So., 27.05.12

Der Fall Kampusch 25.01.2010 Geiselhaft der Medien

Natascha Kampusch (Foto)
News.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann

Der österreichische Boulevard macht Natascha Kampusch das Leben zur Hölle. Gut, dass sie einige Dinge ins rechte Licht rückt. Jetzt es ist Zeit, sie in endlich Ruhe zu lassen, meint news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann.

Es war eine fatale Entscheidung von Natascha Kampusch, ihr Gesicht nach der Flucht aus dem Verlies des Wolfgang Priklopil im Fernsehen zu zeigen. Ein normales Leben wird sie nicht mehr führen können. Weil sie das Erlebte ein Leben lang verfolgen wird, aber auch, weil sie in der Öffentlichkeit keinen Schutz mehr finden kann. Überall, wo Natascha Kampusch auftaucht, wird sie diesem Stempel begegnen: «Gewaltopfer». Aus dem Verlies ihres Entführers floh sie in die Geiselhaft der Medien.

Wer zum Teufel hat ihr nur zu diesem fatalen Schritt geraten? Wer schützt eigentlich das Opfer vor sich selbst? Kurz nach ihrer Befreiung war Frau Kampusch sicher nicht in der Lage, die Tragweite ihres öffentlichen Auftritts zu überschauen. Kaum jemand wäre fähig, in einer solchen Ausnahmesituation eine reflektierte Entscheidung zu treffen. Nicht ohne Grund gilt für die Medien der Opferschutz: Das Wohl des Opfers und die Chance auf ein normales Leben stehen über dem öffentlichen Interesse an Information – keine Namen, keine Gesichter. Das sieht der österreichische Boulevard aber leider nicht so eng. Jedes Detail aus ihrem Leben wird öffentlich breit getreten, hinter jeder Ecke lauern Paparazzi.

Die Menschen sind geschockt und versuchen, die ungeheuerliche Tat zu verstehen, deshalb ist der Hunger nach Details groß. Doch in diesem Fall sollte das eigene Bedürfnis zu verstehen, wie es zu diesem Verbrechen kommen konnte, hinter dem Wohl des Opfers zurückstehen.

Für Natascha Kampusch dürfte es schwer genug sein, ihr Leben in den Griff zu bekommen – unter den gierigen Augen der Öffentlichkeit hat sie kaum eine Chance, das Erlebte zu vergessen. Sie kann nur hoffen, dass möglichst schnell Gras über die Sache wächst und ihr Gesicht im medialen Gedächtnis verblasst.

Dass sie jetzt noch einmal vor einer Kamera Stellung bezieht, war dennoch eine kluge Entscheidung. Sie will grassierenden Gerüchten über Kinderporno-Ringe oder Sado-Maso-Komplotte den Wind aus den Segeln nehmen, zeigt uns aber auch, wie schutzbedürftig sie ist. Diese Dokumentation rückt die Verhältnisse wieder zurecht und macht klar: Natascha Kampusch ist das Opfer und sie braucht die Unterstützung der Öffentlichkeit, um wieder ein würdevolles Leben führen zu können. Keine Spendengala, kein Blitzlichtgewitter, sondern die Gnade der Ruhe und die Chance auf ein normales Leben.

bla/reu/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • IPA Wien
  • Kommentar 1
  • 26.01.2010 11:47
 

Das schreckliche Verbrechen ist verknüpft mit schrecklichen Polizeifehlern, die erst nach ihrer Selbstbefreiung bekannt wurden. Die amtliche Evaluierungskommission missbrauchte ihren Auftrag dazu, um mit einer regelrechten Medienkampagne und ständig neuen voyeuristischen Unterstellungen das Opfer zu attackieren und die Polizeifehler mit lächerlichen Begründungen herunterzuspielen. Diese Doku hat ihr ihre Würde wiedergegeben und das amtliche Verbrechen des Rufmordes an ihr als das entlarvt, was es ist, begangen von Repräsentanten des Staates, der sie eigentlich schützen sollte.

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