Von Tamara Lush, Haiti
Während Haiti im Chaos zu versinken droht, ist das Radio eine der letzten verbliebenen Informationsquellen für die Menschen. Sie setzen Hilferufe und Vermisstenmeldungen ab und erhalten wichtige Tipps. Rund um die Uhr.
Die Anruferin aus den USA ist verzweifelt. Sie hat gerade eine SMS von einem Freund bekommen, der unter den Trümmern einer Schule in Port-au-Prince verschüttet liegt und will das weitermelden. Den Rettungstrupps, der haitischen Regierung, irgendjemandem. Sie hat die richtige Nummer gewählt: Signal FM, der einzige Radiosender der Hauptstadt, der während des Erdbebens auf Sendung blieb. Gebäude und Technik kamen unbeschädigt davon, und der Sender wurde seit der Katastrophe vor einer Woche zu einer wichtigen Informationsbörse.
Tag und Nacht sagen die Journalisten und Disc-Jockeys Namen von Vermissten durch, melden, wo ein Laden geöffnet hat und welche Prominenten ums Leben gekommen sind. Gleichzeitig nehmen sie panische Telefonanrufe und E-Mails aus dem In- und Ausland entgegen. Draußen auf dem Parkplatz im Stadtteil Petionville drängen sich die Leute mit zerknitterten Notizzetteln und flehen die Ansager an, die Namen ihrer vermissten Angehörigen durchzusagen und bekanntzugeben, wo hungrige Menschen dringend Hilfe brauchen.
Ersatz für Regierung
«Der Rundfunksender ist für die Menschen jetzt das Leben», sagt Roselaure Revil. Die 56-Jährige organisiert ein kleines kirchliches Hilfsprogramm, dem es an Lebensmitteln, Wasser und Kleidung fehlt. «Ohne den Sender ist das Land tot. Ohne den Sender können wir nicht kommunizieren. Wir haben gar nichts.»
Auf den Straßen von Port-au-Prince sieht man immer wieder Überlebende durch den Staub stapfen, die kleine Transistorradios ans Ohr halten. So wie Bernardin Abady, der gerade am eingestürzten Präsidentenpalast vorbeikommt und aufmerksam Signal FM hört. «Je besser man informiert ist, desto weniger Probleme hat man», erklärt der Elektriker.
Schon vor dem Beben war der Rundfunk das meistgenutzte Medium. Die Hälfte der Haitianer sollen Analphabeten sein und können keine Zeitung lesen. Da viele Haushalte keinen Strom haben, fällt auch Fernsehen flach. Sender wie Signal FM machen außerdem überdeutlich, wie wenig von der Regierung nach dem Beben zu hören und zu sehen ist. Präsident René Preval hat sich bislang noch auf keinem Kanal live an das Volk gewandt; stattdessen schickte er am Tag nach der Katastrophe eine Bandkassette an Signal FM.
«Die Radiosender halten das Land zusammen», findet Carla Bluntschli, eine Amerikanerin, die seit 25 Jahren in Haiti lebt und ins Studio gekommen ist, um bekanntzumachen, dass in ihrer Nachbarschaft dringend Nahrung und Wasser gebraucht wird. «In gewisser Weise ersetzen sie irgendwie die Regierung.»
«So wichtig wie Essen und Trinken»
Insgesamt 26 Rundfunksender waren nach Angaben der Organisation Internews, die sich um Medienzugang in Katastrophengebieten kümmert, am Dienstag in Port-au-Prince in Betrieb. Manche senden nur ein paar Stunden am Tag, andere hauptsächlich Musik oder religiöse Programme. Signal FM ist einer der wenigen, die rund um die Uhr Nachrichten bringen.
Das sei entscheidend für die Bürger, die alles verloren haben, erklärt Internews-Projektleiter Jacobo Quintanilla, der Kontakte zwischen Sendern und Hilfsorganisationen knüpft. Er erzählt, wie sich mitten in Port-au-Prince eine Menschentraube um ein Auto mit einem Ghetto-Blaster auf dem Dach drängte und Radio hörte. «Das ist genauso wichtig, wie für Essen, Trinken und Obdach zu sorgen», betont er. «Das schafft Vertrauen und Zuversicht, dass irgendjemand ihren Sorgen Gehör schenkt.»
Die Leute bei Signal FM hören die Sorgen der ganzen Stadt, den Mangel, den Kummer, die Verzweiflung. Ob irgendjemand versucht hat, den verschütteten Freund der Anruferin aus den USA zu retten, wissen sie nicht. Sie haben keine Zeit, allen Hilferufen nachzugehen, die sie ausstrahlen. «Ich sage allen hier, hört nicht auf zu arbeiten», erklärt Senderchef Mario Viau. «Wenn du aufhörst zu arbeiten, fängst du an nachzudenken.»
bla/amg/ivb/news.de/ap