Demenz oder «Ulla-Schmidt-Komplex»?
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Die Zusatzbeiträge der Krankenkassen sind der Aufreger der Woche. Auch bei Frank Plasbergs Polit-Talkshow Hart aber fair. «Dammbruch bei den Kassenkosten – Bahn frei für die Klassenmedizin?» lautete der Titel der Sendung, bei der viele Fragen offen blieben.
Reich-Ranicki hat es am Ende seiner Sendung immer selber zugegeben. «Der Vorhang zu und alle Fragen offen.» - Aber origineller war es bei ihm allemal. Origineller, witziger und manchmal sogar aufschlussreich.
Wer ist schuld an den explodierenden Kosten im Gesundheitswesen? An den Zusatzbeiträgen, die einige Kassen von Februar an erheben? Wo muss gespart werden? Auf wessen Seite steht die neue Regierung eigentlich? Gibt es schon jetzt gute Medizin nur noch für Gutverdiener? Und treiben die Patienten selbst die Kosten als Weltmeister beim Arztbesuch hoch?
Fragen über Fragen, auf die die Talkshow-Gäste von Frank Plasberg zunächst mit der Suche nach dem Schuldigen reagierten. Fazit: Es will mal wieder keiner gewesen sein. Die christlich-liberale Koalition nicht - vertreten von Jens Spahn (CDU), gesundheitspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, und Daniel Bahr (FDP), parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium. Und die SPD auch nicht.
Deren gesundheitspolitischer Sprecher, Karl Lauterbach, beschimpfte die «beiden jungen Herren» dennoch: «Sie verstecken sich hinter Ulla Schmidt und tun so, als ob das unser Erbgut gewesen wäre.» Bahr attestierte Lauterbach daraufhin «politische Demenz» und einen «Ulla-Schmidt-Komplex». Schließlich habe er mit in der großen Koalition gesessen, als der Gesundheitsfonds und damit auch die Zusatzbeiträge beschlossen wurden.
Spahn wunderte sich über die Aufregung: «Es sind doch nur acht von insgesamt 170 Kassen, die jetzt den Zusatzbeitrag wollen. Das betrifft 7 von insgesamt 70 Millionen Versicherten.» Und wem das Preis-Leistungs-Verhältnis seiner Krankenkasse nicht passe, der könne vom Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen und wechseln, schlug Spahn vor.
Macht ein Kassenwechsel Sinn?
Ob ein Kassenwechsel allerdings Sinn macht, lässt sich bezweifeln. «Es ist doch klar, dass viele Kassen in diesem Jahr Zusatzbeiträge erheben müssen», sagte Doris Pfeiffer, Vorsitzende des Spitzenverbands der Krankenkassen. Alle Kassen müssten «über kurz oder lang» zu diesem Mittel greifen. Es fehle Geld im System: nahezu acht Milliarden Euro, von denen der Bund zwar die Hälfte übernehme. Aber die verbleibenden vier Milliarden Euro müssten eben über Zusatzbeiträge finanziert werden, sagte Pfeiffer.
Ach ja, die Kassen sind natürlich auch nicht schuld. Vielmehr die Ärzte und die Krankenhäuser, die Spahn als Schuldige der «enormen Kostensteigerung im Gesundheitswesen» ausmachte. Allerdings: Es war politisch gewollt, so Spahn, dass Ärzte und Krankenhäuser mehr Geld bekommen.
Die Hart-aber-fair-Redaktion legte die passenden Zahlen vor: Demnach haben Inhaber einer Arztpraxis im Jahr 2003 durchschnittlich 126.000 Euro brutto verdient, 2007 waren es bereits 142.000 Euro. Damit nicht genug: In den Jahren 2008/2009 bekamen die niedergelassenen Ärzte im Schnitt noch einmal 3,8 Milliarden Euro mehr Honorar von den gesetzlichen Krankenkassen. Und ab dem 1. Januar 2010 legen sie noch einmal rund eine Milliarde Euro drauf. Nur 24 Tage später melden die Kassen: Wir brauchen mehr Geld.
Wo kann gespart werden?
Wo aber lässt sich sparen? Bei den Ärzten? Nicht doch, sagt der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Dr. Frank-Ulrich Montgomery: «Wenn wir weiter gute Ärzte im System halten wollen, müssen wir sie auch gut bezahlen.»
Bei den Patienten, die laut einer Studie zu oft, im Durchschnitt 18 Mal im Jahr, zum Arzt gehen? Auch nicht. Da waren sich alle Gäste einig. «Es ist ein hohes und unantastbares Gut, dass man in Deutsclhand sehr leicht zum Arzt gehen kann und dass es eine wohnortnahe Versorgung gibt», sagte Bahr. Vielmehr müsse die Politik Anreize setzen, «damit die Versicherten kosten- und gesundheitsbewusst mit den Ressourcen umgehen».
Wie wäre es dann mit der Pharmaindustrie? Schließlich sind die im internationalen Vergleich sehr hohen Arzneimittelkosten auch ein Grund für die Finanzprobleme der Kassen. Die Preise legen die Konzerne in aller Regel selbst fest. «Sobald in Deutschland ein Medikament zugelassen ist, kann jeder Arzt dieses Medikament verordnen – und die Kassen müssen zahlen», sagte Pfeiffer.
«Die Ärzte wären froh, wenn die Pharmaindustrie endlich in ihre Schranken verwiesen würde», meinte Montgomery. Warum musste dann deren größter Kritiker gehen?, fragte Plasberg und spielte damit auf den Rauswurf von Peter Sawicki, Noch-Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), an. Der habe doch «mit seiner Aura» selbst zu seiner Ablösung beigetragen, entgegnete Montgomery und ergänzte: «Wir brauchen einen objektiven Menschen an der Spitze dieses Instituts. Keinen Pharmakritiker.»
