Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald
Mit Männer gelang ihr der Durchbruch, nun läuft ihre Komödie Die Friseuse über eine korpulente Heldin aus Marzahn, die sich gegen alle Widerstände ihren Lebenstraum erfüllt, auf der Berlinale. Im Interview spricht die Regisseurin über das Dicksein als Frau, ihren eigenen Erfolg und die Tragik des Lebens.
Frau Dörrie, für Ihre Kirschblüten wurden Sie auf der Berlinale mit stehenden Ovationen gefeiert. Sind Sie enttäuscht, dass Ihre Friseuse nicht im offiziellen Bären-Rennen, sondern als «Special» startet?
Dörrie: Es ist sehr schön, wieder auf dem Festival dabei zu sein. Aber mit diesem Film wollte ich bewusst nicht in den Wettbewerb. Dort wäre für die Friseuse der falsche Platz, dafür war der Film auch nicht gedacht.
Ihre Heldin Kathi König berlinert sich mit flotten Sprüchen durch das Leben – ist Ihre Friseurin die weibliche Antwort auf Mario Barth?
Dörrie: Nein, ich glaube auch nicht, dass man überhaupt auf Mario Barth antworten muss. (lacht) Die Figur basiert auf einer realen Friseurin, die sich selber auch so nennt, weil sie in der DDR ausgebildet wurde, wo der Beruf so bezeichnet wurde. Das ist eine sehr lustige Frau, die mir imponiert, weil sie eine große Fähigkeit besitzt, auch in miesen Situationen etwas Positives zu sehen.
Wie weit ist die Friseuse aus Marzahn mit Comedian Cindy von Marzahn verwandt?
Dörrie: Beiden gemeinsam ist dieser sehr schnelle Dialekt, der oft als grob und rotzig empfunden wird. Aber Cindy von Marzahn ist eine ganz andere Ecke, das ist viel vulgärer, während Kathi König eigentlich eine sehr feine Person ist. Ihr Umgang mit sich und der Welt ist ironisch. Dieser Humor verhilft ihr, dass ein Fenster wieder auf geht, frische Luft herein kommt und sie wieder atmen kann.
Friseurin Kathi kämpft mit ihrer Fülle - Sie haben im Fatsuit den Selbstversuch als dicke Frau gewagt, wie waren die Erfahrungen?
Dörrie: Ich war nach wenigen Stunden den Tränen nahe. Die Leute haben mich angestarrt und dann weggesehen. Ich bin mit Absicht in Läden gegangen, wo es keine Größe 58 gibt. Die Verkäufer haben sich versteckt, um dann hinter mir her zu lachen. In der Straßenbahn habe ich wütende Blicke kassiert, weil ich nicht auf einen Sitz gepasst habe, in Supermärkten kam ich nicht durch das Drehkreuz am Eingang, wenn ich etwas gegessen habe, haben mich die Leute angestarrt, als wäre das nun wirklich das Letzte, dass ich überhaupt esse. Es war hoch interessant und wichtig, das zu erleben.
Arbeitslosigkeit und Frauenbilder - solche Themen erwartet man eher in britischen Sozialkomödien als hierzulande im Reich der harmlosen Comedy ...
Dörrie: Komödie ohne Leiden kann nicht funktionieren. Deshalb will ich schon immer das Tragische mit dem Komischen verbinden. Auch bei den traurigen Kirschblüten gab es komische Momente, diesmal ist das Verhältnis umgekehrt: Bei allem Ernst und aller Tiefe überwiegt die Komik. Das ändert nichts an der Grundsituation des Menschen: Wir alle leiden. Und wir versuchen, damit irgendwie zurecht zu kommen.
Sie haben mehrfach im fremden Japan gedreht, wie fremd war Ihnen Marzahn?
Dörrie: Ich bin neugierig auf alles, warum also nach dem fernen Osten nun nicht einmal den ganz nahen Osten erkunden? Das war für mich zum Teil schon auch sehr fremd. Oberflächlich betrachtet ist Marzahn nicht anders als Neuperlach oder Köln Nippes - solche Stadtteile findet man überall. Interessanter fand ich, dass es gerade in meiner Generation doch sehr verschiedene Arten gibt, mit den Dingen umzugehen.
Worin sehen Sie die Unterschiede zwischen Osten und Westen?
Dörrie: So groß die Unterschiede sind, kann man sie nur schwer benennen. Die Generation zwischen 40 und 60 Jahren ist vergleichbar mit einer dysfunktionalen Familie, wo über vieles nicht geredet werden kann, wo es Tabus gibt und Dinge gar nicht benannt werden können, weil sie so unbewusst sind. Man begegnet sich mit Vorurteilen und Unterstellungen, die schwer zu entkräften sind. Das ist also schon eine schwierige Kommunikation.
