100 Tage Schwarz-Gelb «Die Schonfrist wird kürzer»

Nach 100 Tagen Regierungszeit ziehen die Medien traditionell Bilanz. Medienwissenschaftler Frank Brettschneider spricht darüber, warum Erfolge heute schneller eingefordert werden, woher die Enttäuschung über Schwarz-Gelb kommt und wann die SPD wieder eine Rolle spielen wird.

Frank Brettschneider (Foto)
Der Medienwissenschaftler Frank Brettschneider. Bild: dpa

Herr Brettschneider, Spiegel Online hat vorgestern getitelt: «100 Tage, 1000 miese Schlagzeilen». Was sagen Sie dazu?

Brettschneider: Sie ist so verkehrt nicht. Es ist tatsächlich so, dass, gemessen an der Berichterstattung, die neue Regierung einen Fehlstart hingelegt hat. Das Verrückte ist, dass das gar nicht mal ein substantieller Fehlstart war, aber es wird über die Pannen eben besonders häufig berichtet.

Zum Beispiel?

Brettschneider: Man kann das ganz gut an einem Vergleich sehen: der Besteuerung von Hotels auf der einen, und der Erhöhung des Schonvermögens für Hartz-IV-Empfänger auf der anderen Seite. Beim Zweiten wird man sicher von einem Erfolg sprechen, das hätte von der Regierung wohl niemand erwartet, gab es doch immer den Vowurf der sozialen Kälte. Das ist an einem Tag eine Schlagzeile und dann wird nicht mehr darüber gesprochen, während die Besteuerung von Hotels noch sehr lange Thema ist. Die negativen Schlagzeilen werden auch dadurch begünstigt, dass eine klare Botschaft der Regierung, wo es hingehen soll, von Anfang an gefehlt hat.

Szenen einer Wunschehe: Stationen von Schwarz-Gelb

Ist das vielleicht auch der Grund dafür, dass sich der Wind nach der Wahl derart gedreht hat? Die Enttäuschung darüber, dass die klare Linie, die sich viele von eben dieser Regierung erhofft hatten, nicht erkennbar ist?

Brettschneider: Ja, so ist das. Je höher die Erwartungen sind, desto tiefer kann man fallen. Wenn beispielsweise die FDP die Wahl in erster Linie mit dem Thema Steuern gewinnt, dann aber nach der Wahl das Außenministerium besetzt anstatt das Finanzministerium, dann ist das einer von ganz vielen Bausteinen.

Wann ist diese Enttäuschung eingetreten?

Brettschneider: Die noch nicht gebildete Regierung wurde in den ersten Tagen nach der Wahl gar nicht kritisiert. Da hat man sich einige Wochen zunächst einmal mit dem desaströsen Zustand der SPD beschäftigt. Erst die Streitereien während der Koalitionsverhandlungen waren der Startpunkt für die negative Berichterstattung, und die wurde in der Union sehr stark durch Kritik aus den eigenen Reihen befeuert.

Sie haben vor einigen Jahren die sogenannte 100-Tage-Medienschonfrist untersucht. Man könnte den Eindruck gewinnen, von der sei eigentlich nicht mehr viel übrig ...

Brettschneider: (lacht) Das stimmt. Die wurde aber auch früher schon nicht so wirklich durchgehalten. Diese 100 Tage kommen eigentlich aus den 70ern, da hatte man solche Zeithorizonte noch, heute werden Erfolge schneller eingefordert. Da ist die schwarz-gelbe Regierung auch gar keine Ausnahme. Auch Schröder ist in seiner zweiten Amtszeit sofort in den Medien abgestürzt. Man hätte nur dieses Mal erwartet, dass die Regierung besser vorbereitet in den Regierungswechsel geht. Aber Sie haben recht, diese 100 Tage sind schon längst keine 100 Tage mehr, Mediengesellschaft heißt Geschwindigkeit.

Macht es denn einen Unterschied, ob eine Regierung wechselt oder ob sie an der Macht bleibt?

Brettschneider: Ja, schon. Bei einem Wechsel wird geguckt, was während des Wahlkampfes angekündigt wurde und was davon erstens in den Koalitionsverhandlungen und zweitens in den ersten Schritten, in der konkreten Regierungsarbeit, erkennbar ist. Bleibt eine Regierung im Amt, werden in der Regel ja keine neuen Ziele abgesteckt, sondern Projekte weitergeführt, eher business as usual.

