Von Wilfried Mommert
Kenzaburo Oe ist einer der wenigen japanischen Autoren, die Erfolg auch im Westen haben. Nun wird der Literaturnobelpreisträger und große Mahner 75 Jahre alt.
Das «schwarze Schaf» der japanischen Literatur, wie sich Kenzaburo Oe selbst einmal nannte, hat schon mit 31 Jahren seine erste Gesamtausgabe mit 2000 Seiten vorgelegt. 1994 erhielt er den Literaturnobelpreis. 2008 erschien nun von Oe, der heute 75 Jahre alt wird, eine Art literarischer Abschied mit dem Titel Sayonara, meine Bücher, für manche ein «Abschied vom Lesen und Schreiben» des großen alten Mannes der japanischen Nachkriegsliteratur. Für viele ist Oe jedoch der erste moderne Schriftsteller Japans mit starken europäischen Einflüssen und Prägungen, nicht zuletzt durch den französischen Existenzialismus. Aber auch Thomas Mann gehört zu seinen Vorbildern, wenn es um die Verbindung von literarischer und gesellschaftspolitischer Bedeutung geht.
Oe, der als zweiter Japaner nach Yasunari Kawabata (1968) den Literaturnobelpreis bekam, hat etwa 25 Romane und Erzählungen geschrieben. Soziales Gewissen Japans, Außenseiter, Enfant terrible, bedeutender Vertreter der Avantgarde, Provokateur, Pazifist – an Etiketten für den oft auch verstörenden Vertreter der japanischen Moderne hat es nie gefehlt. In Japan galt Oe lange als literarischer Einzelgänger oder linksintellektueller «Bürgerschreck».
«Ein Akt der Selbstentblößung»
Willy Brandt meinte einmal, Oe spiele in seinem Land «offenbar dieselbe Rolle wie Günter Grass in Deutschland – den Nestbeschmutzer». Treffender ist vielleicht Tabubrecher, wenn es zum Beispiel um japanische Traditionen wie Harmonie und Perfektion und gesellschaftliche Umbrüche, Vereinzelung und Entwurzelung geht. Auch ein Treffen mit dem chinesischen Parteichef Mao Tsetung (1960) hat der damals 25-jährige Oe nicht gescheut. Das schwedische Nobelpreiskomitee würdigte neben dem literarischen Schaffen Oes auch den Sozialkritiker und Mahner vor einer kritiklosen Verwestlichung seines Heimatlandes.
Richtig ist immerhin, dass beide Literaturnobelpreisträger – Oes Briefwechsel mit Grass erschien in Deutschland 1995 – die Lehren aus einer schmerzlichen Vergangenheit ihrer Länder in Werk und Tat thematisierten. Für Oe, der am 31. Januar 1935 auf der Insel Shikoku im Südwesten Japans als Spross einer adligen Samurai-Familie geboren wurde und von seiner ländlichen Herkunft geprägt blieb, waren der Atombombenabwurf auf Hiroshima und die folgende Desorientierung der japanischen Gesellschaft mit der starken Annäherung an die USA zentrale Themen.
Hinzu kam später der persönliche Schicksalsschlag mit der Geburt eines sprachbehinderten Sohnes. Auch diese schmerzlichen Erfahrungen setzte er in seiner Arbeit um, unter anderem in seinem vielleicht bekanntesten Roman, dem Meisterwerk Eine persönliche Erfahrung (1964). «Ein Akt der Selbstentblößung, wie ihn die europäische Literatur kaum kennt», schrieb ein Kritiker dazu und erinnerte an Sartres Ekel und Dostojewskis Sünde. 1967 erschien der Roman Der stumme Schrei, eines seiner Hauptwerke über die Sprachlosigkeit des Einzelnen in der Massengesellschaft.
«Ich mache es meinen Lesern nicht leicht»
Seinen literarischen Durchbruch erzielte Oe allerdings mit seiner frühen Erzählung Der Fang (1958) über die Erlebnis- und Erfahrungswelt von Kindern durch Kriegseindrücke. Nicht immer war er – vor allem für Leser in der westlichen Welt - leicht lesbar, «konsumierbar». Gern stellte Oe europäische Lesegewohnheiten auf den Kopf («Ich mache es meinen Lesern nicht leicht»), sein literarischer Rang war aber bald und schon vor der Nobelpreisverleihung anerkannt – Henry Miller rückte Oe sogar in die Nähe eines Dostojewski. Oe selbst nannte seinen Erzählstil «grotesken Realismus» und berief sich dabei gern auf den französischen Dichter François Rabelais (1494-1553). Aber auch deutsche Autoren wie Grimmelshausen und Goethe beeindruckten ihn.
2005 erschien in Deutschland Oes Roman Tagame. Berlin-Tokyo über den Freitod eines Freundes, dem Leben eines Intellektuellen im Land der aufgehenden Sonne und über die Erkenntnis, dass Menschen sich letztlich fremd bleiben – «jeder stirbt für sich allein». Von 1999 bis 2000 war Oe, der zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat, Samuel- Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin (FU), was er auch in dem Buch mit einflocht.
bla/news.de/dpa