Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Die englische Presse feiert ihn schon als «German Wunderkind». Gar nicht so einfach, unter diesem Erwartungsdruck ein neues Album zu machen. Mit news.de sprach Konstantin Gropper von Get Well Soon über Wutausbrüche, Seneca und sprachlose Fans.
Wieso heißt Ihr neues Album Vexations, zu deutsch: Ärgernisse? Haben Sie sich bei den Aufnahmen geärgert?
Gropper: Nein, ich habe das Wort gewählt, weil es nicht mehr wirklich verwendet wird, jedenfalls im englischen Sprachgebrauch und ich habe es selbst mit Inhalt gefüllt und daraus mein eigenes Kunstwort gemacht. Das umfasst, worum es in meinem Album gehen soll: natürlich auch Ärgernisse, aber auch um Ängste und Widerstände, Begegnungen.
Wie gehen Sie mit dem Erwartungsdruck um, nachdem Ihr erstes Album so erfolgreich war? Befeuert Sie das oder lähmt es?
Gropper: Bevor ich angefangen habe, an dem neuen Album zu arbeiten, habe ich mir schon meine Gedanken darüber gemacht, aber ich bin zu keinem Schluss gekommen, was die Erwartung an mich sein könnte und dann habe ich mir gedacht, dass es nichts bringt, darüber nachzugrübeln, weil ich diese Erwartungen ohnehin nicht erfüllen kann. Während der Arbeit an Vexations habe ich gar nicht mehr darüber nachgedacht, da habe ich einfach nur gemacht.
Wie haben Sie sich und ihr Leben in den vergangenen zwei Jahren verändert?
Gropper: Musikmachen ist zu meinem Beruf geworden. Das ist schon der größte Unterschied. Das heißt auch, dass ich seit der Veröffentlichung des ersten Albums ununterbrochen mit Musikmachen und Auf-Tour-sein beschäftigt war und das ist eine sehr positive Entwicklung.
Werden Sie denn auf der Straße erkannt und angesprochen?
Gropper: Also, ich werde jedenfalls nicht angesprochen. Ob ich erkannt werde, weiß ich nicht. Ich achte aber auch nicht darauf. Aber, was sollten die Leute auch zu mir sagen? Hallo, ich erkenne Dich? (lacht)
Ist das denn etwas, das Ihnen unangenehm wäre?
Gropper: Naja, wenn die Leute wirklich was zu erzählen haben, dann nicht. Aber ich stelle mir die Situation ein bisschen skurril vor, wenn mich Menschen ansprechen sollten und dann nicht wissen, was sie sagen sollen. Ich würde selbst, wenn ich jemanden erkennen würde auch nicht hingehen und sagen: «Hallo, ich kenne dich.» Was hat man denn davon?
Das neue Album wird als «Konzeptalbum zum Stoizismus» angekündigt. Was hat es damit auf sich?
Gropper: Es war so, dass mir die Stoiker über den Weg gelaufen sind, als ich angefangen hatte, das Album zu schreiben – und das habe ich dann als schicksalhaften Start gesehen. Aber ein Konzeptalbum über Stoizismus würde ich es selbst nicht nennen, das stand so im Infotext.
Was fasziniert Sie denn so an dieser Philosophie?
Gropper: Also erst einmal habe ich viele von meinen Themen darin gefunden. Senecas Schriften heißen Über die Seelenruhe, Über das glückliche Leben, Über den Zorn, Über die Kürze des Lebens und das alles ist eine Geste der Lebenshilfe. Heute werden viele Bücher über die Frage geschrieben «Wie komme ich ein bißchen besser klar im Leben?» In dieser Form sind Senecas Texte auch geschrieben: Ein Patient kommt zu Seneca und sagt «Ich bin so unausgeglichen, ich bin immer wütend» und der Philosoph gibt dann Ratschläge und so habe ich es auch immer mit Get Well Soon gesehen. Da geht es auch darum: Wie komme ich eigentlich so im Leben klar?
Wie kommt es denn, dass Sie sich ausgerechnet jetzt mit dem Stoizismus beschäftigen, einer Philosophie, die verkürzt gesagt, die emotionale Selbstbeherrschung empfiehlt? Ist das vielleicht auch Ihre Art, mit dem plötzlichen Erfolg umzugehen, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren?
Gropper: Das kann sein, dann aber unterbewusst. Dass es jetzt gerade der Stoizismus geworden ist, war eher ein Zufall.
Oft begegnen einem die richtigen Bücher zur richtigen Zeit ...
Gropper: Es kann schon sein, dass ich es unterbewusst angezogen habe. Aber ich sehe nicht die Gefahr, dass ich den Boden unter den Füßen verliere. Dafür ist es immer noch sehr viel Arbeit – aber es macht auch Spaß, so ist es jetzt natürlich auch nicht. Das klingt immer so negativ.
In dem Song Angry Young Man singen Sie von der Unfähigkeit, Zorn zu spüren. Ist das etwas, das auch mit Ihnen selbst zu tun hat?