Und macht es einen Unterschied, ob eine Frau regiert oder ein Mann?

Brettschneider: Nein, zumindest bei Angela Merkel spielt dieser Faktor keine große Rolle. Sie hat ja auch nie etwas getan, ihn auszuspielen.

Sie haben die Wahlen seit 1998 untersucht. Gibt es eine Entwicklung seitdem?

Brettschneider: Einmal, dass die Schonfrist kürzer wird. Was man noch sieht, ist, dass der Chor in der Union sehr viel vielstimmiger ist, als es der Chor innerhalb der SPD war. Die SPD war eine Partei, als sie an der Regierung war, die sehr stark auf Schröder fixiert war, etwa 60 bis 70 Prozent aller Aussagen über die SPD und aus der SPD bezogen sich auf Schröder, one voice, kann man fast sagen. Danach kam dann lange nichts und dann Müntefering.

Und bei der CDU ist das anders?

Brettschneider: Bei der CDU und der Union haben wir die ganzen starken Ministerpräsidenten, die sich alle an der Diskussion über den Kurs der Partei und über tagesaktuelle Entwicklungen beteiligen.

Und nicht zuletzt gibt es auch so medienpräsente Politiker wie Herrn zu Guttenberg ...

Brettschneider: Das ist einer der Wenigen, die eine positive Rolle spielen. (lacht) Ja, tatsächlich. Das ist noch derjenige, der medial gesehen der Regierung die meisten Pluspunkte bringt, ein medialer Aktivposten.

Lesen Sie auf Seite 2, welche Rolle Merkels Valium-Wahlkampf für die Lagerbildung in den Medien spielt und welche Politiker es mit der Bild-Zeitung einfacher haben

Man wirft der Politik ja oft vor, dass die Lager nicht mehr klar erkennbar seien. Gilt aber nicht das Gleiche auch für die Medien, zumindest, was die überregionale Presse angeht? Beispielsweise hätte man ja erwarten können, dass die konservativen Blätter nach der Wahl etwas freundlicher mit der Regierung umgehen, aber das tun sie nicht.

Brettschneider: Nein, das tun sie nicht und da haben sie auch ihre Gründe für und das sind die gleiche Gründe wie für die Kritik aus den eigenen Reihen an der Bundes-CDU. Da kritisieren vor allem diejenigen Bundesländer, Baden-Württemberg und Bayern, die unter dem Valium-Wahlkampf von Angela Merkel am stärksten gelitten haben. Und warum? Weil es in einer Großen Koalition vielleicht noch verständlich gewesen wäre, wenn Frau Merkel einen Kurs fährt, der nicht so stark auf Profilierung ausgelegt ist, aber in einer schwarz-gelben Koalition muss sie das nicht mehr. Und das da Kritik geübt wird, etwa auch von der FAZ, finde ich nur nachvollziehbar.

Interessant, wenn vielleicht ebenfalls verständlich ist ja, dass die Arbeit der Opposition von den Medien nur sehr selten kritisch beleuchtet wird ...

Brettschneider: Das stimmt für die letzten Wochen, am Anfang war das noch etwas anders. Da gab es eine intensive Beschäftigung mit dem Debakel der SPD und der Frage, ob es Gabriel nun besser machen könnte. Die SPD ist heute im Prinzip kaum noch medial präsent, für sie ist das aber auch ganz gut so, weil sie sich sortieren kann. In den letzten Wochen lag der Fokus stärker auf der Linkspartei und dem Lafontaine-Abgang. Das wird sicher auch wieder anders werden. In beiden Fällen muss man aber auch sagen, dass die Opposition inhaltlich nichts tut, um die Regierung vor sich herzutreiben, sondern in erster Linie mit sich selbst beschäftigt ist.

Sie haben ja die kürzer werdende Schonfrist bereits angesprochen. Die hat sicherlich auch etwas mit den neuen Medien und der sich verändernden Medienlandschaft zu tun?

Brettschneider: Absolut. Das Internet hat einen massiven Einfluss auf die Geschwindigkeit, heute sagt irgendein Politiker etwas und es ist sofort verfügbar. Und darauf reagiert sofort ein anderer Politiker, und schon ist eine Diskussion entfacht, die nur noch schwer zu kontrollieren ist. Das war bei den längeren Berichterstattungszyklen noch vor 15 oder 20 Jahren komplett anders. Zudem wird über die Online-Medien auch sehr stark versucht, mal Luftballons steigen zu lassen, um zu sehen, wie die öffentliche Reaktion ist.

