Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Tocotronic hat ein neues Album gemacht: Schall und Wahn. Schlagzeuger Arne Zank und Gitarrist Rick McPhail sprechen mit news.de über Fieberträume, Rebellentum und Castingshows.
Das neue Album Schall und Wahn wird in der Ankündigung als Fiebertraum bezeichnet. Eignet es sich als Soundtrack zur Schweinegrippe?
(beide lachen)
Arne Zank: Lieber nicht! Wenn man fiebrig zu Bette liegt, sollte man wohl besser beruhigendere Sachen hören. Das ist vielleicht zu aufregend, was wir da zelebrieren. Für dieses Album waren wir interessiert an der Idee, dass die Musik uns spielt, statt dass wir die Musik spielen. Das ging ein bisschen ins Rauschhafte, wir haben gar nicht bemerkt, was da eigentlich passiert ist - innerhalb der Band, beim Proben und beim Arrangieren der Stücke. Das drückt ganz gut aus, wie intensiv wir an der Musik gearbeitet haben: In kurzer Zeit, straff und ziemlich schnell arrangiert.
In einem Ihrer Songs heißt es «keine Meisterwerke mehr». Ist das eine Drohung?
Rick McPhail: Das ist eine Reaktion auf das Vorgängeralbum Kapitulation, das so als Meisterwerk gefeiert wird - auch von uns selbst und das war eigentlich gar nicht so ernst gemeint, ist aber sehr sehr ernst genommen worden.
Also eine Rebellion gegen die Erwartungshaltung?
McPhail: Ja, denn man überlegt ständig, was man macht und ob der Mensch das überhaupt braucht, ob er Musik braucht oder ob man überhaupt eine Tocotronic-Platte braucht.
Und? Braucht man eine Tocotronic-Platte?
McPhail: Wir haben das anscheinend gebraucht.
Zank: Das hat auch einen konkreten Hintergrund: Dirk von Lowtzow, der die Texte schreibt, war so begeistert von Jack Smith, einem Künstler, der fragmentarisch gearbeitet hat und der sich, weil er Sachen nicht zu Ende gebracht hat, einem Verwertungszusammenhang in der Kunst verweigert hat. Das sind so Strategien, die man dann einfach sehr schön findet.
Das aktuelle Album ist nach Die pure Vernunft und Kapitulation der letzte Teil der Berlin-Triologie. Was verbindet diese drei Alben miteinander?
McPhail: Dass wir sie in Berlin aufgenommen haben.
Zank: Dieses Fragmentarische, dass wir mit Moses Schneider zusammen gearbeitet haben, dass Rick jetzt als richtiges Bandmitglied bei den Platten dabei ist und..
McPhail: … dass sie in den Studios abgemischt worden sind, wo die Bowie-Platten, die so genannte Bowie-Triologie abgemischt wurden.
Eigentlich dürfen Sie dann das nächste Album nicht mehr in Berlin aufnehmen, wenn die Berlin Triologie abgeschlossen ist, oder?
Zank: Hmm, ja. Mal gucken.
McPhail: Das kriegt keiner mit, dann sagen wir halt, wir waren in Memphis.
Ist denn damit etwas abgeschlossen? Kommt jetzt was ganz Neues?
Zank: Ja, das Gefühl haben wir jetzt. Wir haben die drei Platten ziemlich schnell hintereinander produziert und jetzt ist nicht nur das Album fertig, sondern wir haben einen Bogen über diese drei Platten geschlagen und da funktionieren viele Querverweise. Wir haben anfangs natürlich nicht, als wir Die pure Vernunft-Platte gemacht haben, gesagt, jetzt müssen wir noch zwei Platten machen, damit eine Triologie dabei herauskommt.
Aus den Titeln lässt sich ja auch eine schöne Verknüpfung herstellen: Auf „Die pure Vernunft“ folgte die „Kapitulation“ und jetzt könnte man logisch schließen, dass aus der Kapitulation der Vernunft der Wahn folgt.
Beide: Ja, genau!
Sprache, Klangtemperatur und Phonetik des neuen Albums sind recht düster, teilweise sogar aggressiv und melancholisch. Sind Sie selbst auch Melancholiker?
Zank: Das ist eigentlich weniger ein Ausdruck von innersten Gefühlszuständen, sondern das ist Musik, die man selber auch gern von einer Rockband hören möchte. Da ist eher Rebellentum, ein Anrennen gegen die Zustände.
Was für Zustände sind das denn konkret, gegen die Tocotronic rebelliert?
McPhail: Das muss nicht unbedingt etwas Konkretes sein. Zum Teil wissen wir das selber auch nicht. Also, prinzipiell ist es erwünscht, dass man gegen alles ist.
