Ein mächtiges Schmuddelkind
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Von news.de-Redakteurin Julia Zahnweh
Artikel vom 02.02.2010
Bild-Chefredakteur Kai Diekmann ist der wohl einflussreichste Journalist Deutschlands, gleichzeitig aber auch der meist gehasste. Eine faszinierende Persönlichkeit, die schwer zu erfassen ist. Der Versuch eines Porträts.
Als «deutscher Idiot», als «Mr. Großkotz» und als Typ mit «ekelhaft schmierigen Haaren, einer spießigen Brille und Yuppie-Outfit» wird Kai Diekmann in den Kommentaren seines Blog-Fanclubs beschimpft. Die Beleidigungen scheinen ihm fast zu schmeicheln. Er freue sich, dass er seine Mitmenschen dazu animieren könne, ihre Meinung zu sagen, schreibt er in seinem Blog als Reaktion auf die an ihn gerichteten Hasstiraden. «Nur so kann eine Demokratie wachsen und gedeihen - und auch deshalb nehmen wir bei Bild unseren Bildungsauftrag so ernst», schreibt er süffisant.
Selbstherrlichkeit ist für den Bild-Chefredakteur keine große Anstrengung. Im Gegenteil, sie ist sein Markenzeichen - gepaart mit seinen stets streng nach hinten gegelten Haaren. Und er kann sich seine arrogante Ausstrahlung leisten, ist geradezu auf sie angewiesen, ist er doch der wohl einflussreichste Journalist Deutschlands. Denn der 45-Jährige gibt als Chefredakteuer nicht nur den Takt bei Europas größter Boulevardzeitung an, sondern bestimmt damit auch, was die Deutschen zu denken haben.
Dass er es dabei mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt und den Pressekodex nicht selten ignoriert, scheint nur eine logische Konsequenz. Dass er sich selbst als «Streiter für journalistische Sorgfalt» (FAZ) sieht, überrascht daher ebensowenig, wie dass seine Kritiker in ihm eher das «Schmuddelkind des deutschen Journalismus» (NZZ) sehen.
«Er inszeniert sich selbst als sympathisches Arschloch»
Ob Wahlkämpfe, Promi-Karrieren oder gesellschaftliche Stimmungen - oft wird Bild und somit Diekmann vorgeworfen, alles beeinflussen und von Objektivität nichts wissen zu wollen. Mit Kritik umzugehen, gar öffentlich Selbstkritik zu äußern, ist nicht seine Stärke. Bisher zumindest, mit seinem Blog scheint er nun den Dialog mit seinen Fans und Kritikern gesucht zu haben. Doch die Betonung liegt auf scheint, war der Blog doch vor allem ein weiterer kluger Schachzug in seiner Selbstinszenierung.
Stefan Niggemeier, einer der Gründer des Bildblogs fasst es so zusammen: «Er arbeitet da tatsächlich an so einer Kunstfigur von einem Bild-Chef, der auch irgendwie ein Arschloch ist, also er inszeniert sich selbst auch so, aber als sympathisches Arschloch.»
Diekmann ist durch und durch ein Boulevardjournalist, der früh gelernt hat, wie man sich in diesem Geschäft eine Machtposition aufbaut, zu der vor allem auch der Status einer Persona non grata gehört. Provozieren heißt die Devise des gebürtigen Oberschwaben, der in zweiter Ehe mit Klatschkolumnistin Katja Kessler verheiratet ist, mit der er vier Kinder hat. Provozieren könnte auch das Motto seines Blogs lauten: Der selbst eher medienscheue Journalist - Interviews gibt er fast nie und wenn, dann interviewt er am liebsten sich selbst - stellt sich in einem öffentlichen Raum seinen Kritikern, das überrascht sogar seine größten Feinde. Schachmatt für Diekmann?
Ein wirkliches Bild der Person, die hinter der Kunstfigur Kai Diekmann steckt, zu zeichnen, ist dennoch geradezu unmöglich. Privat gibt er kaum etwas von sich preis, Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit gibt lediglich seine Karriere. Schaut man sich seinen Lebensweg an, fällt auf, dass er recht schnell Karriere gemacht hat. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er in der Redaktion einer Bundeswehrzeitung. Nach dem Abbruch des Studiums begann er 1985 ein Volontariat beim Axel-Springer-Verlag. Dort fiel er schnell auf und ging als Korrespondent nach Bonn, wo sein, wie er selbst betont, «rein freundschaftliches Verhältnis» zu Helmut Kohl seinen Anfang nahm.
Freundschaften nach den Regeln des Boulevards
Nach Stationen bei der Bunten und der Berliner Zeitung landete er 1992 letztlich bei der Bild, 1998 wurde er Chefredakteur der Welt am Sonntag, 2001 übernahm er den Posten des Bild-Chefredakteurs. Seitdem scheint er unantastbar, mit den Mächtigen dieser Republik ebenso eng verbunden wie von ihnen verhasst. Sein enges Verhältnis zu Helmut Kohl berzeichnet er immer als eine unpolitische Freundschaft, doch sogar aus dem eigenen Haus erntet er hierfür Kritik.
Aber Diekmann gab selbst einmal zu, dass es eine Freundschaft sei, die mit den Regeln des Boulevards eng verbunden ist. «Ich habe beispielsweise 1994 bereits sehr früh von der Krankheit von Kohls Frau erfahren, die ihn auf einer Reise nicht begleiten konnte und im Krankenhaus lag.» Die beiden Männer kamen darin überein, diese Nachricht geheim zu halten, bis zum richtigen Augenblick.
Boulevardjournalismus bedeutet vor allem, Dinge in der Hand zu halten, mit denen man Macht ausüben kann. Kai Diekmann ist ein kundiger Boulevardjournalist, weil er nicht nur diese Macht besitzt, sondern auch weiß, wie er gewinnbringend mit ihr umgehen muss. Es ist nur zu erahnen, was Diekmann und Bild alles über die Mächtigen der Republik wissen, es aber aus strategischen Gründen für sich behalten.
Doch eine Person wie Diekmann besitzt nicht nur Macht über andere, sondern vor allem die Macht über sich selbst und über das Bild, das von ihm in der Öffentlichkeit gezeichnet wird. Daher überrascht es auch nicht, dass es geradezu unmöglich ist, den Menschen Diekmann wirklich zu erfassen.
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