Clown oder Zirkusdirektor?
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Ob die nackten Zahlen auch für Diekmann sprechen, ist eine Frage der Interpretation: Laut dem Ad-Planer von Google hatte Diekmann im Dezember 32.000 Unique VisitorsBezeichnet die Gesamtzahl der Besucher einer Internetseite. , das Bildblog, das allerdings auch schon einige Jahre online ist und zu den erfolgreichsten deutschen Blogs zählt, kam im selben Zeitraum auf 84.000.
Was ist sonst passiert in diesen 100 Tagen? Ist Diekmann wirklich zum Blogger geworden oder war das ganze nur eine geschickt eingefädelte PR-Aktion? Das «einzige Alpha-Männchen der Journalisten-Szene», wie Heise kürzlich schrieb, tobte sich mit seinem Internettagebuch zumindest gleich auf mehrfache Weise aus: Er befriedigte seinen neuerdings vorhandenen Drang nach Öffentlichkeit, rechnete mit ein paar liebgewonnen Feinden ab und nutzte das Blog, um die Bild-Zeitung und den von ihm propagierten Journalismus zu pushen.
Immerhin, er erreichte auf den ersten Blick eine gewisse Form von Authentizität. Diekmann scheute keine Diskussion, er ließ Kommentare zu, sah gelassen über manchen verbalen Angriff hinweg und ergriff sogar Partei für einen TrollAls Troll bezeichnet man einen Kommentator oder Autor von Forenbeiträgen, der nicht zum Thema beiträgt, sondern vor allem das Ziel hat, Reaktionen hervorzurufen und zu provozieren. , der sich in sein Blog verirrt hatte. Erstaunlich nur, wie wenige Kommentare seine Besucher teilweise hinterließen. Keine Seltenheit, dass einzelne Beiträge mit zehn oder weniger Kommentaren dahinvegetieren, wie viel die Redaktion jedoch im Hintergrund moderieren oder löschen musste, ist nicht bekannt.
Darüber hinaus gab sich Diekmann alle Mühe, das Internet in all seiner Pracht zu nutzen. Gestern rief er zum Abschluss die Nutzer dazu auf, sich zu «outen», wie er es nannte, Links zu Fotos, Blogs oder Facebook-Seiten zu schicken, um «den vielen tollen Blog-Pseudonymen, die wir alle kennen- und lieben gelernt haben, ein Gesicht zuordnen zu können». Die Resonanz: bislang 52 Kommentare, darunter offenbar auch der des vermeintlichen Trolls, der sich als Volkswirtschaftsstudent zu erkennen gibt, und so mancher Seitenhieb.
Und sonst? Sonst zog Diekmann vorzugsweise über Kollegen und Konkurrenz-Medien her, ließ sich bei der Arbeit begleiten, filmen und fotografieren, veranstaltete Rätsel, richtete einen Shop ein, in dem T-Shirts, Tassen, Taschen oder Unterhosen erhältlich sind, ließ sich beschimpfen und Ehefrau und Klatschkolumnistin Katja Kessler als Videobloggerin auftreten.
Diese geballte Ladung Diekmann führt schlussendlich dazu, dass seine Leser wohl selbst nach 100 Tagen noch nicht wissen, woran sie sind. Blickt man nämlich genauer hin, ist es mit der Authentizität plötzlich nicht mehr so weit her, ist beinahe alles, was Diekmann in seinem Blog veröffentlichte, mit Ironie, Sarkasmus oder plumper Blödelei durchzogen. «Bislang hat Diekmann sich weitgehend aus der Öffentlichkeit ferngehalten und so versucht, sich Kritik nicht stellen zu müssen», sagte der ehemalige Chef des Bildblogs, Stefan Niggemeier, in einem Interview mit der Zeit. Die neue Variante aber sei viel geschickter: «Er entzieht sich einer ernsten Auseinandersetzung trotzdem - dadurch, dass er selber sagt, was er für ein schlimmer Finger ist, die Kritik läppisch wirken lässt und alles ironisiert.»
Das Problem: Wer denkt, Diekmann habe die Leser mit seinem Blog wirklich in sein Leben, seinen Alltag und die Welt der Bild-Zeitung gelassen, der irrt. Das alles ist Fassade, professionell aufbereitetes Blendwerk, mit dem Bild-eigenen Charme inszeniert, aber eben auch fast ohne Mehrwert. Auf der anderen Seite aber führt Diekmann die Medienbranche so auch als Zirkus vor, nur, ob er Clown oder Zirkusdirektor ist, das bleibt unklar. Und insofern vielleicht hat er sein Hauptanliegen, der Branche den (Zerr)Spiegel vorzuhalten, dann wohl doch noch erreicht. Er hat ihr gezeigt, wie das geht mit dem Internet, aus der Perspektive des Boulevards. Und schon unkt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, seine Aussicht, «je wieder einen seriösen Job zu bekommen», habe er damit wohl nicht gerade verbessert.
Kein Wunder also, dass Diekmann vorgibt, traurig zu sein, nun, da sein Projekt zu Ende geht. Doch nach einer kurzen und knappen Ehrung seiner besten Beiträge wird es um Mitternacht so kommen, wie angekündigt, dann ist Schluss, auch mit Interviews und öffentlichen Auftritten, dann wird, nach 100 Tagen, Diekmanns Blog «ein würdiger Schlusspunkt gesetzt». Und dann? Ist Diekmann mit seinem Blog wirklich weiter gekommen? Was hat ihn überhaupt zu diesem Projekt getrieben, was treibt ihn überhaupt an. Stefan Niggemeier schreibt dazu, grundsätzlich gehe es ihm auch darum, geliebt zu werden. «Natürlich kann ein Bild-Chef eigentlich nicht geliebt werden. Natürlich weiß Diekmann das auch. Aber das Wissen genügt halt nicht immer.» Doch vielleicht hat er zumindest an manchen der 100 Tage ein wenig Wärme gespürt, etwa, wenn er Kommentare gelesen hat, wie diesen: «Ich werde Herrn Diekmann auch vermissen.»
juz/ivb/news.de
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