Den Atem des Killers im Genick
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 11.02.2010
Furiose Spannung, brutale Morde und ein Ermittler zum Verlieben, zumindest für Frauen: Jo Nesbøs Leopard, der achte Fall für Harry Hole, ist ein Thriller, der selbst in der hochgelobten skandinavischen Krimi-Szene seinesgleichen sucht.
Jo Nesbø kann doch nicht ganz klar im Kopf gewesen sein. Da ist der Leser auf Seite 551 angekommen, 150 liegen also noch vor ihm, und er kennt schon den Mörder? Was kommt nun? Das Nachspiel? Ein Fünftel-Krimi Langeweile? Könnte man meinen. Doch Nesbø wäre nicht Nesbø, wenn zu diesem Zeitpunkt schon alles so klar wäre, wie man glaubt.
Sein neuer Roman Panserhjerte (Panzerherz), vom Ullstein-Verlag unverständlicherweise als Leopard ins Deutsche übersetzt, beginnt, wie alle Fälle von Harry Hole beginnen: brutal und mit einem Wrack. Brutal, weil gleich auf den ersten Seiten eine junge Frau stirbt, einen qualvollen, grausamen, schleichenden Tod. Borgny Stem-Myhre ertrinkt, doch nicht etwa im Wasser, sondern durch ihr eigenes Blut, durch einen Leopoldsapfel, eine bestialische, kleine Waffe.
Das Wrack ist Hole selbst, der Ermittler des Osloer Dezernats für Gewaltverbrechen. Nachdem er im letzten Buch den Schneemann hinter Gitter gebracht und dadurch seine Familie verloren hat, vegetiert er in Hongkong zwischen Drogen und Li Yuans Glasnudeln vor sich hin und will von der Heimat eigentlich nichts mehr wissen. Schließlich hat er hier genug zu tun, mit der Mafia etwa, die eine hübsche Summe Geld von ihm haben will. Oder damit, an die nächste Lieferung Opium zu kommen. Doch dann taucht seine Kollegin Kaja auf, den Fall von Borgny Stem-Myhre in der Tasche, aus dem inzwischen ein Serienmord geworden ist.
«Danach wird es noch düsterer. Aber dann geht's in die Hölle.»
Harry Hole willigt ein, mit ihr nach Oslo zurückzukehren. Die Argumente sind einfach zu gut: Nicht nur, dass der Staat seine Schulden übernimmt, sein Vater liegt auch noch im Sterben. Lange hat er nicht mehr, und so steckt Hole schneller als ihm lieb ist mitten drin in der alten Mischung aus privatem Sumpf und einem verteufelten Fall, in dem der Mörder scheinbar wahllos tötet – sowohl was die Opfer, als auch, was die Mittel angeht. Und dann ist da auch noch der Karrierist Mikael Bergmann, Leiter des Kriminalamts, der, koste es, was es wolle, die Ermittlungen an sich reißen will, und der in Holes Team einen Maulwurf zu haben scheint.
Auch im achten Fall bleibt Harry Hole, eigentlich der Prototyp des Superfahnders, also eine tragische Gestalt, Held und Antiheld zugleich. Gequält von allen Seiten, von Chefs und Kollegen, von seiner Alkoholsucht und seinem privaten Schicksal, das ihm selbst das kleinste Glück nicht zu gönnen scheint, dafür aber durchtrainiert und ausgestattet mit einer fast untrüglichen Spürnase, «kräftig mit einem feinen Netz aus Blutäderchen», so beschreibt sie Nesbø. Und doch: «Der Mund ist das Auffälligste an Harry, von ihm fühlen sich die Frauen angezogen.» Er will das Böse und die Liebe verstehen, auch das weiß man von dem blonden Enddreißiger, seine nähere Zukunft aber sieht eigentlich immer düster aus. «Danach wird es noch düsterer. Aber dann geht's in die Hölle.»
Auch in Leopard ist das so. Immer dann, wenn Hole glaubt, einen Ansatz gefunden zu haben, entgleitet der ihm wieder; immer dann, wenn es einen Lichtblick gibt, meldet sich die Unvernunft, meldet sich das Dunkle in Hole. Da entdeckt er beispielsweise, dass sich alle bisherigen Mordopfer in ein und derselben Nacht in ein und derselben Hütte in den Bergen aufgehalten haben. Fünf Personen kann er ausfindig machen, doch wer ist die sechste? Und welches Motiv hat sie, zu töten? Das weiß Hole nicht, denn die Seite im Gästebuch, die ihm das verraten könnte, fehlt.
Wallanders Nachfolger ist bereits gefunden
Weitere Spuren führen in den Kongo, das Land, aus dem eine der Tatwaffen zu stammen scheint, der Leopoldsapfel. Das Land, zu dem der Unternehmer Tony Leike intensive Geschäftsbeziehungen unterhielt. Und nach Leipzig, zu einer Prostituierten, die den Leopoldsapfel aus Afrika beschafft zu haben scheint. Auch sie aber ist tot, ihre Leiche treibt in der Elster.
