte
Kevin Reichmann
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Wie tief ist Deutschland eigentlich im Bildungssumpf versunken, dass sich jemand beweihräuchert in der manipuliertesten Sendung überhaupt durch "xmaliges Anschauen" einen Fehler gefunden zu haben ? Wer DSDS überhaupt schaut, kann nicht auf dem höchsten Bildungsstand sein, geschweige denn verstanden haben, dass die Kandidaten einer ausgereiften Marketingmaschinerie unterstehen, deren exklusives Ziel die Maximierung von Einschaltquoten bzw. Werbeeinnahmen des Senders ist. Armes Deutschland, dass so viele Kleingeister oder Möchtegernexperten Zeit darauf verschwenden....
jetzt antwortenKommentar meldenEtwa zur Hälfte des Auftritts von Thomas Karaoglan hörte man deutlich ein "My Girl", das er definitiv nicht live ins Mikro sang. Das Geheimnis, warum er also zum 1. Mal eine einwandfreie Leistung gezeigt hat, ist damit für mich gelüftet: er performte eindeutig zum Voll-Playback. Es wundert mich nicht, dass RTL offenbar verrückte Kandidaten einschleust, um die Quote zu heben - aber es kann doch nicht sein, dass das außer mir niemand bemerkt hat. Oder warum findet sich im Internet nichts über diesen Eklat? Ich habs mir x-mal angeschaut und komme immer wieder zum gleichen Schluss...
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