Gropper: Das war zumindest meine Motivation, ich habe diese Unfähigkeit, beziehungsweise verspüre ich extrem selten Zorn und kann auch schlecht damit umgehen. Weil mir aufgefallen ist, dass ich kein Verhältnis zum Zorn habe, wollte ich mich damit auseinander setzen.
Ist es denn etwas Schlechtes, dass Sie keinen Zorn spüren? Mancher Choleriker dürfte Sie darum beneiden.
Gropper: Ich versuche, das wertfrei zu behandeln. Wenn ich Zeuge von Wutausbrüchen bin, ist mir das immer sehr unangenehm und deshalb finde ich es auch nicht so schlecht, dass es mir selbst selten so geht. Andererseits gibt es viele Leute, die sagen, das muss irgendwie raus, man braucht ein Ventil. Aber dieses Bedürfnis habe ich gar nicht.
Was muss denn passieren, damit Sie zornig werden?
Gropper: Viel! (lacht) Jedesmal, wenn es dann doch dazu kommt, fühle ich mich extrem schlecht – lange danach.
Ihr erstes Album war etwas persönlicher gehalten, jetzt zitieren Sie Seneca, Werner Herzog und Homer. Ist das ein Versuch, Ihre Privatsphäre vor der Öffentlichkeit zu schützen?
Gropper: In gewisser Weise schon. Auch beim ersten Album habe ich immer wieder gesagt, dass ich als Person nicht das Zentrum von Get Well Soon bin. Ich habe auch auf meinem ersten Album nicht über mein Privatleben gesungen und ich finde die Trennung von Werk und Autor sehr wichtig und richtig. Das Problem ist nur, dass das in der Popmusik sehr schwierig ist. Da geht es immer um Biografie, um Struktur, um Szene und um Motivation. Das neue Album war für mich ein Versuch, das sehr offensichtlich nicht zu bedienen. Indem ich öffentlich sage, dass das alles geliehene Ideen sind, gelingt es mir, diese privaten Dinge wieder von mir wegzuschieben.
Als Hörer von Musik oder auch Leser von Literatur neigt man aber verständlicherweise dazu, wenn einem etwas gefällt, sich den Worten nah zu fühlen und das Gesagte auch auf den Verfasser zu projizieren.
Gropper: Das ist klar. Wobei das in der Popmusik viel extremer als in der Literatur ist. Da entwickelt sich schnell so ein Personenkult, aber das habe ich auch nie so richtig verstanden. Dass man sich den Worten nah fühlt, befürworte ich, denn ich denke, dass jede Interpretation eines Hörers genauso gut ist, wie meine eigene.
Haben Sie eigentlich keine Angst, dass sich die Hörer bei den ganzen Bezügen auf Ihrem Album – Seneca, Homer, Werner Herzog – erschlagen fühlen?
Gropper: Ich schreibe ja auch keinem vor, dass er sich damit auseinandersetzen muss. Ich würde auch nie behaupten, dass man ein Album oder ein Kunstwerk nur auf eine Art und Weise richtig verstehen könnte. Die Hörer können sich mit Seneca beschäftigen oder auch nicht, aber wenn sie hören «I wanna take a ride on your disco stick», müssen sie sich damit ja auch nicht auseinandersetzen.
Seit Ihrem Debütalbum haben Sie auch einige Auftragsarbeiten gemacht. Wie war es, plötzlich unter bestimmten Vorgaben und mit einem Abgabetermin zu arbeiten?
Gropper: Ja, das war am Anfang nicht so einfach. Wenn man sonst immer nur allein arbeitet und sich selbst als Regulativ nimmt, muss man sich erst einmal daran gewöhnen, dass man nur die zweite Geige spielt und ein anderer vorgibt, wohin es gehen soll. Das ist eine ganz andere Art zu arbeiten, aber das hat seinen eigenen Reiz.
Verliert man dabei nicht eine romantische Illusion von der künstlerischen Arbeit?
Gropper: Auf jeden Fall. Die verliert man aber auch schon, sobald man Musik professionell macht.
Was für Illusionen sind bei Ihnen auf der Strecke geblieben?
Gropper: Es ist einfach ein Fulltime-Job und harte Arbeit. Zwar eine Arbeit, die großen Spaß macht und es ist natürlich großartig, dass ich machen kann, was ich will, aber es ist dennoch Arbeit. Ich habe mir das Künstlerdasein vorher romantischer vorgestellt.
Inwiefern?
Gropper: Ach, das war dieses als Bohemien in den Tag hineinzuleben und zu warten, bis die Inspiration kommt. Dafür bleibt aber nicht so viel Zeit. Das ist aber auch gut, denn wenn man das alles so romantisch verklärt, dann macht es das auch nicht einfacher. Ein gesunder Pragmatismus gegenüber dem, was man macht, nimmt auch etwas von dem Druck raus.