Was bitte soll das sein?
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 28.01.2010
Seit Jahren geistert der Begriff Unterschichtenfernsehen durch das Land und vernebelt uns das Hirn. Eigentlich aber gibt es gar kein Unterschichtenfernsehen. Denn gesehen wird, was gefällt, und gesehen wird, worüber sich diskutieren lässt. Mit Bildung hat das nichts zu tun.
2008 gab es den hübschen Versuch der Universitäten Oxford und Cambridge, mehr Studenten aus Arbeiterfamilien in ihre Hörsäle zu locken. Der Trick: Man wollte den Drehbuchschreibern britischer Seifenopern hübsche Dialoge unterjubeln, in denen die Darsteller von den Elite-Unis schwärmten und so mit dem Vorurteil aufräumen, nur Mitglieder der Oberschicht könnten dort studieren.
Dass auch dieser Versuch davon ausging, es gebe überhaupt so etwas wie Unterschichtenfernsehen, spricht nicht gerade für die Weltanschauung der zuständigen PR-Abteilungen. Doch es zeigt: Der Begriff ist weder aus dem Sprachschatz, noch aus dem Denken zu tilgen. Während Harald Schmidt, der ihn hierzulande einst prägte, ihn irgendwie wieder losgeworden ist, klebt er uns allen im Hirn und auf der Zunge, und jedes Mal, wenn man als Studierter DSDS oder Bauer sucht Frau einschaltet, fühlt man sich irgendwie schlecht deswegen.
Ausgleichende Gerechtigkeit gibt es in diesem Fall nicht. Es dürfte kaum so sein, dass sich ein Fernsehzuschauer mit Hauptschulabschluss nur deswegen besser fühlt, weil er statt seiner Daily-Soap die Kulturzeit oder statt Mein Revier den Tatort guckt.
Und doch: So etwas passiert. Natürlich passiert es, denn wo keine Grenze zu ziehen ist, hält sich auch niemand daran. Was bitte soll denn das sein, Unterschichtenfernsehen? Ist eine spannende Reisedokumentation nur deswegen höher zu bewerten, weil sie auf 3sat läuft? Und ist das Arte-Magazin Tracks, das sich mit Musikkultur beschäftigt, für Jugendliche nur deswegen nicht interessant, weil darin nicht über Lady Gaga oder Robbie Williams berichtet wird? Sind Telenovelas, die ARD oder ZDF ausstrahlen, nur aus dem Grund höherwertig, weil sie öffentlich-rechtlich produziert wurden, oder sind Anthony Bourdains kulinarische Weltreisen nur deshalb nichts für Akademiker, weil sie auf Dmax laufen? Wohl kaum.
Nicht zuletzt gibt es einen entscheidenden Knackpunkt an der nun veröffentlichten Studie, der zeigt, wie auch die Medien selbst das Fernsehverhalten mit beeinflussen: «Alle sehen alles, damit alle mit allen über alles reden können», sagt der Medienwissenschaftler Jörg Hagenah. Worüber jedoch geredet wird, was auf dem Pausenhof, in der Kantine oder zwischen zwei Vorlesungen Thema ist, bestimmt entscheidend die Presse, von der Bild-Zeitung bis zum Feuilleton. Und da durch alle Medien und Ressorts hindurch längst auch das ernsthaft debattiert wird, was Schmidt einst als Unterschichtenfernsehen titulierte, wird es eben auch gesehen. Unabhängig davon, dass nicht wenige dieser Formate einfach unglaublich unterhaltsam sind.
kas/reu/news.de
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Der Ansicht des Autors war ich vor einiger Zeit auchmal. Inzwischen sehe ich das anders. Ich bin durchaus der Meinung, dass es sowas wie Unterschichten-Fernsehen, also Fernsehen, dass hauptsächlich von der Unterschicht konsumiert wird, deren Lebenswelt darstellt. Allerdings ist das völlig unabhängig von der Darstellungsform. Casting Shows, Big Brother, Realities... es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie solche Formate auch "unglaublich unterhaltsam" sein können, wie Florian Blaschke schreibt. Die wenigsten davon allerdings im deutschen Fernsehen. Einige finden sich auf meinem Blog tvundso.com.
jetzt antwortenKommentar meldenFreilich sind nicht alle Sendungen gut, nur weil sie im öffentlich-rechtlichen oder gar bei ARTE laufen. Aber immerhin ist die Dichte qualitativ überhaupt wertiger Sendungen dort doch unbestritten höher als im Nachmittags-, Vorabend-, und Abendprogramm von RTL, RTL2 oder Sat1, um mal ein paar Beispiele zu nennen. Was von dort täglich stundenweise in die Haushalte von Millionen Menschen einer bestimmten Schicht flimmert - das ist Unterschichtenfernsehen. Das große Problem: Diese Leute glauben, was sie sehen. Stichwort: Mangelnde Medienkompetenz. Nolte hat Recht.
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