Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
3D-Filme überschwemmen die Kinos. Wie verändert sich das Filmemachen dadurch? News.de spricht mit Peter Slansky, Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen in München, über virtuelle Monster, Achterbahneffekte und 3D-Küsse.
Herr Slansky, wie macht man eigentlich einen 3D-Film?
Slansky: Also, erst einmal muss man klären, was eigentlich ein 3D-Film ist. Das, was jetzt als 3D-Kino durch die Gazetten geistert, ist rein technisch gesehen eine stereoskopische Projektion. 3D bezeichnet eng genommen echte, dreidimensionale Objekte und die können zum Beispiel in Computeranimationsprogrammen erstellt werden und dann sowohl als normale monokulare als auch stereoskopische Filme gezeigt werden.
Was bedeutet monokular und stereoskopisch?
Slansky: Ein monokularer Film wird mit einer Kamera mit einem Objektiv aufgenommen und wir betrachten dann eine flache Leinwandprojektion. Die Illusion eines Raumes entsteht durch Tiefenzeichen, anhand derer wir erkennen, was vorne und hinten ist. Das stereoskopische Sehen, dass ich also mit dem rechten Auge einen geringfügig anderen Blickwinkel als mit dem linken Auge habe – das ist nur eines von vielen Tiefenzeichen, sonst hätte auch das normal projizierte Bild nicht diese Tiefenillusion. Man kann das Geschehen der dreidimensionalen Figürchen in einem virtuellen Raum von verschiedenen Positionen, nämlich genau mit dem Augenabstand, ausgeben und dann diese beiden Versionen für das rechte und das linke Auge erstellen.
Wird das am Computer erstellt oder filmen tatsächlich zwei Kameras diese zwei Versionen?
Slansky: Zwei Kameras brauche ich nur beim Realfilm. Bei Filmen wie Avatar, in denen reale und animierte Aufnahmen kombiniert werden, braucht man für die Realaufnahmen zwei Kameras, beziehungsweise ein Aufnahmesystem mit zwei verschiedenen Blickwinkeln. Solche Filme werden in der Regel komplett im Computer postproduziert, das heißt, die Elemente werden im Computer zusammen gesetzt, alles was an virtuellen Räumen erstellt worden ist, wird in 3D-Programmen erstellt.
Gibt es dann für die Schauspieler eine Dummy-Kulisse oder wie wissen sie, wo sich etwa der Eingang zum Schloss befindet oder wo sie den Kinnhaken gegen den spektakulären Fiesling setzen müssen?
Slansky: Für die Schauspieler ist es natürlich nicht schön, in einem komplett grünen oder blauen Raum agieren zu müssen und sich vorzustellen, dass ist jetzt eine Actionszene und ich kämpfe gegen das Monster Sowieso. Aber nehmen wir mal einen deutschen Film, zum Beispiel Bibi Blocksberg, wenn dann also Bibi auf dem Hexenbesen durch die Lüfte reitet, dann tut sie das in einem blauen Studio auf einer Maschine, die diesen Hexenbesen bewegt, vor ihr ein schöner Ventilator, der ihr Wind in die Haare bläst und eine computergesteuerte Filmkamera, die die Bewegung simuliert, die die Bibi machen soll, das heißt, eigentlich bewegt sich gar nicht die Bibi, sondern es bewegt sich die Kamera um sie herum. In den blauen Hintergrund wird dann das Schloss oder die Landschaft eingefügt.
Wie ändert sich bei einem 3D-Film die Herangehensweise der Filmemacher?
Slansky: In den letzten 10 bis 15 Jahren hat sich das Filmemachen sehr durch die Computeranimationen verändert. In alten King-Kong- oder Godzilla-Filmen sieht man noch, dass das kleine Püppchen waren. Wenn Godzilla aus dem Meer steigt, wurde das mit einzelnen Bildern abgefilmt. Heute wird in einem Computerprogramm ein so genannter Character erstellt, der bestimmte Bewegungen zulässt. Man kann bestimmte Bewegungsphasen setzen, so genannte Key Frames und der Computer rechnet den Bewegungsablauf dazwischen aus. Der Gollum aus Der Herr der Ringe wurde wiederum mit einem Motion Capturing animiert. Da steckt man einen Schauspieler in einen speziellen Anzug, nimmt seine Bewegungen auf und diese Bewegungselemente werden in Vektoren umgerechnet und dann auf das virtuelle Skelett des Gollum-Characters gelegt, so dass der sich wie der Schauspieler bewegt.
Muss der Regisseur dann einen ganz neuen Blick für diese Technik entwickeln?
Slansky: Ja. Die Phantasie, sich vorzustellen, wie dann ein Wesen, das es gar nicht gibt, aussehen soll, wie es sich bewegen können und wie es auch der Realitätsprüfung standhält, muss der Regisseur schon mitbringen. Es ist ein auch feiner Unterschied, ob ich einen Gollum oder einen Saurier aus Jurassic Park animiere. Beim Gollum weiß der Zuschauer, dass es ihn nie gab, beim Saurier soll der Zuschauer vergessen, dass es ihn heute nicht mehr gibt.
Die 3D-Technik bietet für das Spiel mit dem Zuschauer ja auch viel mehr Möglichkeiten, wenn wie in Disneys Weihnachtsgeschichte die Schneeflocken auf einen zufliegen, das sind ja alles Dinge, die man mit in das Filmerlebnis einfließen lassen kann.
