Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Erbauungsliteratur opulent verpackt: Für das neue Album von Get Well Soon schickt Konstantin Gropper Seneca, Werner Herzog und Moby Dick in die Schlacht. Unterlegt mit herrlich melancholischen Sound ist das sogar sehr bekömmlich.
Eine ziemlich illustre Gesellschaft hat sich Konstantin Gropper für das neue Album von Get Well Soon geleistet: Er hat den römischen Philosophen Seneca am Schlafittchen gepackt, Filmemacher Werner Herzog herbeizitiert und auch Peter Sloterdijk und Moby Dick schauen auf der Platte mit den Titel Vexations mal vorbei.
Musikalisch errichtet Gropper reich bestuckte Ballsäle: Operettengesang, Chöre, geschmeidige Streicher und Tupfer heller Glockenspielklänge kleiden die Wände aus wie schwere Brokatstoffe. Ganz schön viel Gepäck für einen 27 Jahre alten Musiker, aber Gropper schultert das leichtfüßig, ohne mit der Wimper zu zucken. Wer's üppig, melancholisch und exzentrisch mag, wird diese Musik lieben.
Den herrlich melancholischen Sound, den Gropper uns mit seinem Debütalbum Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon bescherte, hat er in Vexations noch verfeinert. Diesmal gibt es auch Stücke, die sich in der Opulenz etwas zurücknehmen - das verleiht der Platte Struktur und lässt die einzelnen Songs klarer hervortreten.
Besonders gelungen unter den reduzierteren Titeln ist That Love: Gropper lässt seine Stimme schwer in die Worte hineinfallen, als schleppe er an seinen Stimmbändern einen Felsbrocken hinter sich her. Ein träges Schlagzeug leistet ihm dabei Gesellschaft. Das darauf folgende Stück Aureate! dreht dann wieder alle Kanäle auf: Hier ist der Gesang ornamental und verschnörkelt wie eine Blümchentapete, dazwischen tänzelt ein Cembalo und sorgt für einen kräftigen Schluck Exzentrik. Eine jazzige Bläserimprovisation lässt das Stück stimmig ausklingen.
Wüstes Haar und Gehrock
Mit viel Gefühl für Timing füllt Groppers Stimme die verrätselten Texte mit Leben: Mal schleppt sie sich schwer voran, stürzt in bodenlose Schwärze oder schwingt sich ziseliert auf. Dabei meint man Gropper in Gehrock und mit wüstem Haar durch eine unwirkliche Landschaft stapfen zu sehen.
Vexations ist ein vielschichtiges und mit viel Experimentierlust komponiertes Album, das in großen Teilen überaus gelungen ist. Im Song 5 Steps / 7 Swords setzen dann auch endllich wieder die herrlich melancholischen Balkanbläser der Vorgängerplatte ein - aber was macht diese Ghettofrau im Song? «All of us got to die one day», ruft sie übermüitig, Männer, die an brennenden Tonnen herum zu lümmeln scheinen, pflichten ihr mit «all, right» bei. Oje, street credibility hat Herr Gropper doch gar nicht nötig und die hätte er sich hier auch lieber gespart.
Nach seinem fulminanten Debütalbum Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon wurde Konstantin Gropper von der Musikpresse als Offenbarung gefeiert, sogar international. Der britische NME feierte Gropper gar als «German Wunderkind». Das heikle zweite Album wäre geschafft. Gar nicht so einfach nach all den Vorschusslorbeeren.
nak/ivb/news.de