Spielt es auch eine Rolle, dass diese Diskussion über Blogs oder Twitter weitergeführt wird und es so etwas wie einen Multiplikatoreneffekt gibt?

Brettschneider: Absolut, ja.

Sehen Sie denn einen Unterschied in der Berichterstattung zwischen Boulevardmedien und klassischen Medien?

Brettschneider: Der generelle Unterschied ist eine noch stärkere Konzentration auf einige wenige Personen und weniger auf Institutionen. Die Boulevardmedien und vor allen Dingen die Bild personalisieren viel stärker, das heißt: Politik bildet sich da in Form von Merkel, Lafontaine, Gabriel und vielleicht noch Seehofer ab. Und wenigen anderen. Dann natürlich der Negativismus, das heißt: Konflikte, Schaden, unterschiedliche Meinungen sind medial interessanter, als eine komplexe Entscheidungsfindung. Das alles ist bei den Boulevardmedien ausgeprägter. Die Bewertung, die Tendenz, etwa in der Bild, ist für Merkel gar nicht mal so schlecht, da hat sie noch einen medialen Rückhalt.

Bedeutet die Fokussierung auf einzelne Personen denn, dass es medienaffine Politiker in den Boulevardmedien einfacher haben?

Brettschneider: Ja, eindeutig. Es gibt zwei Ebenen der Politik: die Entscheidungsebene und die Darstellungsebene. Auf der Entscheidungsebene ist Sachverstand gefragt, auf der Darstellungsebene der mediengerechte Umgang. Idealerweise sollten beide Kompetenzen in einer Person vereint sein, aber oft ist das eben nicht der Fall. Und die Entwicklungen im Mediensystem führen dazu, dass das Gewicht der Darstellungsebene größer wird.

Könnte man bei all dem attestieren, dass es für den Leser oder den Nutzer schwieriger wird, sich in der Berichterstattung zu orientieren?

Brettschneider: Ja, es wird einerseits schwieriger, weil sich Themen sehr schnell wandeln, die Geschwindigkeit zunimmt und Komplexität reduziert wird. Andererseits wird es aber auch leichter, weil die Quellen heute so leicht zugänglich sind, wie nie zuvor. Insofern ist es die Aufgabe von Redaktionen, den Überblick herzustellen, auszuwählen, zu sortieren und stärker über Hintergründe statt Ereignisse zu berichten.

Ist das ein Grund dafür, warum zum Beispiel Die Zeit im Moment so erfolgreich ist und ihre Auflage steigt?

Brettschneider: Das kann gut sein. Wir beobachten schon seit einiger Zeit ein Auseinanderklaffen in der Mediennutzung in diejenigen, die sich aus vielen Quellen informieren, auch aus hochwertigen, auch Hintergrundberichterstattung bewusst nutzen, und diejenigen, die Politik fast komplett vermeiden. Auch deren Anteil wächst. Und das Mittelfeld schrumpft. Davon profitieren die Qualitätstageszeitungen in gewissem Maße, aber auch Radioprogramme mit hohem Wortanteil.

Vielleicht wagen Sie eine Prognose: Wann wird es um die Regierung wieder ein wenig ruhiger und wann kümmern sich die Medien wieder verstärkt um die SPD?

Brettschneider: (lacht) Wenn aus der SPD etwas kommt, wenn Streit in der SPD vom Zaun gebrochen wird. Alle schielen auf die Nordrhein-Westfalen-Wahl, da geht es um die Mehrheiten im Bundesrat, aber natürlich geht es vor allem um das Verhältnis zur Linkspartei. Auch Gabriel wird nach der Nordrhein-Westfalen-Wahl da deutliche Worte finden müssen. Ich würde sagen: Warten wir mal den Mai ab und gucken, was dann passiert. Das kann ja manchmal sehr schnell gehen.

Professor Frank Brettschneider ist Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim. Von 2000 bis 2001 vertrat er den Lehrstuhl Öffentliche Kommunikation und Journalismus an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, anschließend wurde er von der Universität Augsburg auf den Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft berufen und dort zum Professor ernannt. Er veröffentlichte Literatur zu den Themen Wahlforschung und Wahlumfragen und zur Wechselwirkung zwischen Medien und Politik.

hav/news.de

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