So., 12.02.12

Kai Diekmann Pure Fantasie

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 02.02.2010

Kai Diekmann als Blogger, für viele klang das von Beginn an hanebüchen und nach einer reinen PR-Maßnahme. Inzwischen hat sich das bewahrheitet: Der Bild-Chefredakteur hat seinen publizistischen Ausflug zur Inszenierung genutzt.

Harald Martenstein und Kai Diekmann haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemein. Auf der einen Seite der Zeit-Kolumnist und Autor, ausgezeichnet mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis für die zweitbeste deutschsprachige Reportage 2004, ein Moralist und Feingeist, das, was Chefredakteure eine Edelfeder zu nennen pflegen. Und auf der anderen Seite Kai Diekmann, Bild-Chefredakteur, die Trüffelsau des deutschen Boulevardjournalismus', das «Alpha-Männchen der Journalisten-Szene».

Und doch, sie haben etwas gemein, mehr als nur den Beruf als Journalist. «Der Journalismus hat sich dahingehend verändert, dass er nicht mehr nur in erster Linie Überbringer von Nachrichten ist, weil die Nachricht durch Überproduktion relativ wertlos geworden ist», sagte Martenstein 2008 dem Medienmagazin DWDL. «Die Journalisten verkaufen mehr und mehr Analyse und Unterhaltung. Die Veränderung des journalistischen Marktes hat einen Druck zur Folge, sich zur Ware zu machen.» Jeder Journalist - ob er nun Martenstein oder Diekmann heißt - sei Teil einer Inszenierung, und da gebe es eben verschiedene Charaktermasken, die «des ernsthaften, grüblerischen Leitartiklers. Die des spritzigen Feuilletonisten. Die des Krawallmachers.»

Hier nun aber wird gleichzeitig auch der entscheidende Unterschied zwischen Martenstein und Diekmann deutlich: Martenstein, der wohl eher der grüblerische Feuilletonist wäre, hat sich seine Charaktermaske offensichtlich nicht selbst ausgesucht, er scheint zu bedauern, sie überhaupt tragen zu müssen, während Diekmann durch seinen Blog die Maske des Krawallmachers und Clowns geradezu an sich gerissen hat.

Und noch einen Unterschied gibt es, der darin begründet liegt, dass Martenstein zwar vom Journalisten als Ware spricht, damit aber nicht voll ins Schwarze trifft. Er selbst ist das beste Beispiel: Für die Zeit sind er und seine Kolumnen zwar so etwas wie eine Marke, ein Produkt, doch noch immer ist dieses ein journalistisches oder literarisches. Diekmann hingegen hat, nicht, weil er gebloggt hätte, sondern weil er die Inszenierung dem Inhalt übergestülpt hat, diese Bühne längst verlassen.

Vielleicht braucht er diese Inszenierung, um von seiner «Glanzlosigkeit» abzulenken, über die der britische Journalist und Autor Roger Boyes in einem Porträt über Diekmann einmal geschrieben hat, davon, dass er niemals eine Universität besucht hat und noch immer von der Aura Bielefelds umgeben ist: «der Tatkraft, aber auch der Unbeholfenheit eines Aufsteigers aus der Provinz».

Das und die Tatsache, dass diese Inszenierung bei der Bild-Zeitung gang und gäbe ist, ändert jedoch nichts daran, dass sie einem Journalisten nicht gut zu Gesicht steht. Und auch die Tatsache, dass das höchste journalistische Gut, die Glaubwürdigkeit, für Diekmann einen deutlich geringeren Wert zu haben scheint, als für Kollegen wie Harald Martenstein, tut das nicht. «Tatsächlich ist Bild pure Fantasie», schrieb Boyes. Für Diekmann gilt seit 100 Tagen dasselbe.

kas/ivb/news.de
Zum Thema Thema verfolgen » Newsletter abonnieren Artikel kommentierenArtikel kommentieren
Kai Diekmann (Foto)
Blogger Diekmann Clown oder Zirkusdirektor?

Als Blogger hat Kai Diekmann Schlagzeilen geschrieben. Doch nun ist Schluss. Zeit, Bilanz zu mehr ...

Kai Diekmann (Foto)
Kai Diekmann Ein mächtiges Schmuddelkind

Kai Diekmann ist wohl der einflussreichste und meistgehasste Journalist Deutschlands. Ein mehr ...

iPhone-Apps (Foto)
iPhone-Apps Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Die iPhone-Apps von Bild und Welt sind Topseller, doch nicht alle Nutzer sind zufrieden. Wir haben sie mehr ...

Kai Diekmann: Pure Fantasie » Medien » Nachrichten

URL : http://www.news.de/medien/855042697/pure-fantasie/1/
Schlagworte:
Leserkommentare (0)
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
Ihr Name
Ihre Emailadresse
noch 600 Zeichen übrig
Ihr Kommentar
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'
Zum Thema
Anzeige
Meistgelesene Artikel
Fotostrecken Videos
zurück
vor
Anzeige
drucken
Bookmarken
Bookmarken
RSS-Newsfeed
Newsletter abonnieren
Newsletter abonnieren