Country, Metal und Melancholie
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Taylor Swift will mit Fearless Country auch nach Deutschland bringen. Dann ist aber auch Schluss mit den sanften Klängen: Die restlichen Alben der Woche versprechen harten Metal, experimentierfreudigen Trip Hop und melancholischen Pop.
Taylor Swift: Fearless – Platinum Edition
Gerade hat sie in ihrer Heimat einen der drei wichtigsten Grammys gewonnen und doch ist Taylor Swift hierzulande kaum bekannt: Country hat jenseits des Atlantiks seit einiger Zeit kaum eine Chance. Dabei hat sich Swifts Country-Stil mit viel Pop gründlich modernisiert; dass sie bei Breathe von Colbie Caillat mitgeschrieben und mitgesungen hat, ist bestimmt kein Zufall. Caillat hat hierzulande Erfolg, weil sie Pop mit Country-Einflüssen macht – soviel zur Macht sogenannter musikalischer Etiketten.
Swifts Erfolg in den USA hat verschiedene Ursachen: Die Musik der 20-Jährigen hat Schwung und verzichtet auf Ecken und Kanten, Country verkauft sich in den USA richtig gut und ihre gelassene Reaktion auf Kanye Wests Ausfall bei den American Music Awards Ende vergangenen Jahres hat ihre Sympathiewerte in die Höhe schießen lassen. West hatte damals die Bühne gestürmt, als sie dort ebenfalls in der Kategorie «Album des Jahres» gewann und lauthals geschimpft, dieser stehe Beyoncé zu. Die R&B-Diva unterlag bei den Grammys Swift am Sonntag erneut in der Königskategorie. Vielleicht ein erstes Zeichen, dass die lange Dominanz des Modern R&B zu Ende geht.
Interpret: Taylor Swift
Titel: Fearless – Platinum Edition
Plattenfirma: Universal
Spielzeit: 79 Minuten
Erscheinungsdatum: 20. November 2009
Massive Attack: Heligoland
Massive Attack machen seit Wochen mit ihrem Comeback-Album von sich reden. Sieben Jahre ließen sie sich für den 100th-Window-Nachfolger Zeit. Während das ebenfalls aus Bristol stammende TripHop-Trio Portishead zwei Jahre zuvor mit Third einen sensationellen, gefeierten Coup landete, warten die Fans gespannt auf den neuen musikalischen Schachzug von Robert «3D» Del Naja und Grant «Daddy G» Marshall.
Auf dem fünften Studioalbum Heligoland haben die Gründungsmitglieder neben dem Reggaesänger Horace Andy illustre Gäste wie Damon Albarn, Tunde Adebimpe von TV On The Radio, Guy Garvey von Elbow, Hope Sandoval und Martina Topley-Bird für ihre gravitätischen Kompositionen verpflichtet. Inzwischen ist auch Songschreiber Grantley Marshall wieder mit von der Partie.
Musikalisch unterstützt werden sie von Albarn am Bass (Flat Of The Blade) und Keyboard (Splitting The Atom) sowie von Adran Utley, dem Portishead-Gitarristen (Saturday Come Slow). Nachdem Massive Attack auf dem Vorgängeralbum 100th Window neue musikalische Wege gingen und den Sound der Erstlingswerke mit atmosphärischen, dichten Klangwelten aufmischten, kehren sie auf Heligoland zu ihren Wurzeln zurück. Benannt nach der englischen Schreibweise der Nordseeinsel Helgoland klingt Heligoland düster, träge und voller Schwermut und Melancholie.
Der Opener Pray For Rain beginnt noch leise und schleppend. Nach und nach fahren Massive Attack temporeichere, sanfte Elektro-Tracks (Babel, Psyche) auf, die durch Birds exotischen Fusion-Sound aus Vintage-Soul, Rock und Blues glänzen. Dagegen enttäuscht der tragende langatmige Sound von Splitting The Atoms, auf dem Albarn seine Stimme beisteuert. Heligoland wird den ein oder anderen Fan der ersten Stunde erfreuen, andere wiederum werden Frische und Spannung vermissen.