Zank: «Fuck it all» hatten wir das letzte Mal als Wahlspruch, das ist so eine Anti-Anti-Anti-Haltung. Aber düster? So dunkle Aspekte gibt es auf jeden Fall und man versucht auch immer ein Gegengewicht herzustellen, zwischen Musik und Text.
Der Titel des neuen Albums Schall und Wahn ist einem Buch von William Faulkner entlehnt. Faulkner hat dieses Buch als Aufbruch zu künstlerischen Wagnissen gesehen. Ist das etwas, das Sie auch für das Album beanspruchen?
Zank: Wir sind natürlich zu bescheiden, um so etwas selbst zu sagen, aber natürlich ist es immer gewagt, sich Aufgaben zu stellen, bei denen man überrascht wird und Lücken für Improvisation zulässt. Dass man dem so einen avantgardistischen Anstrich geben möchte.
Warum haben Sie den Titel gewählt, warum beziehen Sie sich auf Faulkner?
McPhail: Weil Dirk das interessant fand, der nimmt gern so Sachen an. Die deutsche Übersetzung Schall und Wahn ist ja auch eigentlich nicht ganz richtig, denn im Englischen heißt das Buch The Sound and the Fury und «Fury» ist nicht Wahn. Außerdem wurde Schall und Wahn von Shakespeare geklaut, von dem man ja mittlerweile auch nicht mehr so genau weiß, ob er seine Werke wirklich selbst geschrieben hat. Wir fanden es interessant, mit diesen Bedeutungen zu spielen.
Zank: Und es klingt einfach gut.
Ihre Texte sind zunehmend verrätselt. Kann man Tocotronic eigentlich noch ohne Literaturstudium verstehen?
McPhail: Ja, klar. Das sind doch Wörter, die jeder versteht. Es ist nicht wichtig, zu wissen, welches Zitat woher stammt.
Zank: Dirk hat das Buch auch nicht gelesen, bevor er den Titel Schall und Wahn geschrieben hat. Und es geht nicht darum, dass man Leute belehren will, das finde ich einen ganz grausamen Eindruck, der da entsteht, denn man muss überhaupt nichts kapieren. Man kann das laut oder leise hören - gerne laut. Man kann dazu Pogo tanzen. Man kann sich ein Bier dazu aufmachen oder einen Rotwein. Das ist ganz wurscht.
Nervt es Sie, immer als Intellektuelle des Gitarrenpop herhalten zu müssen?
Rick: Das Wort «intellektuell» wird so oft als negativer Stempel benutzt. Wir haben keinen Bock auf Anti-Intellektualismus. Das ist ja in allen möglichen Medien so, sei es auf einer Rockplatte, im Film oder im Fernsehen: Alle werden für dumm gehalten, wie kleine Kinder behandelt.
Zank: Viele Medienschaffende denken, dass wenn Popmusik oder Popkultur viele Leute interessieren soll, muss es dumm sein. Das imaginäre Publikum will man vielleicht gar nicht so genau definieren und sich auch nicht so genau vorstellen, aber auf jeden Fall nehmen wir es ernst.
Rick: Und wenn jemand sagt «Ich versteh die Texte nicht», dann sag ich «Wieso muss man die verstehen?»
Zank: Nur weil das deutsche Texte sind, wollen wir nicht unbedingt verständlich sein, aber auch nicht extra verrätselt.
Sie haben ja eben von Verdummung gesprochen und dass Zuschauer nicht ernst genommen werden.Was haltet Sie von Castingshows?
McPhail: Damit habe ich kein Problem und ich glaube schon, dass die ernst genommen werden.
Zank: Ich finde, das ist ein menschenverachtendes Format. Grauenhaft, wie da mit Menschen umgegangen wird.
McPhail: Ja, aber man muss auch sehen, was die Kandidaten dafür bekommen. Sie unterschreiben einen Vertrag und verkaufen ihren Arsch. Die wissen, was sie da tun.
Zank: Das ist aber nicht so die Art von Showgeschäft, die wir gerne mögen.
McPhail: Mich nervt, dass ständig kritisiert wird, gecastete Bands seien nicht authentisch - Rockstars sind auch nicht sie selbst. Für einen guten Film wird auch gecastet.
Zank: Ja, es kann auch was ganz Schönes entstehen, wenn Menschen so zusammengewürfelt werden, auch wenn die von jemanden ganz Inkompetenten ausgewählt werden. Wir wollen uns auch nicht als ein Gegenmodell dazu stilisieren.
Könnten Sie sich denn vorstellen, in der Jury für Deutschland sucht den Superstar zu sitzen?
Beide: Nee! (lachen)
Zank: Aber ich guck mir das auch durchaus an.