Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Höhenflüge mit George Clooney: Der Oscar-Favorit Up in the Air hebt meisterhaft ab, kommt ins Straucheln und wäre beinahe im herzigen Schmalz verendet. Kurz vorm Crash packt Regisseur Jason Reitman dann doch noch eine wunderbar zynische Landung.
Ryan Bingham hat da so eine Theorie. Ein Rucksack spielt darin eine tragende Rolle. Er reist gern mit wenig Gepäck – im wörtlichen wie übertragenden Sinne. Der Koffer ist klein und handlich und auch privat verzichtet er auf zeitraubende menschliche Bindungen. Je weniger Ballast die Riemen des imaginären Rucksacks tragen müssen, desto leichter lässt es sich leben – so weit seine Theorie.
George Clooney spielt im Film Up in the Air den Mann, der sein Leben so rationalisiert hat, dass jede Unregelmäßigkeit wie ein Fettfleck ins Auge sticht. Er liebt Clubkarten und das Geräusch, wenn das Plastik durch den Scanner saust. Selbstverständlich ist er immer perfekt gekleidet: praktisch, aber elegant. Ryan ist Vielflieger aus Leidenschaft. Linoleumflure, billiger Orangensaft, das süßliche Lächeln der Stewardess am Ticketschalter – all das braucht er, um sich wohl zu fühlen. Sein größter Traum: die Schallmauer von 10.000.000 Flugmeilen zu durchbrechen – es winkt eine protzige VIP-Karte und der Glamourfaktor, einer von sieben Menschen zu sein, die das jemals geschafft haben.
Clubkartenquartett mit Alex
Sein Job macht all das möglich: Er reist kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten, um Mitarbeiter zu entlassen. Die Firma, für die Ryan arbeitet, bietet diesen Service für Chefs, die zu feige sind, ihren Mitarbeitern in die Augen zu schauen, wenn sie sie auf die Straße setzen.
Für Zyniker Ryan ist das kein Problem: «Versuchen Sie, es nicht persönlich zu nehmen», sagt er mit sonorer Stimme, während sein Gegenüber vor den Scherben seiner Karriere sitzt. Der smarte Geschäftsmann hat die unangenehme Aufgabe der Kündigung perfektioniert – bloß keine Emotionen, ein sauberer Schnitt, und dann sitzt er auch schon wieder im Flieger zur nächsten Firma. Entlassungswellen sind sein Broterwerb. Während Insolvenzen wie Heuschreckenplagen wüten, herrscht bei Binghams Arbeitgeber Goldgräberstimmung.
Doch dann macht ihm die Harvard-Absolventin Natalie Keener einen Strich durch die Rechnung: Um Kosten zu sparen, sollen die Angestellten nicht mehr durch die Gegend fliegen, sondern ihre Opfer per Videobotschaft kündigen. Das Ganze wird nicht besser, als Ryans Chef anordnet, dass Natalie den einsamen Wolf der Lüfte bei der Arbeit begleiten soll. Ryan ist genervt und hat keine Lust, den Babysitter für die Marketing-Streberin zu spielen. Aber dann trifft er Alex (hinreißend: Vera Farmiga) – auch sie ist eine moderne Nomadin. Mir ihr spielt Ryan Clubkartenquartett und wird plötzlich melancholisch.
Turbulenzen aus Gefühlsduseleien
Die Kamerabilder von Eric Steelberg gleichen in Farbigkeit und Komposition einem Flughafengebäude: klare Linien, minimalistische Schauplätze, alles in grau-blau. Anfangs wirkt Clooney sehr lässig in seinem Perfektionstrott, kommt dann aber immer mehr ins Straucheln und muss erkennen, dass seine Rucksacktheorie doch nicht der goldene Weg ist.
Clooney spielt den Ryan smart und mit einer unterhaltsamen Selbstironie. Leider aber meistert Regisseur Jason Reitmann die Landung nicht so lässig, wie der Film gestartet ist: Wir schaukeln mit ihm durch Turbulenzen aus Gefühlsduseleien, bevor Reitmann dem coolen Geschäftsmann tatsächlich die Erkenntnis abringt, dass es ohne menschliche Bindungen wohl doch nicht geht. Kurz vor der drohenden Bruchlandung eines geigenumsäuselten Happy Ends schafft Reitmann dann doch noch die Kurve und überrascht uns mit einem grandiosen Ende.
Titel: Up in the Air
Regie: Jason Reitman
Hauptdarsteller: George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick
Verleih: Paramount
Filmlänge: 110 Minuten
FSK: ohne Altersbeschränkung
Filmstart: 4. Februar 2010
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