Allmählich dämmert Hole, dass der Mörder ein Spiel spielt, mit ihm, der Polizei und der Öffentlichkeit. Ein Spiel um Macht, in dem es offenbar auch um den alten Schneemann-Fall geht, den der Täter in- und auswendig zu kennen scheint. Was liegt da näher, als sich mit dem zu unterhalten, der Hole etwas darüber verraten könnte, wie es in einem Psychopathen wie dem Schneemann aussieht: dem Schneemann selbst? Und so scheucht Nesbø Harry Hole von Tatort zu Tatort, von Verdacht zu Verdacht, von Schauplatz zu Schauplatz, die Lösung immer dicht vor der Nase.
Nesbø ist mit Harry Hole etwas gelungen, was Seltenheitswert hat, selbst in der hochgelobten skandinavischen Krimiszene. Er hat eine Reihe geschaffen, der auch im achten Band noch lange nicht die Puste ausgeht, im Gegenteil, mit einem Protagonisten, der auch nach sieben Fällen und mitsamt seiner seelischen Abgründe noch immer höchst glaubwürdig ist, mit geschickt konstruierten Geschichten, temporeich und äußerst unterhaltsam. Eines also ist klar, wenn Mankells Wallander sich im Sommer endgültig in den Ruhestand verabschiedet: Sein Nachfolger ist bereits gefunden.
«Eine Nadel durchbohrte die Speiseröhre und eine weitere den rechten Augapfel»
Der immense Spannungsbogen, den Nesbø auch in Leopard wieder schafft und der nur selten unterbrochen wird, gelingt vor allem dadurch, dass er nicht nur seinem Schützling Hole, sondern auch dem Leser immer wieder Lösungshäppchen hinschmeißt, ihn in die Irre führt und zurück in die Spur holt, dass er mal Holes Perspektive einnimmt, mal die von Kaja, dass er mal aus Sicht des Mörders, mal aus der eines Opfers erzählt. Kaum eines der 95 Kapitel, das ohne Überraschung, ohne Wendung, ohne Pointe endet, kaum eine Seite, bei der man nicht den Atem des Killers im Genick zu spüren scheint.
Zudem hat es Nesbø geschafft, trotz der Ausflüge nach Hongkong oder in den Kongo einen echt norwegischen Thriller zu schreiben, gesellschaftlich relevant, atmosphärisch dicht und dabei so düster, brutal und dennoch von sprachlicher Kühle, dass einem beim Lesen nicht selten der Atem stockt. Wie gleich zu Beginn, im Falle der Ermordung von Borgny Stem-Myhre: «Die Nadeln schossen aus den Spitzen der Noppen. Sie waren sieben Zentimeter lang. Vier bohrten sich auf beiden Seiten durch die Wangen, drei in die Nebenhöhlen, zwei in den Nasengang und zwei weitere durch das Kinn nach außen. Eine Nadel durchbohrte die Speiseröhre und eine weitere den rechten Augapfel. Zwei Nadeln stießen durch den hinteren Teil des Gaumens in das Gehirn. Aber das war nicht die Ursache ihres Todes. Wegen der Metallkugel, die den Mund blockierte, gelang es ihr nicht, das Blut auszuspucken, das aus den Wunden in ihren Rachen strömte. Stattdessen lief es in die Luftröhre und von dort weiter in die Lunge, wo es dafür sorgte, dass kein Sauerstoff mehr ins Blut aufgenommen werden konnte. Das wiederum führte zu einem Herzstillstand und das zu dem, was der Gerichtsmediziner in seinem Bericht als zerebrale Hypoxie bezeichnete, also Sauerstoffmangel im Gehirn. Mit anderen Worten: Borgny Stem-Myhre ertrank.»
So wie Nesbø Harry Hole immer gleich mit mehreren Gegnern konfrontiert – dem hochintelligenten Killer, Mikael Bergmann, seiner Sucht und dem sterbenden Vater – so bekommt auch der Leser stets so viele Details auf einen Schlag vorgesetzt, dass er leicht den Überblick verlieren könnte. Dass er das nicht tut, ist vor allem Nesbøs eingängiger Sprache geschuldet, seinem erzählerischen Geschick und dem irrsinnig hohen Tempo. So, wie der Täter Hole vor sich hertreibt, so treibt auch Nesbø seinen Leser vor sich her. Atemlos hetzt man durch die Seiten, und doch: Am Ende hat man immer noch nicht genug. Auf ein Neues, Harry Hole. Wo auch immer Du Dich verkrochen hast.
Autor: Jo Nesbø
Titel: Leopard
Verlag: Ullstein
Seitenzahl: 698 Seiten
Preis: 21,95 Euro
Erscheinungsdatum: 29. Januar 2010
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