Wirrkopf im Flammeninferno
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Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Artikel vom 27.01.2010
Unter dem Käppchen das wüste Haar: Guy Ritchie inszeniert Sherlock Holmes als genialen Chaoten - ganz ohne Cape und karierte Mütze. Den scheucht er durch Explosionen, Faustkämpfe und Verfolgungsjagden.
Nein, er ist kein Gentleman. Der Sherlock Holmes in Guy Ritchies gleichnamigen Film haust in einer düsteren Rumpelkammer, in der sich Fernrohre, Erlenmeyerkolben und Bücher bis zur Decke türmen. Dieser Holmes trägt auch kein bieder-kariertes Käppchen, sondern verknitterte Hemden und speckige Jacketts, die er sich mit Vorliebe aus dem Kleiderschrank seines Freundes Watson stibitzt. Der Holmes in Guy Ritchies Film Sherlock Holmes sieht stets so aus, als sei er gerade aus dem Bett gefallen und habe sich an Garderobe zusammengeklaubt, was gerade in Griffweite auf dem Boden lag. Allein die langstielige Pfeife hat er sich bewahrt.
Robert Downey Junior verleiht dem etwas angestaubten Sherlock Holmes einen kräftigen Schuss genialen Irrsinns. Wer in Sekundenschnelle aus Kohlekrümelchen, Flusen und Zettelchen Charakterzüge und Lebensgeschichte seines Gegenübers rekonstruiert, dem brennen leicht auch mal ein paar Sicherungen durch. Dieser Holmes ist wirr, im und wie auf dem Kopf.
Ist der Meister der logischen Kombination nicht ausgelastet, kommt er auf dumme Ideen: Er nimmt Drogen, macht merkwürdige Experimente mit Fliegen, atonalen Tonleitern und chromatischen Harmonien oder betäubt seinen Hund mit Narkosemitteln. Gut, dass Fiesling Blackwood ihn auf andere Gedanken bringt. Der Falco-Verschnitt macht einen auf übersinnlich, tötet mit viel Hokuspokus und das sogar aus dem Jenseits. Da kommt natürlich nur Holmes als ebenbürtiger Gegner in Frage, für den Blackwood küchenpsychologische Sprüche wie «Unter der Maske ihrer Logik spüre ich Zerbrechlichkeit» parat hat.
Wer sich auf gepflegte Unterhaltungen im lupenreinen Oxford-Englisch bei einer Tasse Tee freut, wird bitter enttäuscht werden: Guy Ritchie stülpt dem Holmes-Stoff ein Actionfilm-Kostüm über, das leider nicht so recht passen will. Ständig explodiert irgendetwas, Menschen rennen von A nach B, gern auf der spektakulären Baustelle der London Bridge, ob die Schlägerei jetzt Sinn macht, oder nicht: Hauptsache es knallt. So dürfen wir Robert Downey Jr. mit blankem Oberkörper bei einem Faustkampf bewundern. Eine geifernde Masse drumherum heizt die Stimmung ein. Warum dieser Kampf? Egal. Es ist ein Anlass für matrixmäßige Kameratricks: Holmes erklärt, welche Technik er anzuwenden gedenkt, während wir in Zeitlupe beobachten dürfen, wie sich seine Faust in den Kiefer des Gegners bohrt. Und weil's so schön war, zeigt Guy Ritchie das Ganze dann noch einmal in Echtzeit.
Dialoge wie Maschinengewehrsalven
Schade nur, dass er mit den Dialogen nicht genauso verfährt. Damit der Zuschauer ja nicht vergisst, dass das ein temporeicher Actionfilm ist, werden Sätze wie Maschinengewehrsalven abgefeuert. Was haben die gerade gesagt? Nicht so wichtig, denn jetzt explodiert schon wieder irgendetwas und Watson ist längst wieder verschwunden. Hauptsache, es wummst und die beiden Hauptdarsteller sehen dabei mächtig lässig aus.
Das Grundprinzip versteht man auch ohne Dialoge: Sherlock Holmes ist ein Cleverle und versucht dem finsteren Gesellen Blackwood das Handwerk zu legen. Der ist eigentlich schon tot und hat auch sonst ziemlich viel übersinnlichen Schnickschnack auf Lager.
Was ein richtiger Blockbuster sein will, braucht selbstredend auch was fürs Herz: Mit Frauen hat es Sherlock Holmes nicht so, das liegt aber nicht etwa an einer angedichteten homosexuellen Neigung, sondern weil er gern übers Ziel hinausschießt. Er schafft es innerhalb weniger Minuten, eine Frau derart auf die Palme zu bringen, dass sie ihm ihren Wein ins Gesicht schüttet. Nur eine Dame in einem rasanten Seidenkleid und blutrotem Mund kann ihn aus der Fassung bringen – dumm nur, dass sie die einzige Verbrecherin ist, die es schafft, Holmes zu überlisten.
Jude Law und Robert Downey Jr. sind als Holmes und Watson aber auch ein schönes Paar: Robert Downey Jr. spielt das verpeilte Genie mit köstlicher Selbstironie – leider überspannt er den Bogen manchmal zu sehr. Jude Laws Watson funktioniert eigentlich nur als adretter Sidekick für Holmes: Er darf pikiert über Holmes Zerstreutheit mosern und ihn aus Bredouillen retten. Weil er stets aussieht, wie aus dem Ei gepellt, bildeter er einen schönen Kontrast zum zerknitterten Holmes. Ansonsten ist Watson ein Langweiler, da hilft es auch nicht, dass Jude Law ihn spielt, den man hinter dem bürstenartigen Schnauzer ohnehin kaum erkennt. Hätte Guy Ritchie doch etwas mehr auf die Leistung der Schauspieler vertraut, statt London in Schutt und Asche zu legen.
Titel: Sherlock Holmes
Regie: Guy Ritchie
Darsteller: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams, Mark Strong
Verleih: Warner
Filmlänge: 128 Minuten
FSK: 12 Jahre
Kinostart: 28. Januar 2010
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