Slansky: Aber das ist natürlich auch so eine Sache: Erinnert sich der Zuschauer hinterher nur an die Schneeflocken oder erinnert er sich an die Geschichte? Meiner Ansicht nach kann der Film auch etwas verlieren, wenn er sich auf diese Achterbahneffekte verlässt und nicht sein ureigenes Mittel nutzt, nämlich audiovisuell Geschichten zu erzählen. Es ist kein Zufall, dass 3D-Filme in Imax-Kinos, also auf einer überbreiten Leinwand, ziemlich kurz sind. Da gibt es dann Flüge über den Grand Canyon und das sieht auch spektakulär aus und wird durch die stereoskopische Projektion noch gesteigert, aber das sind ja keine Spielfilme, sondern im Grunde kleine Ersatz-Achterbahnfahrten. Für mich ist es interessanter, wenn die Mittel der dritten Dimension nicht zu aufdringlich sind.
Glauben Sie, dass es in zehn Jahren nur noch 3D-Filme geben wird?
Slansky: Naja, man muss sich ja nur angucken, was für Filme zurzeit in 3D gezeigt werden. Das sind im Wesentlichen Blockbuster-Produktionen aus den USA, aus ganz bestimmten Genres – Trickfilme oder Fantasyfilme. Das Kino hat aber in seiner über 110-jährigen Geschichte auch noch ein paar andere Genres hervorgebracht. Ich glaube nicht, dass ein normaler dramatischer oder komischer Film diesen ganzen stereoskopischen Aufwand benötigt, um uns zu berühren. Das funktioniert in bestimmten Genres gut und bei Filmen wie Avatar spielt Geld ja ohnehin keine Rolle mehr, da geht es nur noch darum, das Maximum zu machen und wenn zum Maximum gehört, dass man auch stereoskopisch aufnimmt und wiedergibt, dann wird das halt gemacht, weil der Film sich nicht vorwerfen lassen will, dass er das nicht auch noch kann. Die Kosten von mehreren hundert Millionen Dollar sind natürlich außerhalb von Hollywood zurzeit nirgendwo möglich. Wenn es also so käme, dass nur noch 3D-Filme produziert würden, dann wäre das eine ungeheure Verarmung des Kinos, eine Konzentration auf Blockbusterfilme.
Ist denn die Produktion von 3D-Filmen so kostspielig?
Slansky: Natürlich ist es immer aufwendiger, zwei Filme statt einem zu machen. Die Kosten sind aber unterschiedlich – ob man einen reinen Trickfilm oder einen Film mit realen Elementen hat. Man kann aber nicht einfach nur zwei Kameras nebeneinander bauen, in der Postproduktion treten zusätzliche Arbeiten auf, die die Produktion verteuern. Mal ganz abgesehen davon, dass sämtliche Kinos umgebaut werden müssten. Wer soll das bezahlen? Der Zuschauer? Soll der dafür zahlen, dass neue Projektoren angeschafft werden, das ganze Brillenwesen organisiert wird, die digitalen Player?
Im schlimmsten Fall gibt es dann nur noch einige wenige Blockbusterkinos und die kleinen Lichtspielhäuser müssen schließen.
Slansky: Ich sehe einen anderen Trend: Diese Verblockbusterung lässt sich ja sowieso nicht beliebig steigern, denn es wollen nun einmal nicht immer alle Leute gleichzeitig nur einen Film sehen, sondern sie wollen Vielfalt haben. Ich glaube nicht, dass bis 2020 auch nur die Hälfte aller Filme in stereoskopischer Projektion laufen werden.
Wenn die Produktionen billiger und zugänglicher werden würden, könnten Sie sich vorstellen, dass man sich in Zukunft vielleicht sogar im Kinosessel von George Clooney umarmen lassen kann?
Slansky: Es ist ja kein Zufall, dass das Kino mit zwei Sinnen arbeitet: dem Sehen und dem Hören. Alle Versuche, die anderen drei Sinne – Riechen, Schmecken, Fühlen – in das Kino zu integrieren, sind im Grunde kleine Fußnoten der Mediengeschichte geblieben. Ich finde das immer etwas lächerlich. Wenn man die totale Illusion will, ist es nicht mehr Kino, dann brauchen wir die begehbare Kugel, in der der Mensch voll medial versorgt wird. Das ist zwar ein alter Menschheitstraum, aber das ist nicht Kino. Kino lebt auch davon, dass ich noch mit meiner Freundin, die neben mir sitzt, Händchen halten kann, dass ich Popcorn essen kann - wenngleich ich das persönlich nicht tue. Ich kann auch mitten in der Vorstellung rausgehen, wenn mir der Film nicht gefällt oder mich über meine Vorderleute aufregen, wenn die Quatsch machen. All dieses gehört zum Kino dazu. George Clooney können sie nicht umarmen und die Illusion wäre so fadenscheinig, dass das nur eine Enttäuschung sein kann. Unter Umständen müsste man dann auch den Körpergeruch simulieren und wenn sie dann noch einen Kuss austauschen wollen, dann können sie sich ja vorstellen, was sonst noch so an Illusionen dazu gehört. Der Charme von George Clooney funktioniert ja anders, der funktioniert im Kopf des Zuschauers und da muss man ihn nicht mit dem Hammer reinschlagen. Das glaube ich, ist einem Kinoerlebnis überhaupt nicht förderlich – im Gegenteil.
Peter C. Slansky ist Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen in München.
In den Armen von George Clooney??? In den Armen von Pam Anderson wäre mir wesentlich lieber.
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