Das schönste Geschenk macht sich Peter Gabriel zum 60. noch selbst. Nach acht Jahren Pause bringt der englische Musiker sein achtes Studioalbum heraus. Und der Ex-Sänger von Genesis setzt damit eine Duftmarke.
Anscheind kann es Peter Gabriel kaum abwarten, seine Experimentier-Leidenschaft mit allen zu teilen und so mal wieder neue Maßstäbe zu setzen. Die erste Platte des wortspielerischen Zweiteilers Scratch My Back und I'll Scratch Yours (Eine Hand wäscht die andere) erschien am 12. Februar, einen Tag vor seinem runden Geburtstag.
Worauf der Sohn eines Elektrikers und einer Musikerin alles zurückblicken kann: Er war Gründungsfrontmann der einflussreichen Art-Rock-Band Genesis, arbeitete sich zur beständigen Größe als Solo- Sänger und Musikvideo-Künstler hoch und leistete Pionierarbeit beim Konzeptalbum, das die Lieder als Gesamtwerk in Beziehung zueinander stellt. Er bekam fünf Grammys und unzählige Auszeichnungen. Nur wenige Musiker sind so stilbildend wie «Mister Sledgehammer». «Ich fing eigentlich als Schlagzeuger an», sagte Gabriel im Interview. «Aber Lieder waren meine Leidenschaft, und das Handwerk des Liedtextens war eigentlich das, was mich zur Musik führte.»
Der Glatzköpfige mit dem D'Artagnan-Bärtchen erhebt seine Stimme für politische und sozialkritische Projekte. Er setzt sich für Menschenrechte ein und gründete auf seinem Landsitz die Plattenfirma Real World, um afrikanischen Musikern wie Youssou N'Dour eine Plattform für ihre Weltmusik zu ermöglichen. Gabriel gilt als einer der finanzstärksten Unterstützer der britischen Labour-Partei.
Beim Komponieren von Songs folgt Gabriel eigenwilligen, klaren Regeln. «Wer Künstlern völlige Freiheiten gibt, kastriert sie. Wenn man Künstlern dagegen sagt, Du kannst das und das nicht tun, wird es sie anfeuern, denn wir sind irgendwie mysteriöse Kreaturen der Natur und wir werden einen anderen Weg zum Ziel finden, aber dafür brauchen wir ein Hindernis.»
Auch für Scratch My Back legte der 60-Jährige sich absichtlich Steine in den Weg und machte aus Alt etwas völlig Neues - ohne Schlagzeug, ohne Gitarre. Dabei half ihm Produzent Bob Ezrin, der Pink Floyds The Wall schuf. Altmeister Gabriel watet durch die Popmusik-Geschichte wie das schottische Gesangstalent Susan Boyle auf ihrem Debütalbum. Sie legte mit ihren Interpretationen bekannter Klassiker die kommerziell erfolgreichste Platte 2009 hin.
Gabriel setzt mit Scratch My Back eine musikalische Duftmarke. Die Cover-Songs hebt er in Zusammenarbeit mit schreibenden Sängern und einem Klangkörper auf die Stufe der Zeitlosigkeit. Umgekehrt arbeiten die Musiker jeweils an einer Cover-Version aus Gabriels Repertoire. Diese Stücke werden auf I'll Scratch Yours veröffentlicht. «Mit einigen Leuten hat es weder direkten Kontakt noch eine richtige Diskussion gegeben; mit vielen Künstlern ein wenig Austausch darüber, welchen Song sie wie machen.» Die Coverlieder seien wie ein «Negativ» des Originals zu verstehen.
An Gabriels musikalischem Geben und Nehmen beteiligt sich unter anderem sein Landsmann David Bowie. Heroes macht den Auftakt der bis zur Perfektion abgemischten Arrangements. Daran beteiligten sich auch Neil Young, Radiohead und Arcade Fire. Gabriel entschleunigt die Songs und hebt ihren gefühlvollen Text hervor. Der Engländer geht aus kommerzieller Sicht mit dem zweiteiligen, durchgängigen Konzeptalbum einen raffinierten Weg im Internet. Statt dem dominierenden Download einzelner Songs will er das Kaufinteresse für gleich zwei CDs wecken.
Früher war Gabriel ein Workaholic, verbrachte 150 Stunden pro Woche im Musikstudio. Nachdem der Vater von zwei Töchtern 2001 und 2008 auch noch zwei Söhne bekam, machte er aber im eigenen Leben piano.
Am 24. und 25. März kommt Gabriel in die Berliner O2-Arena. Die Aufritte im Alter werden seltener und finden nur noch auf den großen Bühnen statt. Mit der «New Blood»-Tour kommt der 60-Jährige neben Berlin nur nach London, Paris, Montreal, New York und Los Angeles.
juz/car/news.de/dpa