Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager
Noch eine Krimiserie? Muss das sein? Nun, der Quoten-Hit Castle des Senders ABC hat mehr zu bieten als die Reißbrett-Kollegen. Castle nimmt die Genre-Klischees mit kindlicher Freude auf die Schippe und ist in seinen Ermittlungen dennoch spannend.
Es gibt zwei Sorten von Menschen, die darüber nachdenken, wie man am besten Menschen umbringt: Psychopathen und Krimiautoren. Richard Castle gehört zur zweiten Kategorie. Der Mystery-Schriftsteller sonnt und langweilt sich so sehr in seinem Erfolg, dass er die Serienfigur in seinem letzten Roman einfach gekillt hat. Als die New Yorker Mordkommission an seine Tür klopft, weil ein Mörder Bluttaten aus Castles Romanen nachstellt, fangen dessen Augen ganz aufgeregt an zu funkeln.
Nun hat Castle endlich die Gelegenheit sein Material hautnah zu erleben und der hübschen Ermittlerin Kate Beckett von einem Tatort zum nächsten zu folgen. Die braucht nämlich zähneknirschend die Hilfe des verwöhnten und leichtsinnigen Lebemanns, um den mörderischen Fan zu fassen. So beginnt die neue Krimiserie Castle, die heute auf Kabel Eins anläuft.
Krimiserien gibt es wie Sand am Meer, und alle funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Da macht es auch keinen Unterschied, ob nun Hochglanz-CSI-Ermittler oder Tatort-Kommissare in die Ermittlungsschlacht ziehen. Ein Fall, viele Indizien, flunkernde Zeugen, ein bisschen Gerätsel, der erste Verdächtige ist es nie und dann die clevere Auflösung, die meist nochmal völlig um die Ecke gedacht ist. Das ist auch bei Castle nicht anders.
Kindliche Freude und wilde Theorien
Dennoch: Die ABC-Serie stammt nicht gerade vom Reißbrett und sticht mit dem besonderen Etwas aus dem Krimieinerlei hervor – und das von der ersten Folge an. Grund sind die Figuren und ihre Darsteller sowie das perfekte komödiantische Timing der Dialoge. Denn Richard Castle entwickelt im Anblick grausigster Taten eine fast kindliche Freude am Lösen von Fällen und Spinnen von wildesten Theorien und lässt sich von Beckett zu einer neuen Heldin seiner Bücher namens Nikki Heat inspirieren. Der Gang zum Tatort ist für den smarten Playboy wie der Besuch in einem Spielzeugladen für einen Dreijährigen. Pietät hin oder her, Castle kann es gar nicht makaber genug sein. Und das zeigt er auch. Selbst in Gegenwart der trauernden Hinterbliebenen.
Auch wenn die Cops anfangs noch ungläubig die Augen verdrehen und verzweifelt protestieren: Castle wird ihnen auch über den Copycat-Fall der ersten Folge hinaus als Berater und Beobachter zur Seite gestellt – der Krimibegeisterung des Bürgermeisters sei Dank. Mit jedem Fall steckt der fröhliche Kindskopf mit der kreativen Ader für Gewaltverbrechen seine Kollegen wider Willen mit seiner Begeisterung mehr an und bringt ein verschmitzes Augenzwinkern in den zermürbenden Polizeialltag.
Die clever bissige Gezänkchemie zwischen den beiden Hauptdarstellern Nathan Fillion (Castle) und Stana Katic (Beckett) tut ihr Übriges. Auch entwickeln die Schreiber der Show immer wieder herrlich abstruse Fälle, wie sich in Waschmaschinen drehende Babysitter, reiche erschossene Söhne in Ruderbooten, auf Friedhöfen ermordete Möchtegernvampire oder schockgefrorene Leichen, die von Feuerleitern hängen.
Geknister und Gezänk
Hinzu kommt ein Nebenschauplatz: Castles Familienleben mit seiner divenhaften, aber liebvoll unvernünftigen Mutter, die bei ihm eingezogen ist und seiner so verantwortungsbewussten wie schlagfertigen Teenagertochter. Und damit man nicht nur für den Zeitraum eines Falls an die Mattscheibe gefesselt wird: Es knistert heftig zwischen Castle und Beckett. Was natürlich keiner der beiden wahrhaben will.
Zwischendrin bekommt Nathan Fillion immer wieder Raum zu Hochform aufzulaufen, sein großes komödiantisches Talent unter Beweis zu stellen und sein Charmeur-Image ordentlich auf die Schippe zu nehmen. Doch Castle ist bei weitem kein reines Fillion-Vehikel. Auch seine Co-Stars bekommen schnell Gelegenheit, für Lacher und große Momente zu sorgen. So entwickeln vor allem Seamus Dever und Jon Huertas als Becketts Kollegen Ryan und Esposito eine unbezahlbare Dynamik und liefern herrliche Running Gags. Wer genau darauf achtet: Detective Kevin Ryan hat in fast jeder Folge mindestens einmal eine Ausgabe eines Richard-Castle-Romans in der Hand.
Apropos Richard-Castle-Roman: Der erste Nikki-Heat-Roman, den Castle im Laufe der Serie schreibt, gibt es inzwischen zu kaufen. Der Titel: Heat Wave (Hitzewelle). Die kreativen Köpfe hinter der Show machen sich einen Spaß daraus, den fiktiven Castle zum echten Schriftsteller zu stilisieren. Wer den Roman tatsächlich geschrieben hat, verraten sie vorerst nicht.
Während ABC für die erste Staffel der Drama-Comedy nur vorsichtige dreizehn Folgen orderte, ist der Sender von seinem neuen augenzwinkernden Hit inzwischen überzeugt. In der zweiten Staffel, die derzeit in den USA läuft, dürfen Castle und Beckett sich bereits in 22 Folgen austoben.
Castle, samstags, 20.15 Uhr, Kabel Eins