Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager
Die Kult-Serie Lost spielt in einer ganz eigenen Liga. Und das liegt nicht nur an den Einschaltquoten. Stattdessen ist der Kulterfolg in der Dickköpfigkeit und Genialität seiner Macher begründet, die ganz eigene Wege mit ihrer Show gehen. Nun startet Staffel Fünf.
In der Fernsehlandschaft gibt es immer wieder Erfolgsserien, die über sich und einfache, gut gemachte Unterhaltung hinauswachsen und zum Phänomen werden. Ob Star Trek, Buffy oder Akte X – sie alle haben ein ganz eigenes Universum kreiert und können sich auf ihre Fans verlassen. Doch Lost stellt selbst zwischen diesen TV-Giganten etwas Besonderes dar. Heute startet die Serie auf Kabel Eins in die fünfte und vorletzte Staffel.
Trotz des riesigen Erfolges, den das Abenteuer von den Überlebenden des Flugs Oceanic 815, die auf einer mysteriösen Insel stranden, weltweit, aber vor allem in den USA hat, ist die Kultshow von der ersten Folge bis zur letzten geplanten Minute integer. Sowohl Erfinder J.J. Abrams als auch seine zwei federführenden kreativen Köpfe Damon Lindelof und Carlton Cuse wussten vom ersten Moment an, wo sie Lost hinführen wollten. Und sie haben auch nie ein Geheimnis daraus gemacht. Wie J.K. Rowling schon sehr früh wusste, welcher Satz ihre sieben Harry-Potter-Bücher beenden sollte, so wusste das Lost-Team genau, wohin die verwirrende Reise gehen sollte.
Um sich weder von den Einschaltquoten, noch von den Fans oder ihren Bossen von ihrem Vorhaben abbringen zu lassen, legten sie sich auf eine genaue Anzahl an Staffeln fest. Genau sechs an der Zahl sollten es sein - bis dahin und nicht weiter. Sie wollten sich nur die Zeit nehmen, die sie brauchen, um ihre Geschichte zu erzählen und vor allem die Handlung nicht künstlich herauszögern, nur, um noch mehr Geld zu verdienen. Natürlich war so viel freie Hand und Dickkopf nur bei entsprechendem Erfolg möglich. Doch der war überwältigend.
Quälende Durststrecken
Auch ließ sich sich das Team nie unter Druck setzen, mehr Folgen pro Staffel auf den Markt zu werfen als geplant. Das hatte zur Konsequenz, dass nicht, wie bei anderen Serien üblich, immer 24 Folgen produziert wurden, sondern teilweise nur 13 (während des Streiks der Drehbuchautoren) oder wie im Fall der fünften Staffel 16 Folgen. Daraus ergaben sich lange Durststrecken von bis zu acht Monaten, in denen die Fans mit ihren Spekulationen allein gelassen wurden. Quälend, aber lohnend.
Auch scherten sich die Lost-Macher kein bisschen darum, dass ein Quereinstieg in ihre Welt kaum möglich ist. Die Geschichte ist alles andere als massenkompatibel erzählt, nicht jede Folge steht für sich. Wer eine verpasst, der hat Schwierigkeiten zu folgen. Das schließt zwar einen großen Teil des Fernsehpublikums aus. Doch die Fans sind um so treuer.
Lost-Zuschauer zu sein heißt, alle Folgen gesehen zu haben, alle Figuren zu kennen, mitzurätseln und seine eigenen, wilden Theorien aus verschiedensten Hinweisen entwickelt zu haben. Es ist wie eine Auszeichnung, eine Leistung. Allein um Hurleys Unglückszahlen - 4, 8, 15, 16 , 23 und 42 - ranken sich im Internet dutzende von Verschwörungstheorien, die ihre Ansätze aus Mythologien, Wissenschaften und literarischen Hinweisen des kollektiven Weltwissens beziehen.
Auch lässt sich Lost nicht nebenbei gucken. Es zwingt zu Aufmerksamkeit und Mitdenken. Wer übersieht, dass der Hai, der im linken Bildrand vorbeischwimmt, von der Dharma-Initiative gebranntmarkt wurde, nun, der hat vielleicht einen entscheidenden Hinweis verpasst. Das mag vielen zu anstrengend sein, aber Abrams & Co. wollen eben auch nicht jeden erreichen. Dafür gibt es leichter zugängliche Kost auf der Mattscheibe.
Doch die intellektuellen Labyrinthe allein sorgen nicht für die Magie, die von dieser Sendung ausgeht. Bei all den komplizierten, verwinkelten Handlungen, Nebenhandlungen und Querverbindungen ist Lost vor allem eins: äußerst menschlich. Denn noch wichtiger als die bisweilen unerträgliche Spannung und das große verwirrende Ganze sind den Machern ihre Figuren. Und die bekommen sehr viel Platz.
Figuren mit Tiefe und viel Platz
Auch in dieser Hinsicht ist Lost ein Exot. Selten, wenn nicht sogar nie, hat eine Sendung den Charakteren soviel Raum und Tiefe geboten. Nicht nur die Momente auf der Insel, sondern auch Flashbacks sowie Flashforwards liefern den Schauspielern und Schreibern die Möglichkeit, den Figuren viele Ecken und Kanten zu geben. Ein sensibler Kraftakt, wenn man bedenkt, dass nicht nur ein oder zwei Figuren im Mittelpunkt stehen, sondern sich bisweilen mehr als 15 - je nach Staffel - im Zentrum der emotionalen Aufmerksamkeit abwechseln.
Dabei schreckt Lost auch nicht davor zurück, jeder Figur ihre Stärken, Schwächen und glanzlosen Momente zuzugestehen. Niemand wird zum Sprüchelieferanten, «Comic Relief», Helden oder Abziehbild-Bösewicht benutzt. Das brillante Darstellerensemble zudem hat sich durch die Bank als Glücksgriff erwiesen.
Dass jeder Zeit jede Figur den Tod finden kann, macht das Mitfiebern umso reizvoller. Als der Fan-Favorit Charlie, gespielt von Dominic Monaghan, am Ende der dritten Staffel sein Leben für die Gemeinschaft ließ, liefen weltweit erschütterte Tränen.
Auch in der fünften und vorletzten Staffel warten viele tragische und spektakuläre Momente auf die Fans. Es kommen neue Figuren hinzu, andere sterben, altbekannte Gesichter wandeln sich und es kommen Wendungen, die selbst die wildesten Theorien nicht bedacht haben. Der Wahrheit der Insel rückt der Zuschauer dennoch nur ein kleines Stückchen näher. In den USA starten im Februar mit der sechsten Staffel bereits die letzten Folgen. Und die Fanwelt ist gespannt, wie Abrams, Lindelof und Cuse das große Geheimnis dieses Ortes enthüllen werden.
Lost, donnerstags, 21.15 Uhr, Kabel Eins
bla/ivb/news.de