Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Zehn Jahre sind vergangen, seit Sade Adu ihr letztes Album veröffentlicht hat. Nun ist sie zurück und feiert mit Soldier of Love ein Comeback, das eigentlich keines ist. Zu unaufgeregt ist ihre Musik, zu wenig Tamtam veranstaltet sie rund um das Album – ein Album, das fast perfekt ist.
Wie oft wohl wird dieser Tage, wenn es um das neue Album von Sade Adu geht, zehn Jahre zurück geschaut? Ins Jahr 2000, als die nigerianisch-britische Sängerin und ihre Band mit Lovers Rock ihre bisher letzte Platte veröffentlichten. Dabei wäre ein Blick noch weiter in die Vergangenheit, ins Jahr 1984 etwa oder ins Jahr 1986, viel lohnenswerter.
1984 beispielsweise, zwei Jahre, bevor sie den Grammy als beste Nachwuchskünstlerin bekommen sollte, ließ sie in einem Interview den Satz fallen, dass ihr einige Stunden Gesangsunterricht durchaus hätten gut tun können, schlicht, es habe zuerst am Geld und später, als die Karriere bereits angelaufen war, an der Zeit gefehlt. Und 1986, im Jahr der Grammy-Auszeichnung, schrieb die Zeit über Sade, die gerade auf Deutschland-Tour war, sie sei zu scheu, zu unsicher, zu ängstlich, und es fehle ihr an Ausstrahlung.
Vielleicht ist ihr das auch irgendwann aufgefallen, nachdem sie zwischen Studio, Bühne und Interviews einmal Zeit hatte, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Vier Alben zwischen 1984 und 1992, dann war erst einmal Schluss, dann dauerte es bis zur Jahrtausendwende, bevor man wieder etwas von ihr hörte, und nun noch einmal zehn Jahre bis zum neuen Album Soldier of Love, das gestern erschienen ist.
In all diesen Jahren ist Sade scheu geworden, selten nur gibt sie Interviews, und das, obwohl sie die erfolgreichste britische Solokünstlerin aller Zeiten ist. 62 Platinalben weltweit gehen auf ihr Konto, mehr als 50 Millionen Platten hat sie bisher verkauft, mehr als die Hälfte davon seit Mitte der 1990er Jahre. Eigentlich ist sie da schon gar nicht mehr präsent. Das muss ihr erst einmal jemand nachmachen.
Fast schon kitschiger Ausklang
Nun also Soldier of Love, ein Album, das Erwartungen geweckt hat. Noch immer klingen Hits nach wie Smooth Operator oder No Ordinary Love, Your Love Is King oder Hang on to Your Love. Soldier of Love knüpft auf den ersten Blick an all das an, nicht nur, was den Titel angeht. An sanfte Soul- und Jazzmusik, an wehmütige Texte und elegant perlende Melodien. Der Opener The Moon and the Sky klingt, als wäre Sade nie weg gewesen. Wäre da nicht dieser Rhytmus, dieses Schlagzeug, das tief und satt davon zeugt, dass Sade durchaus mitbekommen hat, was in den vergangenen zehn Jahren in der R&B-Szene passiert ist.
Auch der zweite Titel, Soldier of Love, beweist: Sade ist keineswegs hängengeblieben in ihrer Zeit, irgendwo Ende der 1990er. Über einen fast schon ruppigen Beat hängen widerborstige Streicher, die sonst so samtige Stimme klingt betont gelangweilt, ein kleiner Background-Chor unterstützt sie. Doch mit der Modernität hat sich Sade auch einige der Krankheiten eingefangen, an denen R&B-Künstler wie Beonycé, Usher oder Ne-Yo so leiden können: zu wenig Motive, zu eintönige Melodien, nach der Hälfte des Tracks mag man nicht mehr.
Doch soviel vorweg: Es bleibt die einzige Enttäuschung auf dieser Platte, die insgesamt so entspannt klingt, als spüre Sade den Druck der medialen Aufmerksamkeit überhaupt nicht. Nach dem düsteren Morning Bird und einigen gemütlichen Stücken gibt sie mit Bring Me Home Zwischengas, ohne jedoch Eile aufkommen zu lassen und schwelgt In Another Time, um das Album mit The Safest Place fast schon kitschig ausklingen zu lassen.
Dieser Duktus, diese Selbstsicherheit, die das Album vor sich herträgt, erstaunt, sagt Sade doch, dass sie von sich selbst nicht weniger erwarte, als das Beste. Und doch, so schrieb die Times kürzlich über sie, verabscheue sie das PR-Geschwätz der Musikindustrie, auch wenn sie wisse, dass es schwer sei, die öffentliche Gunst zu gewinnen, wenn man die Öffentlichkeit ignoriert.
In gleicher Besetzung seit 25 Jahren
Sie hat eben schon viele schlechte Erfahrungen gemacht, Paparazzi auf den Bäumen rund um ihr Haus etwa, Gerüchte über ihr Liebesleben und nicht zuletzt die Meinung vieler Journalisten, sie könne eigentlich nicht wirklich singen. Heute kann sie mit all dem umgehen, heute, sagt sie, fühle sie sich viel wohler in ihrer Haut, auch bei Live-Auftritten. Und Soldier of Love ist wie ein Beweis dafür, den sie eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte.
Und das Album ist Beweis dafür, wie gut eine Band funktionieren kann, die in gleicher Besetzung seit 25 Jahren zusammenspielt. Gitarrist Stuart Matthewman, Bassist Paul Spencer Denman und Keyboarder Andrew Hale, sie alle lassen sich gegenseitig Luft zum Atmen, keines der Stücke läuft über vor Samples, vor allem das altmodisch bluesige Skin ist wunderbar klar strukturiert, und selbst Be That Easy wirkt, trotz einiger Country-Anleihen und einem dichten Klangteppich, zurückhaltend und geschmeidig.
Und noch immer sind da diese unterkühlte Erotik, dieser gelangweilte Sexappeal in der Stimme, diese makellosen Arrangements, die sich auf dem schmalen Grad zwischen wirklich gutem Hochglanz-R&B und belangloser Fahrstuhlmusik bewegen. Und Sade gelingt die Balance, sie kippt nicht. Nur die Texte, die sind wie eh und je eher von der einfachen Sorte, etwa, wenn sie in Skin singt: «I love you so. Sometimes love has to let go. So this time don't think it's a lie. I say goodbye.»
Doch Schwamm drüber, die Texte waren noch nie so wichtig bei Sade, und dass die 51-Jährige zurück ist, daran besteht kein Zweifel. Und doch – man kann kaum von einem Comeback sprechen. Zu unaufgeregt geht bei ihr alles vonstatten, mit zu wenig Tamtam für den heutigen Musikbetrieb, und so gilt auch heute noch, was der Spiegel schon 1984 über sie schrieb: «Barmusik mit Niveau, schwarz, aber nicht zu inbrünstig, Soul, aber nicht zu heiß, Latin, aber nicht zu hektisch.» Fast perfekt.
Titel: Soldier of Love
Interpret: Sade
Plattenfirma: Sony
Erscheinungsdatum: 5. Februar 2010