Interpret: Massive Attack
Titel: Heligoland
Plattenfirma: EMI
Erscheinungsdatum: 5. Februar 2010
Overkill: Ironbound
Auch wenn sie nicht mehr die jungen Thrash-Springfedern sind, die sie mal waren, gehen die New Yorker Overkill immer noch mit viel Körpereinsatz zur Sache. Oder vielmehr: wieder. Denn im zurückliegenden Jahrzehnt hatten die Originalmitglieder Bobby Ellsworth und D. D. Verni und ihre Mitstreiter nicht immer glücklich und zielstrebig agiert; zu oft war man am Albumformat gescheitert und hatte bis auf ein, zwei gute Stücke nichts zu sagen gehabt.
Nun, mit Ironbound aber scheinen Overkill ihre eigene Renaissance einzuläuten und legen ein Album vor, das aus harten Riffs einen zeitlosen Thrash-Felsen herausmoduliert, der sich ruhig und im Vertrauen auf seine eigene Stärke allen Trends entgegenstellen kann. Vielleicht noch Metallica zu ihren besten Zeiten gelangen so groovig anschiebende Metal-Passagen wie Overkill in The Head And The Heart, höchstens noch Usain Bolt kommt so kraftvoll aus den Startlöchern wie The Green And Black, nur ein Derwisch hält noch mit, wenn das Stück Ironbound zum Metal-Tanz bittet. Comeback geglückt.
Interpret: Overkill
Titel: Ironbound
Plattenfirma: Warner
Spielzeit: 58 Minuten
Erscheinungsdatum: 29. Januar 2010
Owen Pallett: Heartland
Wer Owen Pallett schon einmal live auf der Bühne erlebt hat, alleine mit seiner Violine und einem Loop-Pedal, wird davon berichten können, wie das kanadische Wunderkind einen hausgemachten Orchesterwind entfachen kann. Owen Pallett weiß mit minimalen Mitteln maximal zu verzaubern, er hat einige Songs im Programm, die sich mit den Kammerpop-Kleinoden Paul McCartneys messen können. Als erster Geiger von Arcade Fire machte er erstmals auf sich aufmerksam, als Pop-Arrangeur der Stunde (Pet Shop Boys, The Last Shadow Puppets, Mika) macht er Karriere.
Heartland, Palletts Solo-Album numero drei unter dem Logo Final Fantasy, reicht nun weit über die bekannten Spielarten des Kammerpop hinaus. Der Kanadier spaziert durch mehrdimensionale Songareale, die mit Bläsern, Piano und Streichern angefüllt sind. In seinen Stücken scheint er mit den Melodien zu spielen, sie mäandern immerzu um melancholische Themen. Mit einem Ohr hängt Owen Pallett an den Großtaten des Orchester-Pop (Brian Wilson, Scott Walker), mit dem anderen schnappt er die Beats und Effekte aus der digitalen Rappelkiste auf, die ganz subtil in einige dieser Beiträge eingepflegt wurden. Heartland ist selber eine Großtat geworden, an der sich die Popmusik 2010 wird messen muss.
Interpret: Owen Pallett
Titel: Heartland
Plattenfirma: Domino
Erscheinungsdatum: 22. Januar 2010
Minor Majority: Either Way I Think You Know
Die norwegische Pop-Formation Minor Majority ist seit zehn Jahren Garant für gefühlvolle Herz-Schmerz-Pop-Folk-Songs. Melancholie, Lagerfeuer-Romantik und Schwermut sind das Markenzeichen des Quintetts aus dem hohen Norden. Auf dem neuen Album Either Way I Think You Know stehen Gefühle wieder ganz im Vordergrund sowie die markante Männerstimme von Sänger Pal Angelskar und Akustikgitarren.
Ihrem Stil verdanken Minor Majority Vergleiche mit ihren Landsleuten Kings Of Convenience oder Tindersticks, sogar mit Leonard Cohen. «Einige Songs auf dem Album sind vielleicht ein bisschen folkiger als früher», erklärte Angelskar. «Ich habe im letzten Jahr viel Neil Young gehört und auch britischen Folkrock wie Sandy Denny und Al Stewart. Aber es gibt auch rockige Elemente, mehr Gitarren-Soli.» Auf dem neuen Werk greifen die Norweger zu warmen Klavierklängen, Streichern (To Let Go), Orgel (Like Someone Changed The Rules For US) und Banjo (Try Me). Passend zur dunklen Jahreszeit haben die Skandinavier mit Either Way I Think You Know ein ruhiges, nachdenkliches Slow-Pop-Album aufgenommen.
Interpret: Minor Majority
Titel: Either Way I Think You Know
Plattenfirma: Indigo
Spielzeit: 52 Minuten
Erscheinungsdatum: 29. Januar 2010
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