Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Der Titel ist natürlich eine Zumutung: Zivilcourage – das klingt nach Schulfunk und unterdrücktem Gähnen. Schon krallen sich die Finger um die Fernbedienung. Der Daumen zuckt. Doch halt! Götz George spielt einen Altlinken, der im Kreuzberger Kiez unter die Realitätsdusche gestellt wird. Könnte interessant werden.
Wegsehen und weitergehen oder stehen bleiben und einschreiten: Manchmal stellt einen das Leben vor glasklare Alternativen. «Die meisten Menschen hätten weggeschaut», wird ein Polizist dem Mann mit dem Cord-Jackett später sagen. Doch Peter Jordan (Götz George) hat nicht weggesehen. Diesmal nicht. Er geht dazwischen, als der halbwüchsige Afrim (Arnel Taci) einen Obdachlosen fast totprügelt. Jordan erstattet Anzeige. Ein Schritt mit Folgen. Sein Leben wird ihm nach dieser Entscheidung um die Ohren fliegen.
Es war ein gutes Leben, das Jordan bisher führte. Vielleicht auch nur ein bequemes. Mit den Gitterstäben vor den Fenstern gleicht sein Antiquariat in Berlin-Kreuzberg einer Trutzburg des Geistes. Oder aber einem Gefängnis, wie es Kiez-Göre Jessica (Carolyn Genzkow) wenig schmeichelhaft formuliert. Die Schule hat sie zu einem Zwangspraktikum bei Jordan verdonnert. Außerdem ist sie die Freundin von Schläger Afrim – eine Drehbuchidee, die besser ist, als man zunächst vermuten könnte.
Den Fleck wird er nicht mehr los
Dieser Peter Jordan ist ein Bücherstreichler, einer, der die Realität da draußen längst verdrängt hat und deshalb halbblind durchs Leben schleicht. Wie Götz George das spielt, diese Mischung au Naivität und Konsequenz – das ist schon große Schauspielkunst. Da will sich jemand nicht beflecken lassen von der Gewalt. Wunderbar die Szene, in der sich der Antiquar das Blut des halbtoten Obdachlosen von den Händen wäscht. Der angewiderte Blick, die Angst in den Augen. Als er Blut auf seinem Hemd sieht, stellt er sich in voller Montur unter die Dusche. Doch irgendwie wird er den Fleck nicht mehr los. Es ist ein bisschen wie bei Lady Macbeth. Einmal mit der brutalen Realität kontaminiert, bleibt er ein Gezeichneter.
Die alten 68er-Kumpel sind da auch keine Hilfe mehr. Ex-Sponti Klaus (Hansjürgen Hürrig) spuckt nach ein paar Gläsern Rotwein große Töne, faselt etwas davon, dass nur noch beruflich qualifizierten Ausländern der Zuzug nach Berlin gestattet werden sollte. Eine hübsche Idee von Drehbuchautor Jürgen Werner, dem Altlinken eine zweifelhafte Idee von Berlins ehemaligem Finanzsenator Theo Sarrazin in den Mund zu legen. Mit einigen lakonischen Sätzen werden auch gleich noch ein paar linke Lebenslügen abserviert. Denn als Afrims Bruder Dalmat (Marko Mandic) und seine Gang auch ihn bedrohen, kneift der Maulheld. «Ich muss nichts mehr beweisen. Ich bin früher vor keinem Wasserwerfer davongelaufen», versucht er sich zu rechtfertigen. «Was haben wir denn riskiert – außer einem Schnupfen», entgegnet Jordan.
«Was ist das, was in uns mordet, lügt, stiehlt?»
Ein starker Satz in einem starken Film (Regie: Dror Zahavi), in dem es keine klaren Fronten gibt. Natürlich ist Peter Jordan eine Identifikationsfigur, einer, der Zivilcourage zeigt und auch die Konsequenzen trägt. Er wird bedroht und zusammengeschlagen. Afrims Bruder verwüstet seine Wohnung – und trotzdem bleibt Jordan standhaft. Der Film zeigt aber auch ein gewisses Verständnis für die Gegenseite, etwa für Dalmat, der im Kosovo seine Eltern sterben sah und nun in Deutschland keine Chance für einen Neuanfang erhält.
Am Ende lässt Jordan die Gitterstäbe an den Fenstern seines Ladens abmontieren. Er will sich nicht länger vor der Realität verschanzen. Trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack. «Was ist das, was in uns mordet, lügt, stiehlt?», zitiert Jordan einmal Georg Büchner. Eine Antwort gibt es nicht. Zivilcourage zeigt stattdessen, wie schnell Gewalt eskalieren kann. Auch eine bittere Lehre für einen Mittwochabend.
Zivilcourage, Mittwoch, 27. Januar, 20.15 Uhr, Das Erste
bla/news.de
Bei dem Thema "Gewalt" von noch nicht Erwachsenen wird nach Prof. Pfeifer unterstellt, dass erlebte Gewalt in der Jugendzeit dafür verantwortlich ist. Widersprülich dazu: in der Zeit der körperlichen Züchtigung war entsprehende Gewalt Jugendlicher sehr gering (Dressur?). Noch wichtiger scheint mir aus eigener Erfahrung zu sein, dass eine Akzeptanz des gesellschaftlichen Umfeldes wesentliche Voraussetzung für eine Akzeptanz ihrer Regeln ist. Es erklärt jedenfalls den hohen Anteil Zugewanderter an der Kriminalitätsrate und an Jugendgewalt, insbesondere bei Konzentration von Zuwanderern in Gettos.
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