Das wollte Lauterbach nicht so stehen lassen. Was Montgomery fordere, sei in etwa so, als wünsche man sich «einen Priester, der nicht gläubig sein darf». Denn, so der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion: «Jeder, der diesen Job macht, ist automatisch ein Pharmakritiker.» Schließlich sei es die Aufgabe des IQWIG, neue Arzneimittel auf Wirksamkeit und Nutzen zu prüfen.
Sawicki selbst nahm nicht an der Debatte teil. Aber ein Interview wurde eingeblendet, das Plasberg vor der Sendung mit ihm geführt hatte. Darin bezeichnete der Institutsleiter die Macht der Pharmalobby als riesig. «Die Pharmaindustrie beeinflusst alles: Politiker, Gremien, Zulassungsbehörden, Ärzteorganisationen, Ärzte und auch Selbsthilfegruppen. Jede einzelne Etage wird beeinflusst in die Richtung des Umsatzes», sagte Sawicki. Versuche, auch ihn zu beeinflussen, habe es auch gegeben. «Nur irgendwann mal hatte man aufgegeben.»
Wege aus dem Dilemma im Gesundheitswesen wurden bei Plasberg nur am Rande diskutiert. Und ein Zuschauer, der die acht Euro Zusatzbeitrag gerne zahlt, wurde auch nicht gefunden. Nur einen, der vier Euro zahlen würde, wenn Arbeitgeber oder Philip Rösler, Schmidts Nachfolger, den Rest übernehmen.
Vielleicht ist sie ja die Schuldige: Ulla Schmidt. Der Name der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin fiel auffällig oft während der Sendung. So oft, dass Moderator Plasberg mit Zusatzbeiträgen für jeden drohte, der ihren Namen noch einmal nennen sollte. Am Ende aber bedankte sich Plasberg bei der Frau, die gar nicht zu Wort kam, aber für reichlich amüsante Momente sorgte.
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Ein Fall für's Kartellamt? Kanzlerin Merkel hat kein Verständnis für die Gebührenpolitik der mehr ...
Acht gesetzliche Krankenkassen kündigen Zusatzbeiträge an. Was Versicherte jetzt tun mehr ...
Die Krankenkassen meinen, es gehe ihnen schlecht. Die DAK hat bereits Zusatzbeiträge mehr ...
Gesetzlich Versicherte müssen bald Zusatzbeiträge bezahlen. Als erste Kasse kündigt die Deutsche BKK den Schritt mehr ...
Therapie kostenfrei: Krankenkassen sollen künftig Entwöhnungskuren für Raucher mehr ...
Den Krankenkassen fehlen voraussichtlich vier Milliarden Euro. Gesetzlich Versicherte müssen sich auf Zusatzbeiträge mehr ...
Leserkommentare (11)
Schon mal darüber nachgedacht,das sich jeder seinen Beruf und seinen Weg selber aussucht!Schon mal darüber nachgedacht,das auch andere Freiberufler 70 und noch mehr Stunden arbeiten.Schon mal darüber nachgedacht,das der Beruf nicht nur Geld,sondern auch Erfüllung und Zufriedenheit bedeuten!Schon mal darüber nachgedacht,das Beruf auch Anerkennung und nicht nur Neid bedeuten? Wenn dich nur die Neider beschäftigen,bist du eine arme Sau!
jetzt antworten Kommentar meldenBitte diesen Rat an den Herrn Kauder von der cdu,der versucht gerade von der realen beschissenen Bundespolitik auf Nebenkriegsschauplätze auszuweichen!
jetzt antworten Kommentar melden-Schon mal drüber nachgedacht, dass ein Mediziner mehr als 10 Jahre Ausbildung braucht, in der er nichts verdient sondern nur viel Geld investiert? -Schon mal drüber nachgedacht, dass Menschen ein Recht auf Urlaub und Erholung haben, auch die angestellten Mitarbeiter,-so um die 6 Wochen, wie jeder Arbeitnehmer? -Scjon mal drüber nachgedacht, dass Ärzte in der Regel eine 60 Stunden- Woche haben (Hausbesuche und Büroarbeit eingeschlossen)? Mit solchem Neiddenken ist nichts geholfen und setzt am falschen Punkt an
jetzt antworten Kommentar meldenBei uns in Brandenburg muss jeder Schüler, der mehr als drei Tage in der Schule fehlt, z.B.bei einem grippalen Infekt, muss er ein ärztliches Attest in der Schule vorweisen. Solcher und anderer Schwachsinn treibt die Gesundheitskosten in die Höhe und erzieht schon früh zum Arztgängertum. Karte vorweisen und alles ist umsonst verschärft dies noch, würde jeder, der eine Leistung beansprucht eine Rechnung bekommen, die später erstattet wird, gingen die menschen und auch die Behörden verantwortungsvoller mit den zur verfügung stehenden Mittel um.
jetzt antworten Kommentar meldenAbsolut auch meine Meinung!Ich nehme nur das Beispiel unseres Nachbarn Österreich: eine starke Gebietskrankenkasse und eine gute,zeitgemäße Krankenversorgung!Auch andere europäische Länder (ich nenne bewußt jetzt keine Namen!)haben dieses Problem seit Jahrzehnten "im Griff"!Ich möchte gar nicht wissen -was so ein Krankenkassen-Vorstand verdient (oder der obere Verwaltungswasserkopf wird immer größer und teurer)!aber wenns nicht langt-wir können ja noch Zusatzbeiträge verlangen-da fehlts doch! Mein Tipp: Zusatzbeiträge einfach nicht bezahlen und beim Sozialgericht Einspruch erheben...
jetzt antworten Kommentar melden