Eiskalte Bengel
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Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Artikel vom 24.01.2010
Krieg im Klassenzimmer: Es wird gemobbt und gemordet. Ein Schüler stirbt auf einem Parkdeck. Hilflos heißt dieser Tatort. Hilflos sind auch Kappl und Deininger. Der fünfte Fall des Duos liefert bedrückende Nahaufnahmen vom Kampfplatz Schule.
«Ich wollte doch nur, dass alles wieder normal ist», wimmert der Täter, als es vorbei ist. Was für ein verräterischer Satz! Normalität – das bedeutet in diesem Fall Mobbing und Gewalt im Klassenzimmer, Lehrer, die sich hinter bürokratischen Vorschriften verschanzen und Eltern, die nicht wissen, wo sich ihre Kids nachts herumtreiben.
Selbstverständlich gilt auch im Mikrokosmos Schule eine strenge Hierarchie. Es gibt Anführer und Mitläufer. Und es gibt die Prügelknaben. Einer dieser Außeneiter ist jetzt tot. Genickbruch nach einem Sturz in die Tiefe, stellt Gerichtsmedizinerin Rhea Singh (Lale Yavas) fest. Der Schüler David Cullmann wurde vor seinem Tod offenbar brutal zusammengeschlagen. Gefunden hat ihn sein einziger Freund Tobias (Sergej Moya), auch er ein Außenseiter und ein Typ, mit dem sich Kappl (Maximilian Brückner) und Deininger (Gregor Weber) noch intensiv beschäftigen werden.
Gewalt in der Schule – eigentlich ein klassisches Thema für einen Tatort. Leicht ließe sich daraus eine kriminalistische Sozialstudie machen, mit einem Kommissar, der undercover als Lehrer ermittelt. Im Tatort hat es dies tatsächlich schon gegeben. Hilflos (Regie: Hannu Salonen, Buch: Stefan Schaller und Sabine Radebold) geht anders vor. Besser. Intelligenter. Denn Gewalt an der Schule lässt sich eben nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. «Sobald du eine Erklärung lieferst, werden fünf andere Möglichkeiten dadurch negiert, dass du eine gewählt hast», hat Gus Van Sant über seinen Film Elephant gesagt.
Mit Elephant, der den Amoklauf zweier Schüler an der Columbine High School fiktionalisierte, teilt dieser Tatort die tiefe Skepsis gegenüber Deutungen. Was am Ende bleibt, ist Ratlosigkeit. Bei den Kommissaren wie beim Zuschauer. Hilflos ist einer der emotionalsten Fälle, die es in den letzten Monaten zu sehen gab. Und gerade deshalb bedarf der Film einer besonders nüchternen formalen Gestaltung.
Die Lösung, die das Drehbuch anbietet, ist so einfach wie effektiv. Hilflos wird als Rückblende erzählt. Zu Beginn des Films stehen Kappl und Deininger am Fenster des Kommissariats. Draußen, auf der Straße, wird ein Sarg weggetragen. «Alles in Ordnung?», fragt Deininger den Kollegen. «Passt scho’», sagt Kappl, der ins Bayerische verfällt, wenn ihm etwas an die Nieren geht. Gar nichts passt. Um den Kopf frei zu bekommen, schreibt er das Protokoll des Falls. Glasklar und nüchtern, wie Polizeiprotokolle eben sein müssen. Entscheidende Sätze daraus dienen als Off-Kommentar. Die Worte reiben sich an den Bildern, was gleichzeitig Spannung und Distanz erzeugt.
Der kühle Blick geht einher mit einer Konzentration auf das Wesentliche, die im Tatort selten geworden ist. Der Fall gönnt den Ermittlern keine Schlenker ins Private. Alles, was ablenkt, wird abgewürgt, wie der Anruf von Kappls Vater, der sich nach dem Liebesleben des Sohnes erkundigen will. Stattdessen besteht ein Großteil des Films aus Verhörszenen, aus dem Psycho-Duell der Kommissare mit dem einzigen Freund des Mordopfers, mit Tobias Rothgerber.
Kappl und Deininger spielen das alte Polizei-Spiel – Good Cop, Bad Cop. Die Rolle des Provokateurs übernimmt dabei meist Kappl. Er traut dem Jugendlichen, der beharrlich schweigend vor ihm sitzt, auch einen Mord an seinem besten Freund zu. «Armes Schwein, Loser», so nennt ihn Kappl gegenüber Deininger. Doch in Tobias steckt mehr. Sergej Moya arbeitet die Ambivalenz dieses Charakters sehr eindringlich heraus. Ganz allmählich erschließt sich das Geheimnis des jungen Mannes. Die Trennlinie zwischen Opfer und Täter verliert ihre Eindeutigkeit. Auch Erniedrigte und Beleidigte wissen sich zu wehren, wie sich zeigen wird.
Am Ende steht ein letzter Akt der Verzweiflung und ein Ermittler-Duo, das den Fall zwar gelöst hat, seine Erschütterung aber nicht verbergen kann. Wenn sich ein guter Tatort daran bemisst, dass er mehr Fragen aufwirft als beantwortet, dann ist Hilflos ein guter. Ein sehr guter sogar.
Tatort: Hilflos, Sonntag, 24. Januar, 20.15 Uhr, Das Erste
bla/news.de
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