Sie haben Elmar Wepper für das Kino entdeckt. Davor schon Uwe Ochsenknecht, Heiner Lauterbach, Alexandra Maria Lara, Heike Makatsch und nun Gabriela Maria Schmeide - ein bisschen wie ein Trüffelschwein für deutsche Talente ...
Dörrie: Ach, das arme Trüffelschwein! Dem geht es ja gar nicht um das Fressen, es sucht nur nach einem Mann. Seine einzige Motivation ist die, dass der Pilz so riecht wie ein Eber - darüber habe ich einmal eine Kurzgeschichte geschrieben. Was Gabriela betrifft, habe ich sie vor über zehn Jahren in Die Polizistin gesehen und fand sie großartig - das habe ich mir gemerkt. Ich habe ein gutes Gedächtnis für Schauspieler.
Was macht einen Schauspieler großartig?
Dörrie: Zur Großartigkeit gehört der Wille zur Wahrheit und der Mut, sich einer Rolle auszusetzen. Man ist dazu bereit, sich so weit herzuzeigen, dass Dinge zum Vorschein kommen, die man vielleicht lieber verhüllen würde.
Zum ersten Mal haben Sie ein fremdes Drehbuch verfilmt - macht es diese Distanz leichter als einen eigenen Stoff umzusetzen?
Dörrie: Ganz im Gegenteil. Ich habe mich nicht so sicher gefühlt, ich bin vorsichtiger, sehr viel rücksichtsvoller und netter einem fremden Stoff gegenüber. Die eigenen Drehbücher behandele ich weitaus ruppiger. Es ist allerdings interessant, eine Geschichte einmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Das war umso spannender, als die Autorin Laila Stieler ja aus dem Osten stammt.
Fatih Akin hat geklagt, dass der Schnitt bei einer Komödie sehr schwierig sei, weil es auf das richtige Tempo ankomme. Geht es Ihnen ähnlich?
Dörrie: Ich glaube nicht, dass man bei Schnitt noch großartig das Tempo ändern kann, dass muss bereits beim Drehen stimmen. Wobei ich mich seit vielen Jahren mit Inez Regnier auf eine Königin des Schnitts verlassen kann. Sie versteht von der ersten Einstellung, wohin ich kommen möchte. Und ihr Gefühl für timing und Komik ist einfach unschlagbar.
Wie weit verlassen Sie sich auf König Kunde, auf die Reaktionen bei Testvorführungen?
Dörrie: Ich gehöre wohl zu den ganz wenigen Filmemachern, denen es erlaubt wird, auf Testvorführungen zu verzichten. So etwas würde ich psychisch vermutlich auch gar nicht durchhalten.
Als erfolgreiche Regisseurin stehen Sie hierzulande relativ einsam da. Auch international ist der Frauenanteil auf dem Regiestuhl auffallend gering. Woran liegt das?
Dörrie: In der Oper ist es noch viel schlimmer. Nach Lina Wertmüller war ich die zweite Frau, die je am Münchner Nationaltheater inszenierte. Immerhin ist das Fernsehen inzwischen immer mehr in Frauenhand. Und Sherry Hormann hatte mit der Wüstenblume im Kino gerade einen großen Erfolg. Warum das nicht viel öfter passiert, kann ich auch nicht erklären. Es ist natürlich schon sehr schwierig, Regie und Kinder zu verbinden. Da ist Schreiben viel einfacher. Beim Film muss man schon sehr, sehr stur sein.
Wie stur muss man beim Fernsehen sein? Ihr TV-Sechsteiler Klimawechsel liegt bei ZDF offensichtlich auf Eis, weil er den Mainzelmännchen zu frivol sein soll. Was ist der Stand der Dinge?
Dörrie: Ich weiß gar nicht, ob es da Streit gab. Allerdings ist seltsam, dass man so gar nichts mehr von der Sache gehört hat. Vermutlich haben einige doch Bedenken bekommen, weil das schon sehr frech und ungehörig ist. Wobei ich damals immer gefragt hatte: «Traut ihr euch das wirklich?» Und alle sagten «Ja!». Soweit ich weiß, soll Klimawechsel nun Ende März gesendet werden.
Wie kam es zu Ihrem Ausflug ins Fernsehen mit dem Klimawechsel?
Dörrie: Das habe ich nur deshalb gemacht, weil ich mich so wahnsinnig über das TV-Programm geärgert hatte. Um Schauspieler zu entdecken, schaue ich häufig Fernsehen, aber irgendwann war für mich die Schmerzgrenze erreicht. Aus purem Trotz habe ich mit meiner Freundin Ruth Stadler eine Serie geschrieben, die alles auf den Kopf stellt.
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